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Hauke Trinks: Eiskalte Experimente

Über ein Jahr verbrachte der Wissenschaftler Hauke Trinks auf einer einsamen Insel im Eis. Die einzige Gesellschaft: sein Hund und eine Frau, die er vorher kaum kannte.

Der Überfall ereignete sich tief in der Nacht. Unbemerkt war der mächtige Feind herangeschlichen, für sein Opfer ging es jetzt um Leben und Tod. Gegen den gewaltigen Räuber hatte der Schlittenhund kaum eine Chance: "Ich hastete aus dem Schlafsack", berichtet Polarforscher Hauke Trinks, "und sah durch das vereiste Fenster einen Eisbären im Kampf mit Balto. Schon stand ich mit dem Gewehr im Anschlag im eisigen Wind. Der Bär brummte, schnaubte und biss immer wieder in den zappelnden Hundekörper." Einen gezielten Schuss galt es zu vermeiden, weil Eisbären den besonderen Schutz des norwegischen Gesetzes genießen. "Wir feuerten Böllerschüsse ab, tobten und schrien. Der Bär blickte auf, warf seinen Körper blitzschnell herum und griff mich an. Wir flüchteten kurz in die Hütte, warfen die Tür ins Schloss und hörten, wie der Hund erneut attackiert wurde."

Schließlich gelingt es den beiden Bewaffneten, Trinks und seiner Expeditionsgefährtin, der Engländerin Marie Tièche, den Überfall des hungrigen Raubtieres abzuwehren. Der Sieg fordert Opfer: "Wir feuerten rechts und links des wild rasenden Bären in den Boden. Ein stechender Schmerz und dumpfes Brausen im linken Ohr - Marie hatte zu dicht an meinem Kopf vorbeigeschossen!" Nach 15 Schuss zog sich der Bär endlich zurück. Balto erlitt Biss- und Kratzwunden, sein Fell war von Bärengeifer verklebt, aber er hatte keine schweren Verletzungen erlitten. Trinks: "Erleichtert saßen wir zusammen mit dem uns dankbar umschmeichelnden Hund. Beim Putzen der Nase spürte ich, wie Luft aus meinem linken Ohr zischte. Aber was ist schon ein geplatztes Trommelfell, wenn man das Leben hätte verlieren können."

Bereits zum zweiten Mal hat der 61-jährige Physiker und Ex-Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg mehr als ein Jahr in der Abgeschiedenheit und Kälte nordpolarer Regionen verbracht. Trinks arbeitet an einer Theorie über die Entstehung des Lebens: Er sucht im Eis nach seinen Ursprüngen. Seine erste Expedition brachte der Professor, Abenteurer und Einhandsegler fern jeder Menschenseele zu. Auf seinem Segelschiff Mesuf ("Meer, Eis, Sonne und Finsternis") lebte er im Fjord von Mushamna im Norden Spitzbergens, ernährte sich erst von glibberigem Robbenspeck, geräucherten Fischen und Kakao mit Rum. Und dann, als die Vorräte ausgingen, teilte er sich mit seinen Huskies das Hundefutter.

Bei Trinks' jüngster Forschungsunternehmung auf die noch weiter nördlich gelegene (1000 Kilometer bis zum Pol), zu Spitzbergen gehörende Insel Nordaustland, ist zu den naturwissenschaftlichen Versuchen auch ein soziales Experiment dazugekommen: 13 Monate und ein paar Tage auf vier Mal vier Meter Wohnfläche zusammenleben mit einer selbstbewussten, fremden Frau, von der er zunächst wenig mehr weiß als "dass sie schießen kann wie der Teufel" und zum Frühstück am liebsten schleimiges Porridge isst.

Leben live

Ein Härtefall des Lebens. Kein Dschungelcamp, ins Eismeer verlagert. Kein abgefedertes Experiment, bei dem zwischenmenschliche Konflikte inszeniert werden. Leben live - und unter der Voraussetzung, dass jeder Fehler des einen das Leben des anderen gefährden kann.

