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Frankreich Virus von Tier auf Mensch übertragen: Dieser Neandertaler könnte vor 50.000 Jahren der erste Betroffene von Zoonose gewesen sein

Das rekonstruierte Gesicht eines Neandertalers
Das rekonstruierte Gesicht eines Neandertalers
© Bart Maat / Picture Alliance
Der "alte Mann von La Chapelle" bereitete Wissenschaftlern Kopfzerbrechen, da sich die Abnutzungsspuren an seinen Knochen nicht logisch erklären ließen. Bis sie genauer hinschauten.

Dass Krankheiten von Tieren auf Menschen überspringen, das ist nichts Neues. Derzeit ist dies eine Theorie, wie das Coronavirus zum weltweiten Problem wurde, aber auch viele andere schwere Krankheiten haben ihren Ursprung in der Tierwelt. Mehrmals in der Geschichte versetzte etwa die Pest die Weltbevölkerung in Angst und Schrecken. Wie weit sogenannte Zoonosen allerdings zurückreichen, ist dann vielleicht doch überraschend. Forschende konnten nun nachweisen, dass sogar die Neandertaler in Europa davon betroffen waren.

Das Forschungsteam hatte einen der ersten gut erhaltenen Neandertalerschädel, die je gefunden wurden, noch einmal unter die Lupe genommen und mit modernen Methoden untersucht. Er wurde 1908 in Frankreich entdeckt und hat den Spitznamen "Der alte Mann von La Chapelle" bekommen, da es sich um den Schädel eines Mannes handelt, der im Alter von 50 bis 60 Jahren starb und damit für die damaligen Verhältnisse recht alt wurde. Bei den aktuellen Untersuchungen waren sich die Wissenschaftler:innen aber schnell einig: Trotz des stolzen Alters ließen sich die starken Abnutzungsspuren an den Knochen nicht durch normalen Verschleiß erklären. Aber durch was dann?

Neandertaler-Schädel wies untypische Spuren auf

"Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass diese krankhaften Veränderungen durch entzündliche Prozesse entstanden sein müssen", sagt Dr. Martin Haeusler von der Universität Zürich, der an dem projekt beteiligt war. Die Überreste des Mannes von La Chapelle wurden mit den Knochen vieler anderer Skelette verglichen. "Das führte uns zu der Diagnose, dass er an Brucellose litt." Dabei handelt es sich um eine Infektionskrankheit, die vom Tier auf den Menschen übertragen wird – offenbar bereits vor 50.000 Jahren.

Brucellose ist auch heute noch relativ weit verbreitet. Menschen stecken sich beispielsweise an, wenn sie kontaminierte, unpasteurisierte Milch trinken oder Kontakt mit rohem Fleisch haben. Die Symptome können extrem unangenehm sein – Fieber, Muskelschmerzen, Nachtschweiß – und vor allem lange anhalten, teils mehrere Monate. Das Virus kann für Unfruchtbarkeit verantwortlich sein und Herzmuskelentzündungen verursachen. Es kann auch Osteoarthritis, eine Knochenentzündung, auftreten – wie beim untersuchten Neandertaler.

Neandertaler infizierte sich wohl durch Wildfleisch

Angesteckt hat der Mann sich vermutlich beim Zerteilen von Wildfleisch, um es fürs Kochen vorzubereiten – viele Wildtiere tragen das Virus in sich. Nicht angesteckt hat er sich jedoch durch den Kontakt zu Mammut- oder Nashornfleisch, da Wissenschaftler:innen festgestellt haben, dass diese beiden Tierarten, die beliebte Jagdbeute der Neandertaler waren, in der Regel nicht anfällig für Brucellose waren.

Obwohl er sichtbare Schäden durch die Infektion davontrug, scheint der "alte Mann" Glück gehabt und einen milden Verlauf durchgemacht zu haben – sonst hätte er nicht ein so stolzes Alter erreicht. Da er auch all seine Zähne verloren hatte, musste er vermutlich gegen Ende seines Lebens von Familienmitgliedern gefüttert und versorgt werden. Das zeigt, dass Neandertaler keineswegs pragmatische Wilde waren, sondern in ihren Familienverbänden fürsorglich füreinander da waren. Auch für den Mann aus La Chapelle, der nun der bisher erste offizielle Betroffene einer Brucellose-Erkrankung ist.

Quelle:  CNN

wt

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