Artenvielfalt Klimawandel bringt Orchideen in die Eifel

"In der Eifel könnten sich die Orchideen ausbreiten", prognostiziert der Biologe Holger Kreft
"In der Eifel könnten sich die Orchideen ausbreiten", prognostiziert der Biologe Holger Kreft
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Je mehr Wärme und Wasser, desto mehr Arten können existieren, vermuten Biologen. Der Klimawandel könnte dem Deutschland der Zukunft mehr Artenvielfalt bescheren - weltweit sieht die Prognose aber düster aus.

Pflanzen sind für den Menschen lebensnotwendig: Sie liefern Sauerstoff, Nahrung, Kleidung und Medizin. Doch welchen Einfluss haben Klima und Klimawandel auf die Vegetation unseres Planeten? Diese Frage beschäftigt in dieser Woche den UN-Klimarat IPCC, der am Freitag den zweiten Teil seines Aufsehen erregenden Reports präsentiert.

Und sie beschäftigt den Bonner Biologen Holger Kreft, der vor wenigen Tagen mit einer Studie an die Öffentlichkeit ging. Sein Ergebnis: Je mehr Wärme und Wasser, desto größer die Artenvielfalt. Bis heute haben Botaniker etwa 300.000 Pflanzenarten entdeckt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Flora damit vollständig bekannt wäre: "Auf der Erde gibt es noch sehr viele Bereiche, deren Pflanzenwelt weitgehend unerforscht ist", berichtet Kreft - etwa der Amazonas oder das Kongo-Becken. Dabei sind die Tropen genau die Zonen, in denen die meisten Pflanzenarten vorkommen. Doch warum ist das so? Warum gibt es in Deutschland nur etwa 2700 Pflanzenarten, während im Tieflandregenwald von Borneo fast vier Mal so viele beheimatet sind?

Wasser und Wärme sind der Schlüssel

Der Biologe Holger Kreft vom Bonner Nees-Institut für Biodiversität und sein US-Kollege Walter Jetz aus San Diego sind dieser Frage nachgegangen. Sie analysierten Daten, die in mehr als 1000 Regionen zur Artenvielfalt gesammelt worden waren. Diese Daten setzten sie dann in Bezug zu lokalen Umwelt- und Klimafaktoren. Das Ergebnis: Es ist vor allem das Klima, das die Artenvielfalt auf der Erde steuert. Je mehr Wasser und Wärme ein Ort zu bieten hat, desto mehr Arten können dort existieren. Topographische Faktoren und historische Einflüsse spielen auch eine wichtige Rolle, ihr Einfluss ist aber weniger wichtig.

Nun unterteilten die Wissenschaftler den Globus in eine rote und eine blaue Zone: In der roten Zone, die - vereinfacht gesagt - aus Kanada, Nord- und Mitteleuropa sowie Nordasien besteht, wird die Artenvielfalt vor allem von der Temperatur gesteuert. Steigt die Temperatur in Folge des Klimawandels weiter an, könnte der Artenreichtum regional sogar größer werden. Mit skurrilen Folgen auch für Deutschland: "In der Eifel könnten sich die Orchideen ausbreiten und wärmeliebende Eichen aus dem Mittelmeerraum ansiedeln", prognostiziert Kreft.

Global gesehen ein düsteres Bild

Kann man daraus folgern, dass die globale Erwärmung gut für die Artenvielfalt ist? "Da muss ich scharf protestieren", sagt Holger Kreft. Denn bisher ist völlig unklar, welche Folgen die Einwanderung mediterraner Pflanzen nach Deutschland hätte: Würden heimische Pflanzen von den Neuankömmlingen verdrängt? Würden ganze Tierarten damit ihre Nahrungsgrundlage verlieren? Und wie lange würde es dauern, bis ein neues Artengleichgewicht erreicht wäre?

Außerdem ist da ja noch die zweite, sehr viel größere Zone in Krefts Modell: Diese blaue Zone besteht - grob gesagt - aus Amerika (außer Kanada), Südeuropa, Afrika, dem Süden Asiens und Australien. In diesen Regionen hängt die Artenvielfalt nicht so sehr von der Wärme, sondern vor allem von den lokalen Wasservorräten ab. Die Zweiteilung des Planeten in eine nördliche und eine südliche Zone erklärt Krefts amerikanischer Kollege Walter Jetz so: "Einen positiven Zusammenhang zwischen Temperatur und Artenvielfalt gibt es nur unterhalb einer bestimmten Durchschnittstemperatur. Und die wird fast ausschließlich in den nördlicheren Breiten unterschritten."

Für die südliche Zone, in der alle globalen Zentren der Artenvielfalt von Pflanzen liegen, bedeutet dies: Nicht die Wärme, sondern die Wasservorkommen sind der wichtigste Vielfalts-Faktor. "Doch genau die sind vom Klimawandel bedroht", sagt Holger Kreft. Auch sei der Klimawandel für drastische Änderungen der Niederschlagsmuster auf der Erde verantwortlich, die den Vielfalts-Zentren besonders gefährlich würden. Auch wenn es in einem wärmeren Deutschland in Zukunft mehr Arten geben könnte: "Global gesehen dürften die Folgen des Klimawandels für die Artenvielfalt sehr negativ sein."

Matthias Armborst/AP AP

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