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Hirnforschung: Das Gehirn spricht verschiedene Sprachen

Sprachen mit Schriftzeichen aktivieren andere Hirnregionen als alphabetische Sprachen. Darauf lassen Untersuchungen an chinesischen Legasthenikern schließen.

Legasthenie ist je nach Kultur in unterschiedlichen Hirnregionen angesiedelt. Bei Chinesen, die Schriftzeichen lesen, lägen die Probleme in anderen Gehirnarealen als bei Menschen, die mit dem Alphabet arbeiten. Das berichten chinesische und US-amerikanische Wissenschaftler im britischen Fachjournal "Nature" (Bd. 431, S. 71) vom Donnerstag. Bei alphabetischen Sprachen müsse das Gehirn lediglich die Buchstaben der Worte mit Lauten verknüpfen. Im Chinesischen käme die Erkennung der komplexen Schriftzeichen hinzu.

Geschriebene Zeichensprache aktiviert andere Hirnbereiche

Bislang sei die Ursache der Lese-Rechtschreib-Schwäche lediglich an alphabetischen Sprachen untersucht worden, berichtet die Gruppe um den Hongkonger Wissenschaftler Li-Hai Tan, der auch am US- amerikanischen National Institute for Mental Health in Bethesda arbeitet. Das Team beobachtete nun die Gehirnaktivitäten von chinesischen Legasthenikern, während diese Aufgaben mit chinesischen Schriftzeichen lösten. Mit Hilfe der bildgebenden Kernspintomographie wiesen sie nach, dass bei diesen die Probleme im Bereich des linken vorderen Großhirnes liegen. Bei Menschen mit alphabetischen Sprachen wurde bisher immer eine Hirnregion im linken Schläfen- und Stirnlappen mit der Lese-Rechtschreib-Schwäche in Verbindung gebracht.

"Unsere Arbeiten deuten darauf hin, dass die Verarbeitung einer geschriebenen Zeichensprache einen anderen Teil des Gehirns in Anspruch nimmt als alphabetische Sprachen", erläuterte Wissenschaftler Tan in Hongkong. Die Ergebnisse unterstützen zudem die These, dass sich gleiche Gehirnbereiche durch die unterschiedliche Beanspruchung sogar äußerlich unterscheiden, schreiben die Forscher. Frühere Studien hätten gezeigt, dass das linke vordere Großhirn bei chinesisch-sprachigen Menschen größer sei als bei englisch-sprachigen.

Nach vagen Schätzungen litten in China zwei bis sieben Prozent der Kinder unter Legasthenie, berichtet Tan. Im Westen seien es fünf bis zehn Prozent. Es gebe keine Hilfsprogramme für chinesische Kinder mit Legasthenie. Die Studie werde "bedeutende Auswirkungen" auf die Sprachausbildung in Chinesisch und die Bewältigung von Legasthenie haben, sagte der Wissenschaftler.

DPA