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"Kopfwelten" zum Tod von Osama bin Laden: Rache oder Gerechtigkeit?

Der Jubel vor allem in den USA nach dem Tod des Terror-Führers Osama bin Laden ist verständlich. Doch ist die Welt damit wirklich gerechter geworden?

Von Frank Ochmann

Gott sei Dank, Osama bin Laden ist tot: Für viele Amerikaner hat der Terrorführer seine gerechte Strafe bekommen

Gott sei Dank, Osama bin Laden ist tot: Für viele Amerikaner hat der Terrorführer seine gerechte Strafe bekommen

Er hat also endlich bekommen, was er verdiente!" So oder so ähnlich lautet wohl einer der häufigsten Reaktionen auf den Tod Osama bin Ladens. Jedenfalls in unserem Teil der Welt. Genugtuung schwingt mit, wenn wir Gerechtigkeit da entdecken, wo zuvor keine war. Und für viele war es ja zutiefst ungerecht, dass der womöglich wichtigste Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2011 und etlicher anderer Terrorakte davor und danach so lange unbehelligt blieb. Jede seiner Audio- oder Videobotschaften war eine Erinnerung daran, dass da noch eine Rechnung zu begleichen war. Nun ist es geschehen.

Dass die Welt nach dem Tod von Osama bin Laden nicht sicherer ist als zuvor, lässt sich allein an den erhöhten Abwehrmaßnahmen ablesen, die überall in der westlichen Welt in Kraft gesetzt wurden. Natürlich ist die Gefahr nicht gebannt, die von einem Terrornetzwerk wie al Kaida ausgeht, nur weil seine Symbolfigur ausgeschaltet wurde. Auch lässt sich das Leid nicht ungeschehen machen, das im Namen bin Ladens über die Menschen kam. Doch etwas anderes, nicht weniger Gravierendes lässt sich durchaus beheben: die Wiederherstellung einer "gerechten Welt", wie wir alle sie uns ersehnen.

Mitte der 1960er Jahre stellte der amerikanische Sozialpsychologe Melvin Lerner die These auf, es gehöre zu den universellen, kulturübergeifenden Bedürfnissen des Menschen, an eine solche gerechte Welt glauben zu dürfen. Der simple Kern dieses – von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägten – Glaubens ist der, dass sich von dem, was einem widerfährt, darauf schließen lässt, was derjenige für einer ist. Anders gesagt: Gerecht geht es zu, wenn Gute Gutes und Schlechte Schlechtes erleben.

Dass uns diese Einschätzung mit einem geistigen Schritt zur Seite vermutlich ziemlich naiv vorkommt, ändert nichts an ihrer Verbreitung und auch nicht am Einfluss, den sie wenigstens unbewusst auf unser Denken und Handeln hat. Die meisten von uns haben wohl zum Beispiel über Krebskranke den Satz gehört, er oder sie habe das "nun wirklich nicht verdient". Dieses Urteil ist nur dann logisch sinnvoll, wenn wir zugleich zulassen – ohne es üblicherweise auszusprechen –, dass andere völlig zu Recht an einem Tumor erkranken. Als Strafe für ihr übles Tun nämlich. Und wenn einer von einem Schicksal sagt, das wünsche er seinem ärgsten Feind nicht, dann steht zwischen den Zeilen: "auch wenn er es verdient hätte."

Eine gerechte Welt ist eine berechenbare Welt

Was haben wir davon, in einer Welt zu leben, die "gerecht" ist? Das: Eine gerechte Welt ist eine berechenbare Welt. Eine berechenbare Welt aber ist eine, in der ich mich so verhalten kann, dass ich Üblem aus dem Wege gehen und Gutes erstreben kann. Ist eine Welt also ganz und gar gerecht, muss ich mich nur noch nach ihren Regeln richten, und schon kann ich sicher sein, dass es mir gut ergehen wird – soweit die Theorie.

Natürlich ist es reine Theorie, dass die Welt genau so funktioniert. Weil aber allein die Vorstellung so attraktiv ist, tun wir einiges dafür, das Ideal möglichst zur Realität werden zu lassen. Menschen, deren Gerechtigkeitsbedürfnis besonders stark ausgeprägt ist, sind zum Beispiel kooperativer und selbstloser als andere – schließlich gehen sie davon aus, dass ihnen ihre Güte zumindest später zugutekommt. Und sei es im Himmel, wenn einmal der ewige Richter sein Urteil spricht. Auf den wies denn auch nicht ganz unerwartet der Vatikan in seiner Reaktion auf den Tod bin Ladens hin. Der nun besiegte "Fürst des Terrors" werde sich vor Gott zu verantworten haben, hieß es in einer ersten Stellungnahme aus Rom.

Genugtuung, keine Sicherheit

Und was erleben in diesen Stunden die Menschen, die durch bin Ladens und seiner Anhänger Attentate selbst gelitten haben, weil sie an Leib und Seele verletzt wurden oder Menschen verloren, die ihnen viel bedeuteten? Sie werden genau die Erfahrung machen, die Melvin Lerners Theorie vorhersagt: Sie werden die Welt als ein Stück gerechter erfahren. Und manche – so war es auch schon aus ersten Stellungnahmen rund um den New Yorker "Ground Zero" zu hören – werden nun erleichtert feststellen, dass ein schlimmes Kapitel ihres Lebens abgeschlossen ist. Vielleicht werden sie erst jetzt, fast zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001, wieder den Blick nach vorn richten können. Denn womöglich haben sie durch den Tod bin Ladens den Glauben an die Gerechtigkeit zurückgewonnen.

Die Welt aber wäre nicht so zerrissen, wie sie ist, gäbe es nicht eine Kehrseite zu dieser Sicht der Dinge. Denn zweifellos gibt es auch etliche Menschen, die keineswegs glauben, Osama bin Laden habe ein gerechtes Ende gefunden. Zumindest jene Menschen nicht, die seine Weltsicht teilen und schon deshalb eine ganze andere Vorstellung von Gut und Böse haben als die meisten von uns hier im Westen. Für diese Menschen ist der nächtliche Angriff von Abbottabad in Pakistan ein Akt tiefer Ungerechtigkeit. Und weil auch sie sich eine "gerechte Welt" erhoffen, werden sie versuchen, auf ihre Weise Gerechtigkeit zu schaffen. Heute oder morgen oder später.

Schon deshalb schaffen Kommandoaktionen wie die gegen bin Laden keine Sicherheit, sondern allenfalls Genugtuung. Auch die Abschreckungswirkung dürfte denkbar gering sein. Wer die Welt sicherer machen will, muss versuchen, die jeweiligen Vorstellungen von "gut" und "böse" miteinander zu versöhnen. Ein anderer Weg ist auch nach dem Tod von Osama bin Laden nicht in Sicht.

Literatur

  • Callan, M. J. et al. 2009: The effects of justice motivation on memory for self- and other-relevant events. Journal of Experimental Social Psychology 45, 614–623
  • Edlund, J. E. et al. 2007: Reciprocity and the belief in a just world.
  • Personality and Individual Differences 43, 589–596
  • Furnham, A. 2003: Belief in a just world: research progress over the past decade. Personality and Individual Differences 34 (2003) 795–817
  • Lerner, M. J. & Miller, D. T. 1978: Just World Research and the Attribution Process: Looking Back and Ahead. Psychological Bulletin 85, 1030-1051
  • Strelan, P. & Sutton, R. M. 2011: When just-world beliefs promote and when they inhibit forgiveness. Personality and Individual Differences 50, 163–168