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Artenschutz: Walfleisch wird zu Hundefutter

Island will die kommerzielle Waljagd wieder aufnehmen. Schon heute könnten die ersten Schiffe auslaufen. Tierschützer sind entsetzt - zumal die Nachfrage nach dem Fleisch stetig sinkt.

Island hat mit der Entscheidung für eine Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs internationale Kritik ausgelöst. "Die Entscheidung ist ein Schlag ins Gesicht der internationalen Gemeinschaft und steht im Gegensatz zu den intensiven Anstrengungen, Wale zu schützen", sagte der wissenschaftliche Leiter der internationalen Gesellschaft für Wal- und Delfinschutz, Mark Simmonds. "Es ist traurig, dass nun auch Finnwale im Nordatlantik wieder bejagt werden."

Fischereiminister Einar Kristinn Gudfinnsson hatte im isländischen Parlament angekündigt, dass Island wieder kommerziell Wale jagen will. Schon an diesem Mittwoch könnten die ersten Walfänger auslaufen, sagte Regierungsberater Björn Bringolfsson. Die kommerzielle Fangquote werde 30 Zwergwale und neun Finnwale betragen, die bis Ende August kommenden Jahres erlegt werden dürfen. Diese Tiere könnten zusätzlich zum als wissenschaftlich deklarierten Fangprogramm erlegt werden. Wie Nachbar Norwegen argumentiert Island, weiter wachsende Zwergwalpopulationen würden die Fischbestände im Nordatlantik bedrohen.

Das Moratorium der Internationalen Walfangkommission (IWC) erlaubt wissenschaftlichen Walfang, verbietet aber die kommerzielle Jagd. Island war jedoch nur unter Vorbehalten der IWC beigetreten und sieht sich daher wie Norwegen nicht an das Moratorium gebunden.

Walfleisch endet in Hundefutter

Für die Umweltorganisation Greenpeace ist die Erhöhung der Fangquote "nicht nachvollziehbar". Für Walprodukte in Kosmetika gebe es mittlerweile Ersatzstoffe wie Jojobaöl, und Walfischspeck sei mit Umweltgiften wie Pestiziden so stark belastet, dass von einem Konsum abgeraten würde, sagte Greenpeace-Sprecherin Stefanie Werner zu stern.de. Die Märkte für Walfleisch, lange eine Delikatesse in Japan, seien eingebrochen. Nur noch fünf Prozent der Japaner würden zum Beispiel überhaupt Walfleisch essen. Ein großer Teil des Fleisches ende deshalb nicht mehr in Feinschmeckerrestaurants, sondern in Hundefutter.

Auch das Argument, Wale zu wissenschaftlichen Zwecken fangen zu müssen, sei längst hinfällig. Als das Moratorium 1986 den kommerziellen Walfang verbot, sei es nicht möglich gewesen, bestimmte Forschungen an lebenden Tieren durchzuführen. Deshalb wurden damals vereinzelte Exemplare zum Abschuss frei gegeben. Heute ist laut Werner die Entnahme von Gewebeproben an Tieren in freier Wildbahn allerdings kein Problem mehr - und viel aufschlussreicher als das Sezieren toter Wale.

"Wenn sie in die Knie gehen, verlieren sie das Gesicht"

"Es stimmt auch nicht, dass Wale die Meere leer fressen", sagt Werner. Das hätten Studien der Welternährungsorganisation und von kanadischen Fischereiexperten widerlegt. "Wale ernähren sich von kleinen Schwärmern, während es der Mensch auf die großen Räuber abgesehen hat", sagt sie. Zudem seien Finnwale im Washingtoner Artenschutzabkommen in der höchsten Schutzkategorie.

Warum führt Island dann also den kommerziellen Walfang wieder ein? "Da geht es nur ums Prinzip", sagt Werner. Island sei genau wie Norwegen und Japan eine alte Fischereination, die sich nicht vorschreiben lassen wolle, wie sie mit ihren Fischgründen umgehen dürfe. Die Tagungen der IWC seien stets ein Machtkampf zwischen Walschutz- und Walfangnationen. "Wenn sie da in die Knie gehen, verlieren sie das Gesicht". Außerdem würde das Thema Wale dazu benutzt, von anderen Streitfragen im Marineressort abzulenken. Japan hätte den Bestand des Blauflossen-Thuns zum Beispiel bereits an den Rand des Kollaps gefischt - und das fast ungestört.

"Erschreckend grausame Methoden"

Auch Neuseeland verurteilte die Entscheidung Islands zur Wiederaufnahme der kommerziellen Waljagd. Umweltminister Chris Carter stellte die isländische Begründung, es gebe inzwischen genug Wale, in Frage. "Aber selbst wenn das so wäre, sind die Methoden zur Tötung der Finnwale erschreckend grausam", sagte Carter. Es sei äußerst bedauerlich, dass Island sich weigere zu sagen, wie lange es vom Abschuss der Harpune bis zum Tod des Tieres dauere.

Knappe Mehrheit gegen Verbot

Auf der Jahrestagung der IWC im Juni hatte sich das Gewicht erstmals seit Jahren zu Gunsten der Befürworter der kommerziellen Jagd verschoben. Die Delegierten hatten mit knapper Mehrheit für ein Kippen des seit 1986 geltenden Walfangverbots gestimmt. Für eine Abschaffung des Verbots ist die Zustimmung von 75 Prozent der 71 IWC-Mitglieder notwendig. Das Votum markierte nach Einschätzung von Beobachtern aber eine bedeutende Machtverschiebung zu Gunsten der Walfangverfechter. "Japan hat wahnsinnig viel Geld und Gedankengut darauf verwendet, die Stimmen der kleineren Länder zu kaufen", kommentiert Werner die Entwicklung für stern.de. Die Walschutznationen seien einfach zu unorganisiert und passiv.

Vor der Küste Islands gebe es mehr als 43.000 Zwergwale und 25.000 Finnwale, erklärte das isländische Fischereiministerium. Das Fleisch der Tiere sei in erster Linie für den einheimischen Markt gedacht, möglich seien aber auch Exporte ins Ausland.

Noch 69 Zwergwale dürfen getötet werden

Zwergwale sind die kleinsten der sieben Großwalarten. Sie werden bis zu elf Meter lang und acht Tonnen schwer. Von den 200 für den angeblich wissenschaftlichen Fang von Island freigegebenen Tieren wurden nach Regierungsangaben bislang 161 erlegt, so dass die Walfänger bis zum Ende der Walfangsaison im August 2007 insgesamt 69 Zwergwale töten können.

Norwegen hält sich bereits seit 1993 nicht mehr an das Moratorium und genehmigte für 2006 den Fang von mehr als 1000 Minkwale. Das Walfleisch wird meist als Steak gegessen. Japan beruft sich dagegen gänzlich auf Forschungsprogramme. In der vergangenen Saison wurden von japanischen Schiffen in arktischen Gewässern 850 Minkwale und zehn Finnwale gefangen.

Heike Sonnberger (mit DPA/AP/Reuters) / AP