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Arktis-Expedition, Teil 1: Dem Klimawandel auf der Spur

Den Einfluss der Erderwärmung auf die Nordmeere zu untersuchen - mit diesem Auftrag ist das Forschungsschiff "Polarstern" in Norwegen in See gestochen. stern.de ist an Bord und berichtet im ersten Teil der Serie über die Arbeit der Ozeanografen.

Von Wolfgang Metzner, 78° 49' Nord, 4° 54' Ost

Wie weit wird das Eis diesmal schmelzen? So weit wie 2007, als Satellitenbilder einen dramatischen Rekord zeigten? Oder noch brutaler? Wird der Nordpol in diesem Sommer sogar erstmals völlig ohne weiße Kappe sein? Wer jetzt auf der Brücke der "Polarstern" steht, kann sich dieses Horrorszenario amerikanischer Forscher kaum vorstellen. Das Forschungsschiff aus Bremerhaven bebt und stampft, als es sich in der Framstraße durch mächtige, glitzernde Schollen kämpfen muss.

Der Kurs geht nach Westen: Auf seiner Arktisexpedition fährt das Flaggschiff des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) am 79. Breitengrad entlang von Spitzbergen Richtung Grönland. Und ist schon wenige Tage nach dem Auslaufen aus Longyearbyen, der nördlichsten Stadt der Welt, in riesige Eisfelder geraten. Der Bug mit seinen 5,8 Zentimeter starken Stahlplatten prallt auf Eisschollen, die krachend gespalten werden. Schiebt türkis schimmernde Teile so übereinander, dass Zacken in die Höhe ragen. Drückt sie links und rechts zur Seite, bis sie in einem Strudel wegdrehen. Das ganze Schiff neigt sich, als es auf eine Scholle trifft, die so groß ist, dass sie den 118-Meter-Koloss aus seiner Bahn drängt. "Ruder hart steuerbord!" ruft der Offizier auf der Brücke, der mit dem Fernglas Ausschau nach vorn hält. Wer hier eine freie Passage durch das wilde Gewirr finden will, braucht schon ein besonderes Gespür für Eis.

Frostiger Empfang für die Wissenschaftler

"Eigentlich haben wir das hier nicht erwartet", sagt Gerhard Kattner, der Expeditionsleiter. Nicht nur der weißbärtige Professor für Meereschemie wundert sich über den frostigen Empfang im Nordmeer. Aber die weiße Pracht rund um das Schiff, betont Kattner, taugt nicht für Prognosen. "Eisschollen werden vor allem durch Wind transportiert. Dieses einjährige Meereis hat der Nordwestwind herunter getrieben, und es wird den Sommer nicht überleben. Um Aussagen über die Entwicklung in der Arktis und den globalen Klimawandel machen zu können, brauchen wir langfristige, verlässliche Daten." Genau deswegen ist die "Polarstern" hier.

37 Wissenschaftler aus acht Nationen sind auf dem schwimmenden Labor zusammen gekommen, um im Internationalen Polarjahr die Zusammenhänge zwischen Nordmeer und globalen Klimawandel zu erforschen. Auf dem Arbeitsdeck sieht es aus wie in einem Industriepark, in dem Geräte wie aus einem Science-Fiction-Film auf ihren Einsatz warten. Zwischen Containern und Kabelspulen liegt ein knallgelber "Seaglider", der mit seinen kleinen Flügeln einem Torpedo ähnelt. Daneben werden "Echo Sounder" bereit gemacht, die Satelliten gleichen, aber auf den Meeresgrund landen. Ein Kran versetzt eine "CTD-Rosette", die Wasserproben nehmen soll und mit einer kreisrunden Batterie von Behältern in einem merkwürdigen Stahlgestell be-stückt ist. Und in den vergangenen Tagen wurden schon zahlreiche Strömungsmes-ser mit Temperaturfühlern und Drucksensoren versenkt.