Rückblende. März 2002. Marie sitzt abends in einem Hotel-Pub in Longyearbyen, einer kleinen norwegischen Siedlung auf Spitzbergen, und bestellt ein Bier. "Ein kleiner, freundlicher Kerl im Wollpullover saß in der Ecke und blinzelte mir zu", erzählt sie von ihrer ersten Begegnung mit Hauke. Marie ignoriert ihn zunächst. Dann kommen sie doch ins Gespräch. Sie schaut in seine Augen. "Sehr blau, Eisaugen." Der Deutsche berichtet ihr von dem Forschungsprojekt, das er vorbereitet. Fragt schon nach zehn Minuten, ob sie sich vorstellen kann, ein Jahr mit ihm in einer einsamen Hütte mitten im Eis, bei bis zu minus 40 Grad, zu leben.

"Ich bin gleich mit der Tür ins Haus gefallen. Ich hatte keine Zeit, weil ich zwei Wochen später wieder für ein paar Wochen nach Deutschland zurück musste. Ich musste endlich eine Partnerin für die Expedition finden - der Gouverneur hatte mir zur Auflage gemacht, nicht alleine dort zu hausen. Und mit Marie konnte ich mir das sofort vorstellen. Sie war keine Zimperliese, keine, die eine Waschmaschine, ihre Freundinnen und ihren Frisör zum Überleben braucht. Sie war robust, sportlich, ungebunden und schon vor längerer Zeit von England nach Spitzbergen übergesiedelt. Sie kannte also auch schon den dunklen Winter in der Arktisregion."

Schon in dieser ersten Stunde "hat er mich am Haken gehabt", sagt Marie Tièche. "Das war eine tolle Vorstellung, als erste Frau nördlich von 80 Grad Breite auf Spitzbergen zu überwintern." Marie sagt ja. Er schenkt ihr eine Kette mit Eisbäranhänger. Und ist fest davon überzeugt: "Mensch, das Mädchen ist genau die Richtige." Eine, die nicht verzagt, wenn die Schollen beim Gang über ein knirschendes Eisfeld zu wandern anfangen, und die nicht eine Sekunde zu lange zögert, wenn man über die sich öffnende Wasserrinne springen muss. Die Abmachung: Aufgeben ist verboten. Trinks sagt der Partnerin: "Selbst wenn ich dir nach einiger Zeit unsympathisch werde, wenn du mich nicht mehr riechen kannst - dann muss das Projekt doch durchgezogen werden, denn es hat Vorrang."

Am 23. Juli 2003 geht es mit dem Eisbrecher "Polarsyssel" nach Kinnvika, einer Geisterstadt auf Nordaustland. Trinks schreibt: "Kinnvika ist eine Ansammlung von einigen großen und mehreren winzig kleinen Hütten, die verstreut auf einer Geröllhalde am Ufer des Murchisonfjords stehen. 1957/58 wurde eine Gruppe von 14 Wissenschaftlern zusammen mit vorgefertigten Holzhäusern hier ausgesetzt, um ein ganzes Jahr lang erdmagnetische sowie Wetterbeobachtungen durchzuführen. Die Männer haben ein Kraftwerk errichtet, Unterkünfte sowie einige Vorratslager und Hütten für die wissenschaftlichen Geräte erbaut. Seit Nordaustland 1974 zum Naturschutzpark erklärt worden war, waren sie unbewohnt und wurden bisher für niemanden zur Überwinterung freigegeben." Bis Trinks den Gouverneur überredete.

"Dann waren wir da und fühlten uns als einzige Menschen wie die kleinen Könige - mit großem Respekt vor den großen Königen, den Eisbären", berichten Marie und Hauke von ihren ersten Tagen. Das Experiment beginnt. Zum Frühstück gibt es Haferflocken mit Milchpulver und heißem Wasser. Manchmal brocken die beiden Trockenfrüchte rein. Eine Tasse englischen Tee gönnen sie sich dazu. Sonntags wird geschlemmt im "Kaninchenstall", wie Marie ihr neues 16-Quadratmeter-Zuhause nennt: mit Sekt, Schinken und Eiern. "Eier kann man in der arktischen Kälte monatelang aufbewahren, wenn man die Kartons einmal in der Woche umdreht", sagt Hauke. Die Mahlzeiten, die Marie auf einer Flamme zubereitet, bestehen aus Fleischkonserven oder gekochtem Fisch, aus Kohl und Kartoffeln, die sie im Schnee verbuddelt hat. Getrunken wird dazu Rotwein. 300 Liter haben sie in den Vorratskammern eingelagert. Zum Auftauen werden die Weinkanister in die Schlafsäcke gepackt. Die Aufgaben sind schnell ähnlich konservativ verteilt wie einst bei Fred und Wilma Feuerstein in ihrer Höhle. Marie zündet das Herdfeuer an, backt Brot, kocht, pflegt die Essensvorräte, damit sie langsamer schimmeln, legt frischen Fisch in Salzlake ein, holt Schnee fürs Trinkwasser und den Abwasch und flickt die kaputten Klamotten. Hauke kümmert sich um die Hunde, vertreibt mit Warnschüssen herannahende Eisbären, hackt Holz, montiert Funkantennen und bohrt das Schornsteinrohr für den zweiten Ofen auf.

