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Interview mit Nicholas Stern: "Die Diskussion ist beendet"

Nur noch eine Minderheit bezweifle, dass die Menschen den Klimawandel verursacht haben, sagt Sir Nicholas Stern, einer der renommiertesten Umweltexperten, im Interview mit stern.de. Nun müsse man handeln - politisch und persönlich.

Die Zeichen stehen auf Sturm: Sollte die Menschheit weiterhin Autos fahren wie gewohnt, Kohle verfeuern und Flugzeugabgase ungehemmt in die Atmosphäre blasen, droht der Erde der Klimakollaps. Schon 2035 könnte die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre doppelt so hoch liegen wie vor Beginn der Industriellen Revolution. In diesem Fall erwarten Experten einen Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur um zwei Grad Celsius. Eine Verdreifachung der CO2-Konzentration könnte die Temperatur sogar um fünf Grad steigen lassen. "Das würde unseren Planeten radikal verändern", sagt Nicholas Stern, Berater der britischen Regierung und Leiter einer Untersuchungskommission zu den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels, die im Oktober vorigen Jahres den viel beachteten Stern-Report vorgelegt hat.

Um das Schlimmste zu verhindern, fordern Stern und seine Kommission radikales Umdenken und schnelles Handeln. "Wenn wir warten, bis Holland in Not ist, weil es unter Wasser steht, wird es viel zu spät sein", warnte der ehemalige Chefökonom der Weltbank in einer Rede am Freitag an der Universität Berkeley in Kalifornien. Er lobte das Ziel der EU, den CO2-Ausstoß in Europa bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent zu senken, und betonte, Umweltschutz müsse nicht zu Lasten der Wirtschaft gehen. Das zeige sich etwa am Markt für erneuerbare Energien. "Man kann ökologisch handeln und trotzdem Wachstum schaffen", sagte Stern. "Es kommt darauf an, Energie auf neue Art zu gewinnen und anders einzusetzen als bisher."

Skeptikern hielt der 60-Jährige entgegen, der Preis des Nicht-Handelns sei "wesentlich höher" als die Kosten, die dadurch entstehen, den Ausstoß von Treibhausgasen einzudämmen. Überdies könne es nur Vorteile haben, in neue Technologien zu investieren, "die unsere Atmosphäre wesentlich sauberer machen", argumentierte Stern - selbst für den Fall, dass sich die Mehrheit der Wissenschaftler irren sollte, die im Anstieg der CO2-Konzentration eine Gefahr für das Klima sieht. Im Anschluss an seine Rede sprach Nicholas Stern mit stern.de über seine Studie.

Sir Nicholas, sehen Sie Fortschritte im Kampf gegen den Klimawandel?

Ich denke, wir verstehen heute besser das Ausmaß der Probleme, vor denen wir stehen, und welche Risiken wir eingehen, falls wir weitermachen wie bisher.

Kurz gefasst, welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

Wir müssen Energie besser nutzen, das Roden von Wäldern stoppen und umweltfreundlichere Methoden der Energiegewinnung finden. Auf diese Weise könnten wir zu einem akzeptablen Preis das Schlimmste verhindern - es würde schätzungsweise ein Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts pro Jahr kosten.

Kritiker sagen, dieser Preis sei zu hoch - und fragen, was so schlimm wäre, wenn es in kalten Gegenden wie Sibirien etwas wärmer wird.

Wer nur auf den Teibhauseffekt schaut, macht es sich zu einfach. Hier geht es um Klimawandel ganz allgemein: Veränderungen der Regenfälle, Dürre, Überflutungen; Stürme in weit größerer Zahl und Intensität, bis hin zu Hurrikanen; und natürlich der Anstieg des Meeresspiegels. Die Erwärmung der Erde ist nur ein Aspekt, und Begriffe wie "Treibhauseffekt" beschreiben nur unzureichend das Ausmaß der Probleme.

Haben Sie das Gefühl, dass die Vorschläge Ihrer Kommission bei Politikern auf offene Ohren stoßen?

Ich denke, es ändert sich schon etwas. Schauen Sie sich die politische Debatte an: Klimawandel steht nun im Zentrum der europäischen Politik - in Großbritannien, in Frankreich, in Deutschland, in Europa ganz allgemein. Das ist ein wichtiger Fortschritt.

In den USA allerdings scheint sich wenig zu tun.

Es gibt viele andere, die besser qualifiziert sind als ich, die Politik der USA zu beurteilen. Aber ich kann Ihnen gern von meinen eigenen Erfahrungen berichten - von meinen Reisen im Frühjahr 2006 und nun wieder im Frühjahr 2007. Die Grundhaltung, die Stoßrichtung der Diskussion, hat sich dramatisch verändert. Vor einem Jahr gab es noch Zweifel daran, dass wir es mit einem tatsächlichen wissenschaftlichen Phänomen zu tun haben - und Sorgen, dass es sehr teuer werden würde, etwas dagegen zu unternehmen. Diese Phase liegt hinter uns. Jetzt geht es um praktische Lösungsansätze von der Art: Wie können neue Technologien helfen und welche Rolle können Märkte spielen, auf denen Quoten für CO2-Ausstoß gehandelt werden? Das ist ein radikaler Wandel.

Skeptiker und Zweifler melden sich aber weiter lautstark zu Wort.

Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, und niemand soll daran gehindert werden, die Argumente zu hinterfragen. Aber im Grunde ist die Diskussion beendet. Unter Wissenschaftlern sind die Skeptiker inzwischen eine winzige Minderheit.

Klimaschutz bedeutet auch, Opfer zu bringen. Wie viele Menschen werden das wirklich tun?

Angesichts der Schäden, die es zu vermeiden gilt, sind die Kosten vergleichsweise gering. Deshalb glaube ich, dass die meisten Menschen bereit sind, sich der Herausforderung zu stellen.

Auch wenn es bedeutet, kleinere Autos zu kaufen, weniger zu reisen und viel Geld auszugeben, um Wohnungen besser zu isolieren?

Durchaus. Das geschieht ja bereits. Es gibt sicher noch Probleme, etwa wenn Menschen in die Energie-Effizienz ihrer Häuser investieren. Da stellt sich oft die Frage, ob sie diese Investition verlieren, wenn sie gezwungen sind, das Haus bei einem Umzug zu verkaufen oder zu vermieten. Solche Aspekte verlangen nach politischen Lösungen, etwa in Form von Fördergeldern und strengeren Umweltschutz-Vorschriften.

Welche Bedeutung hat der Oscar, den Al Gore für seinen Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" bekommen hat?

Es ist eine Anerkennung für jemanden, der einen bedeutenden Beitrag zu der Diskussion geleistet hat - auch wenn der Oscar angesichts der Größenordnung des Problems, um das es geht, sicher ein eher kleines Element ist.

Interview: Karsten Lemm