Das Wasser hat sich erhitzt

Sie werden Daten bis zu einigen tausend Metern Tiefe sammeln: befestigt an Seilen, die am Meeresboden durch das Gewicht von schrottreifen Eisenbahnrädern verankert sind. Nach einem Jahr sollen sie durch gelbe und orange Schwimmkörper wieder an die Wasseroberfläche auftreiben, wenn die Verbindung zu den Eisenrädern durch ein akustisches Signal gelöst wird. "Wir wollen wissen: Welches Wasser fließt wann wohin?" sagt Matthias Monsees, der Techniker, der mit seinen Helfern diese kilometerlangen Langzeit-Verankerungen ins Wasser setzt und hofft, dass die teuren Hightech-Instrumente auch heil wieder rauskommen. Die "Polarstern" hat in den vergangenen Tagen schon einige wieder einholen können, die 2007 ausgelegt worden waren. Jetzt beginnen die Ozeanografen im Computerraum nebenan, die Daten auf ihren Computern auszulesen.

"Die Framstraße zwischen Spitzbergen und Grönland, in der wir diese Geräte einset-zen, hat eine überragende Bedeutung für den arktischen Ozean", sagt die Ozeanografin Agnieszka Beszczynska-Möller, "sie ist die einzige tiefe Verbindung zu den übrigen Weltmeeren. Und durch sie strömt Wasser aus dem Atlantik nach Norden ein." Das Problem: In den vergangenen Jahren ist dieses salzhaltige Wasser immer wärmer geworden. Von 1996 bis 2007 stieg die Temperatur im Schnitt um 1,2 Grad, in manchen Bereichen bis zu 4,5 Grad. Was auf den ersten Blick gering erscheinen mag, ist für die polnische Ozeanografin "eine gewaltige Veränderung". Denn es sind gigantische Wassermassen, die dort durchströmen. Der Boden der Framstraße ist in weiten Teilen rund 2.800 Metern tief.

Was ließ das Eis schmelzen?

Ist es diese Warmwasser-Pumpe, die das arktische Eis in den letzten Jahren immer weiter schmelzen ließ? Treibt letztlich der Golfstrom aus dem Atlantik die Temperaturen am Pol nach oben? Besteht die Gefahr, dass sich der eisfreie Ozean durch verminderte Reflektion der Sonnenstrahlen immer weiter aufheizt und das ganze Klima im Norden kippt? Wer einfache Botschaften erwartet, ist falsch auf der "Polarstern". "Ich weiß, dass die Leute gerne dramatische Aussagen hören", sagt die Wis-senschaftlerin aus Gdansk, die seit 2003 für das AWI arbeitet, "aber das ganze System ist viel zu kompliziert, um vorschnelle Feststellungen zu treffen." Jetzt sitzt sie in Jeans und marinefarbenem Pullover zwischen halb ausgepackten Alukisten am Rechner und wartet gespannt, ob sich der Trend der letzten Jahre fortsetzt. "Unsere Messungen sind für Klimamodelle sehr wichtig. Aber für Katastrophenszenarien taugen sie nicht."

Andere an Bord sind sich sicher, dass sie die Folgen des Klimawandels auf Expeditionsfahrten mit der "Polarstern" schon selbst wahrgenommen haben. Andreas Wisotzki zum Beispiel, der jetzt mit seinem CTD-Ufo an über hundert Positionen Wasserproben nehmen will. Zwei Jahre seines Lebens hat der 50-jährige Ozeanograf hier an Bord verbracht. Er liebt diese Reisen, bei denen er um Mitternacht bei hellem Tageslicht hinter der Reling den Horizont sieht, und er weiß gar nicht mehr, wie oft er mit Polarschiffen unterwegs war. Aber er ist überzeugt davon, dass er bei seinem letzten Trip in die zentrale Arktis im vorigen September viel weniger und viel dünneres Eis als früher gesehen hat.

Sato ist das hier schon zu viel. Der spanische Seemann hat Schwierigkeiten, ein Forschungsgerät zwischen den Schollen zu Wasser zu bringen. "Scheiß Eis!" schimpft der kleine Mann im ölverschmierten Overall, der seit 25 Jahren auf großer Fahrt mit der "Polarstern" und so etwas wie dessen gute Seele ist. Er hofft auf eisfreie Gewässer, wenn die Biologen in den nächsten Tagen den "Hausgarten" des AWI untersuchen. Der reicht bis zu einem schwarzen Loch im Ozean, dem "Molloy Hole", wo das Meer über 5.500 Meter tief ist. In den Tiefen des Ozeans hoffen die Wissenschaftler auf neue Erkenntnisse zum Einfluss des Klimawandels auf die Nordmeere.