Der Wissenschaftler wartet ungeduldig darauf, dass das Meer gefriert - er will experimentieren, will die Arbeit der Mushamna-Expedition fortsetzen: "Damals habe ich mir die Feinstruktur des Materials mit dem Mikroskop angesehen. Dabei habe ich beobachtet, dass Meereseis ähnlich wie ein lebender Organismus aus festen Zellen aufgebaut ist. Dazwischen rinnt und pulsiert Flüssigkeit. Die winzigen festen Bestandteile sind 10 bis 100 Tausendstel Millimeter groß und bestehen aus reinem, salzfreien, gefrorenen Wasser. Die Flüssigkeit ist eine hochkonzentrierte Salzlösung. Meine Beobachtungen haben die Hypothese reifen lassen, dass Meereseis ein geeignetes Umfeld zur Entstehung des ersten primitiven Lebens auf der Urerde gewesen sein könnte."

"Wir haben gelebt wie ein Liebespaar"

Der spröde, zielstrebige Physiker, der sich für Politik und Bakterien interessiert, und die fröhliche, oft desorganisierte englische Bibliothekarin, die ein Faible für Rugby und Motorräder hat, finden rasch zueinander. "Wir haben dort gelebt wie ein Liebespaar, wir hatten eine ganz heftige Beziehung", räumt Trinks ein. "Für mich war aber klar, dass jeder nach dieser Zeit nach Hause zurückkehren würde. Sie nach England, ich nach Hamburg zu meiner Familie. Für mich stand auch immer meine Forschungsarbeit im Vordergrund."

Trotz ihrer "heftigen Beziehung" halten die Nordlandfahrer an ihrer Abmachung fest: Jeder muss den Privatbereich des anderen respektieren. Der besteht jeweils aus der Schlafpritsche an der Wand und der Hälfte des Holztisches dazwischen. Aufgeteilt durch eine Kugelschreiberlinie. Auf der einen Seite liegen Maries Bücher - Science Fiction und Shakespeare - auf der anderen Seite Haukes Lesestoff: Expeditionstagebücher, Schopenhauer, Kant. In den Bereich des anderen darf, wer eingeladen wird. Stundenlang sitzen sie dann da, eingemummelt in dicke Pullover, schweigen und lesen. Jeder hat seine eigene Kerze. Und jeder seinen hochfrostsicheren Schlafsack.

Darin sinniert Trinks oft über das wissenschaftliche Problem, das er lösen möchte, und hofft auf eine günstige Witterung für neue Experimente: "Durch das Meereseis vagabundieren gewaltige Energiemengen, einerseits durch die Einstrahlung der Sonnenenergie von bis zu 1000 Watt pro Quadratmeter und andererseits durch das Wachstum des Eises. Wenn Wasser gefriert, wird bei der Bildung der Eiskristalle viel Kristallisationsenergie freigesetzt. Als die Eisschicht bei einer sehr kalten Lufttemperatur rasch wuchs, habe ich auf der Eisoberfläche mit kleinen Wärmestromsensoren messen können, dass bis zu 700 Watt pro Quadratmeter vom Eis an die Luft abgegeben werden. Das sind große Wärmemengen, aber sie können nicht für biochemische Reaktionen verwendet werden. Dazu bedarf es trickreicher Einrichtungen. Die Chlorophyllkörper in Pflanzen sind solche Gebilde. Könnten durch physikalisch-chemische Gesetzmäßigkeiten Prozesse im Eisgefüge ablaufen, die in ähnlicher Weise chemische Energie liefern? Wenn es gelänge, im Eis inhomogene Strukturen mit verschiedenen Energiezuständen nachzuweisen, dann wäre das ein großer Erfolg" - denn ausreichend Energie hätte das Lebenslicht in den ersten Zellen im Eis entfachen können.

