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Schmuggel von Stoßzähnen Die Spur des Elfenbeins führt zu blutigem Terror


Etwa 30.000 afrikanische Elefanten werden jedes Jahr abgeschlachtet - aus Gier nach Elfenbein. Das geht zum größten Teil nach China. Milizen und Terroristengruppen fördern das blutige Geschäft, denn das Geld aus dem Handel hält sie am Leben.
Von Bryan Christy

Dante hat schon viel gemacht. Aber das, was ich von ihm verlange, hat selbst er noch nie getan. Und auch sonst niemand. Ich möchte, dass Dante mir einen künstlichen Elefantenstoßzahn modelliert. In diesen falschen Stoßzahn soll er ein maßgeschneidertes GPS und ein satellitengestütztes Ortungssystem einbauen. Mit den manipulierten Stoßzähnen will ich Menschen auf die Spur kommen, die Elefanten töten. Ich will herausfinden, welche Wege das Weiße Gold nimmt und durch wessen Hände es geht.

Der Afrikanische Elefant ist gefährdet, und dazu haben viele Faktoren beigetragen: eine boomende chinesische Mittelschicht mit unersättlicher Gier nach Elfenbein, bittere Armut in Afrika und schwache und korrupte Behörden. Etwa 30.000 afrikanische Elefanten werden jedes Jahr abgeschlachtet, der Großteil des illegalen Elfenbeins geht nach China.

Die Strafen sind gering

Einheimische töten Elefanten, weil sie Geld brauchen. Das Risiko, erwischt zu werden, gehen sie ein, denn die Strafen sind meist gering. In Zentralafrika wiederum heizt eine andere teuflische Kraft das Töten an: Milizen und Terroristengruppen, die sich zum Teil über Elfenbeinhandel finanzieren. Sie jagen Elefanten und richten sogar Stützpunkte in Nationalparks ein. Sie plündern Dörfer, versklaven Menschen und töten Park-Ranger, die ihnen in die Quere kommen.

Der Nationalpark Garamba, im Nordosten der DR Kongo und an der Grenze zum Südsudan gelegen, ist eine Unesco-Welterbestätte, zweimal so groß wie das Saarland und berühmt für seine Elefanten. Garamba gilt als Versteck der ugandischen Rebellengruppe Lord’s Resistance Army (LRA), angeführt von Joseph Kony, einem der meistgesuchten Terroristen Afrikas. Viele Kinder mussten mitansehen, wie Familienmitglieder in der Gemeinde von der LRA getötet wurden. Das Außenministerium der Vereinigten Staaten rief Kony 2008 zu einem der gefährlichsten Terroristen weltweit aus, die Afrikanische Union stufte die LRA als Terrororganisation ein.

Künstliches Elfenbein mit GPS-Sensor

Damit ich die künstlichen Stoßzähne vom Dschungel bis zu ihrem Bestimmungsort folgen kann, bekomme ich von Quintin Kermeen einen maßgeschneiderten Sender, welcher genaue Positionsdaten übermittelt. Während Dante damit beschäftigt ist, Kermeens Tracker in die Gussform für den Stoßzahn einzufügen, programmiert John Flaig, Spezialist für Luftaufnahmen aus der Stratosphäre, in der Software, wie oft am Tag die Positionsdaten übermittelt werden. Mit Google Earth wollen wir dem Weg des falschen Elfenbeins folgen.

Ich bin mit einem Flugzeug vom Garamba-Hauptquartier tief in den Park geflogen, um mich einer Anti-Wilderer-Patrouille anzuschließen. Auf halbem Weg erreichen wir eine Lichtung am Kassi River, vor Kurzem haben die Garamba-Ranger hier mit SPLA-Wilderern gekämpft, wobei zwei Wilderer getötet wurden. Ich finde ein Stück von einem menschlichen Schädel, und beinahe hebe ich eine scharfe Handgranate auf, die ich für eine Babyschildkröte gehalten habe. Auf unserer Patrouille begegnen wir weder Wilderern noch Rebellen. Doch Monate später, am 25. April 2015, wird Agoyo Mbikoyo, der Ranger, der mich durch den Garamba geführt hat, erschossen. Im Juni sterben drei weitere Parkangestellte im Einsatz.

Die Wanderung der Stoßzähne

Nach meinem Besuch im Garamba kontaktiere ich einen Vertrauensmann. Die falschen Stoßzähne werden in die Zentralafrikanische Republik auf den Schwarzmarkt nahe Mboki gebracht und in ein Elfenbeinlager geschmuggelt. Das Dorf liegt auf dem Transportweg des Elfenbeins zu Konys Stützpunkt in Darfur. Meine künstlichen Stoßzähne verharren über Wochen dort. Dann, unvermittelt, verschieben sich die Punkte um ein paar Kilometer. Plötzlich bewegen sie sich kontinuierlich nach Norden, etwa 20 Kilometer pro Tag entlang der südsudanesischen Grenze, wobei sie alle Straßen meiden. Am 15. Tag nach Beginn ihrer Reise überschreiten sie die südsudanesische Grenze. Von dort aus nehmen sie den Weg in die Enklave Kafia Kingi, ein umkämpftes Territorium in Darfur, das vom Sudan kontrolliert wird und als Kony-Versteck bekannt ist. Ein paar Tage später bewegen sich die Stoßzähne weiter zum sudanesischen Markt Songo. Dann geht es zehn Kilometer südwärts, zurück nach Kafia Kingi. Drei Wochen später wandern die Stoßzähne wieder nach Norden, zurück in den Sudan. Sie werden jetzt schneller, bewegen sich erst weiter nordwärts und dann nach Osten in Richtung Khartum.

Anfang dieses Jahres musste Kony das Überlaufen seines Kommandanten Dominic Ongwen hinnehmen. Ongwen erklärte den Streitkräften der Afrikanischen Union, dass Konys Gier nach Elfenbein noch größer geworden sei und dass dieser Kontakt zu Boko Haram aufnehmen möchte. Auch Boko Haram nutzt den Busch als Stützpunkt. Im März 2015 schloss sich Abubakar Shekau, Anführer der Boko Haram, der Terrormiliz Islamischer Staat an. Seine Gruppe wurde umbenannt in „Westafrikanische Provinz des Islamischen Staats“ und verschaffte so der Terrororganisation des Nahen Ostens ein Standbein in Westafrika.

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Juni 2015, www.nationalgeographic.de. Den ganzen Text finden Sie im Heft.


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