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Interview: "Wir schützen die Fische mit dem Kopf"

Das Gerangel um EU-Fischereiquoten geht in eine neue Runde: Fischer finden die Quoten der Kommission zu streng, Umweltschützer zu lasch. stern.de sprach in Hamburg mit Daniel Pauly, dem Leiter des Fischerei-Instituts der Universität Vancouver über den Schutz der Fischbestände.

Herr Pauly, die EU-Kommission will die Fang-Quote von Ostsee-Dorsch um 28 Prozent senken. Wird das den Beständen helfen?

Nein, das Ergebnis wird kaum messbar sein: Der Dorschbestand ist auf so geringem Niveau, dass er für längere Zeit ganz für die Fischerei geschlossen werden müsste. Beim Hering in der Nordsee hat auch erst ein komplettes Fangverbot dazu geführt, dass der Bestand sich erholte.

Sie kritisieren immer wieder, dass die moderne Fischerei die Artenvielfalt der Meere massiv bedroht...

.... weil zu unselektiv gefischt wird: Schwere Grundschleppnetze schlagen am Meeresboden alles kurz und klein und fangen alle möglichen Tiere, die man gar nicht vermarkten kann. Ähnlich schlimm sind Langleinen mit Zehntausenden von Haken: Damit soll Tunfisch gefangen werden, aber es bleiben alle möglichen Fische daran hängen. Solche Geräte müssen weg.

Wie soll stattdessen gefischt werden?

Schauen Sie sich die Methoden der traditionellen Kleinfischer in Entwicklungsländern an: Die wissen seit Generationen genau, wo bestimmte Fische in der gewünschten Größe zu welcher Jahreszeit herumschwimmen. Dort fahren sie hin und fangen die Tiere relativ gezielt. Solches Wissen finden Sie auf den großen Schiffen internationaler Flotten kaum: Da wird erst mal alles abgefischt und dann an Bord wieder aussortiert.

Lassen sich Netze technisch so verbessern, dass man nur fängt, was auch verkauft werden kann?

Es wird ja viel über größere Maschen diskutiert, um Jungfische zu schonen. Ich halte das eher für Spielerei: In der Praxis ziehen die Fischer dann oft ein zweites Netz in ihr Netz mit den großen Maschen. Dann bleiben im Endeffekt wieder genauso viele kleine Jungfische darin hängen wie mit kleinen Maschen. Und ein Gerät wie das Grundschleppnetz ist meiner Meinung nach nicht optimierbar, weil es auch mit großen Maschen den Meeresboden zerstören würde.

Klingt, als würden sie manche Fischereien am liebsten sofort verbieten?

Mir fallen da mehrere Beispiele ein: Zum einen die Fischerei an Untersee-Bergen. Da pflügt man mit Grundschleppnetzen durch artenreiche Ökosysteme, um zum Beispiel Granatbarsch zu fangen. Problematisch ist auch, dass internationale Flotten oft in Fanggründen der Entwicklungsländer den Fisch fangen, der dort als Nahrungsmittel gebraucht würde. Schlimmstenfalls wird Fischmehl für Tierfutter daraus hergestellt. So eine Fischerei würde ich am liebsten sofort umwandeln in Fischerei für den menschlichen Verzehr.

...womit wir beim Thema Aquakultur wären: Farmfische werden oft mit Fischmehl gefüttert. Gleichzeitig soll Zuchtfisch die überfischten Wildbestände entlasten.

Das tut er aber nicht, wenn die Aquakultur so betrieben wird wie zurzeit. Da nimmt sie der Fischerei für den menschlichen Verzehr sogar Fisch weg: Sardellen zum Beispiel, die in großen Mengen vor der Küste Perus gefangen werden, könnte man auch direkt essen. Stattdessen produziert man Fischmehl daraus und füttert Lachse oder Brassen damit. Dabei wird unterm Strich weniger Fisch für den menschlichen Verzehr produziert.

Was wäre, wenn man Pflanzenfresser züchten würde?

Pflanzenfressende Karpfen oder Buntbarsche wären eine Alternative. Stattdessen werden aber zurzeit sogar pflanzenbasierte Fischzuchten wie in China auf Fischmehl-Futter umgestellt.

Sollte man bestimmte Fische gar nicht mehr essen?

Es gibt ja verschiedene Führer mit Einkaufsempfehlungen für Verbraucher. Ich sage nicht, dass das nichts bringt, aber bisher hat noch keiner den Effekt auf die Fischbestände untersucht.

Das Label "Marine Stewardship Council", kurz MSC, kennzeichnet Fisch aus nachhaltiger Fischerei. Eine Einkaufs-Hilfe für Verbraucher?

Die Intention ist gut, aber das weltweite Problem überfischter Bestände ist zu groß für den MSC, der nur wenige Fischereien regulieren kann. Ich glaube, es bringt am meisten, wenn sich die Leute durch Fisch-Führer oder Siegel Gedanken über nachhaltige Fischerei machen und sich politisch dafür engagieren. Nur die Regierungen können erzwingen, dass sich die Fischerei grundsätzlich ändert. Wir schützen die Fisch-Bestände nicht mit unserem Magen, sondern mit unserem Kopf.

Interview: Nicole Heißmann