Das Paar streitet fast nie. "Unser Zusammenleben wurde von den extremen Umständen, den Gefahren und von der gnadenlosen Natur so stark beeinflusst, dass kein Raum für Zankerei und gefühlsbetonte Auseinandersetzungen blieb", sagt der 61-Jährige heute. Nur einmal, als Trinks während des Irak-Kriegs den ganzen Tag BBC hört und unflätig über die englische Politik, Blair und Bush herzieht, rennt Marie weinend aus der Hütte. Auch während der monatelangen Dunkelheit wird die dauernde Nähe nicht unerträglich. Gelegentlich, wenn der Forscher merkt, "dass Marie doch etwas Herz-Schmerz hat", überrascht er sie mit einem kleinen Geschenk. Mal ist es eine englische "Max und Moritz"-Ausgabe, mal ein Teddybär. "Diese Zeit hat unsere Beziehung eher noch gestärkt, vielleicht, weil der eine noch mehr auf den anderen angewiesen war", sagt Trinks rückblickend.

Schließlich schlägt das Wetter um. Das Thermometer fällt, das Meerwasser gefriert. Der Moment, auf den der Professor gewartet hat, ist da: "Jetzt hält mich nichts mehr. Heute will ich endlich herausbekommen, ob meine Überlegungen zutreffen. Vielleicht verrät mir das Eis eines seiner Geheimnisse? Ich beeilte mich, ein besonders großes und gleichmäßiges Stück aus dem Fjord zu schlagen, laufe zurück zur Hütte und bringe das Farbpulver Phenolrot auf den Eiskörper. Nach vielen Versuchen mit dem Eis in kaltem oder halb aufgetautem Zustand, mühsam beim Schein der Taschenlampe hantierend, kann ich meine Proben unter dem Mikroskop betrachten - und da zeigt sich der erhoffte Effekt! Ich sehe leuchtend gelbe Eiszellen und die violett-rot gefärbte Salzflüssigkeit, welche zwischen den Zellen rinnt. Das ist es, was ich gesucht habe. In den Grenzflächen zu den Eiszellen herrscht ein pH-Wert von 5 - 6 mit einer entsprechend hohen Konzentration von Wasserstoffionen, in der Flüssigkeit dagegen Werte von 8 - 9 mit sehr viel weniger Wasserstoffionen. Das bedeutet - ähnlich wie in lebenden Zellen - starke und zeitlich veränderliche Potenzialdifferenzen an den Grenzflächen innerhalb sehr kurzer, räumlicher Abstände - weniger als 1 Millionstel Millimeter. So, glaube ich, konnte eine wichtige Energiequelle für chemische Reaktionen sichtbar gemacht werden." Der erhoffte Erkenntnisfortschritt - er ist da!

"Bist du bereit?"

Marie traut ihren Gefühlen, denkt sehr früh über ein Leben mit dem Wissenschaftler nach den Polarbären und dem Eis nach. Sie sagt aber nichts. Weil er immer wieder betont, die Zeit miteinander sei begrenzt. Trinks kommt im September 2003 wieder nach Hamburg. Erst zwei Monate nach seiner Rückkehr und Maries Heimreise nach England weiß Hauke Trinks, "dass ich ein Esel bin, dass das eine riesige Chance ist mit Marie", nicht nur Romantik, entstanden in einer Ausnahmesituation, sondern Realität. Er schreibt einen Brief nach England: "Bist Du bereit, zusammen mit mir ein neues Experiment zu wagen, diesmal ohne Zeitbegrenzung. Auf einer sturmumtosten Insel im Atlantik, in den Fjorden von Nordnorwegen, Island, Kanada oder Schottland, mit meinem Segelschiff um die Welt oder ?"

Maries Antwort kommt prompt: "Okay."

Trinks lebt jetzt in Scheidung. Vor ein paar Tagen sind er und Marie nach Kanada geflogen, um sich dort ein Häuschen am Meer anzuschauen. In einer Gegend, in der im Schnitt nur zwei Menschen auf zwei Quadratkilometern leben. Und natürlich Bären. Vielleicht schon bald ihr neues Zuhause. Denn trotz Lehrauftrag an der TU kann sich Trinks nicht vorstellen, das ganze Jahr über in einer "Drei-Zimmer-Etagenwohnung zu leben mit einem Hausflur, in dem es nach Sauerkraut stinkt".

Christoph Koch, Anette Lache, Peter Sandmeyer / print