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Kopfwelten zum Friedensnobelpreis Eine Ehrung ohne Folgen


Liu Xiaobo wurde vergangene Woche als Kämpfer für die fundamentalen Menschenrechte mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Aber was bedeutet das? Hat die Vergabe Konsequenzen? Sie ist eine Folge unseres schlechten Gewissens, meint stern-Autor Frank Ochmann.

Liu Xiaobo war vor der Vergabe des Friedensnobelpreises einer der aussichtsreichsten Anwärter. Abgesehen von der offiziellen Reaktion der chinesischen Führung gab es am vergangenen Freitag zur diesjährigen Verleihung darum wenig Überraschung und einhellige Zustimmung.

Viele hier bei uns im Westen kannten Liu gar nicht. Doch nach den Berichten der vergangenen Tage wissen auch sie, dass der Preisträger Schriftsteller ist und wegen seiner kritischen Haltung zur offiziellen Staatslinie seit 2008 inhaftiert. Er sei ein Krimineller, sagt das offizielle Beijing. Er sei seit langem ein friedlicher Kämpfer für die Menschenrechte, sagen die Mitglieder des Nobelkomitees in Oslo.

Im vergangenen Jahr war zumindest für uns in der Zuschauerrolle alles viel einfacher. Da hatte US-Präsident Barack Obama den Friedenspreis erhalten, weil das Komitee wohl vermutete, er würde sich in der Zukunft dessen würdig erweisen. Praktische Konsequenzen hätte dieser Preis also vor allem für den Ausgezeichneten haben müssen. Es kann an dieser Stelle offen bleiben, ob entsprechende Hoffnungen von ihm schon erfüllt wurden.

Dieses Jahr aber hat der neue Preisträger ja bereits bewiesen, dass er die Auszeichnung verdient hat. Seine Haft ist seine Legitimation, wenn es die überhaupt noch gebraucht hat. Nichts also stellt in Zweifel, dass in diesem Jahr eine gute Wahl getroffen wurde. Was aber ist dann mit den Konsequenzen? Kann es einen solchen Preis sinnvollerweise geben, ohne dass er irgendwelche Konsequenzen hätte?

Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Regierungsvertreter aus Deutschland und vielen anderen Ländern haben bereits gefordert, Liu müsse nun freigelassen werden. Stattdessen scheint es allerdings so, als sei inzwischen auch seine Frau ihrer verbliebenen Bewegungsfreiheit beraubt und unter Hausarrest gestellt worden. Von Freilassung Lius keine Spur. Und nun? Was werden wir von unserer Seite aus politisch als nächstes tun? Den Druck erhöhen? Werden vielleicht Wirtschaftssanktionen folgen?

Natürlich bin ich nicht so naiv, solche Sanktionen wirklich zu erwarten. Nicht bei einem Land, in dessen wirtschaftliche Abhängigkeit wir immer stärker geraten. Ich versuche nur mit etwas Abstand zur Aktualität zu verstehen, wie es zum Beispiel für einen Regierungsvertreter bei uns möglich ist, Liu und seine Mitstreiter für ihren Mut und Widerstand zu loben - und dann anscheinend darauf zu warten, dass im Umgang mit China der Alltag einkehrt und sich jede Seite vor allem wieder mit den eigenen Problemen befassen kann. Wie passt das zu den Idealen der Demokratie und der Freiheit? Wie passt das zu den offiziell verkündeten moralischen Standards hierzulande? Und ich unterstelle, dass es solche Überzeugungen bei den Betreffenden wirklich gibt.

Wenn Anspruch und Wirklichkeit, Überzeugung und Handeln auseinanderklaffen, spricht man in der Psychologie von einer "kognitiven Dissonanz". Es knirscht im Gehirn, könnten wir auch salopp sagen, weil uns bewusst wird, dass wir nicht tun, was wir tun müssten oder ja eigentlich auch viel lieber möchten. Betrifft eine solche Dissonanz eine moralische Frage, dann kann man das erwähnte Unwohlsein im Kopf oder vielleicht auch in der Magengrube "Gewissensbisse" nennen.

Unausgesprochene Bitte um Entschuldigung

Eine Beobachtung in diesem Zusammenhang ist die des moralischen Überkompensierens. Typische Situation: Er bringt nach Jahren zum ersten Mal nach der Arbeit Blumen mit, und sofort ist klar: Er hat was ausgefressen, das er bereut. Eine zweite Reaktion auf Gewissensbisse ist moralisches Rationalisieren. Sich eigenes Fehlverhalten schön reden, kann man auch sagen: Ich hätte ja gern anders, aber es ging doch nicht, weil ... und überhaupt: wer ist denn kein Heuchler, wenn es hart auf hart kommt? Auch das kennen wir zur Genüge. Vermutlich auch aus eigener Erfahrung.

Und beide Reaktionen lassen sich auch beim diesjährigen Friedensnobelpreis wiederentdecken. Liu sitzt nicht erst seit vergangener Woche ein. Er ist auch nicht der einzige politische Häftling des Landes. Und das Massaker vom Tiananmen-Platz war 1989. Es war also genug Zeit für westliche Dissonanzen und Gewissensbisse, während die Wirtschaftsbeziehungen enger und die Mächtigen der werdenden Weltmacht hofiert wurden. Mit der Vergabe von Olympischen Sommerspielen zum Beispiel. Das Schönreden davor und danach haben wir noch im Ohr. Und nun folgte also am vergangenen Freitag die überfällige Kompensation.

Somit muss dieser Friedensnobelpreis gar keine Folgen haben. Vielmehr ist er wohl selbst eine Folge - Folge des schlechten Gewissens, das uns schon lange plagen sollte. Den Preis an Liu kann man auch als eine öffentliche Bußleistung verstehen, vielleicht sogar als eine unausgesprochene Bitte um Entschuldigung, wie kläglich das moralisch gesehen auch immer sein mag. Wieder einmal haben wir gelernt, dass wir aus einem solchen moralischen Dilemma nicht mit sauberen Händen herauskommen können.

Begründete Sorgen muss sich die chinesische Führung wegen weiterer Reaktionen des Westens auf den Friedensnobelpreis also nicht machen. Vermutlich hat sie das aber auch schon nicht mehr getan, nachdem der erste Zorn verraucht war.

Literatur:

  • Bauman, C. W. & Skitka, L. J. 2009: In the Mind of the Perceiver: Psychological Implications of Moral Conviction. Psychology of Learning and Motivation 50, 339-362
  • Jost, J. T. & Hunyady, O. 2002: The psychology of system justification and the palliative function of ideology. European Review of Social Psychology 13, 111-153
  • Lammers, J. et al. 2010: Power Increases Hypocrisy Moralizing in Reasoning, Immorality in Behavior. Psychological Science 5, 737-744
  • McKimmie, B. M. et al. 2003: I'm a Hypocrite, but So Is Everyone Else: Group Support and the Reduction of Cognitive Dissonance. Group Dynamics: Theory, Research, and Practice 7, 214 -224
  • Tsang, J.-A. 2002: Moral Rationalization and the Integration of Situational Factors and Psychological Processes in Immoral Behavior. Review of General Psychology 6, 25-50

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