HOME
Interview

Weltklimarat IPCC: Klimaforscher über Erderwärmung: "Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend"

Lange Zeit glaubte man, die Erderwärmung bei zwei Grad stoppen zu müssen. Doch die Folgen für Mensch und Natur wären bei diesem Temperaturanstieg bereits verheerend. Der Weltklimarat mahnt nun ein neues Ziel von 1,5 Grad an - und macht mit seinem Sonderbericht deutlich: Viel Zeit bleibt nicht mehr.

Aus einem Schornstein quillt Rauch in den Himmel

Ein politischer Weckruf: Weltklimarat IPCC veröffentlicht Sonderbericht zu den Folgen der Erderwärmung

Getty Images

Herr Prof. Pörtner, Sie waren an dem Sonderbericht des Weltklimarates IPCC zum 1,5-Grad-Ziel beteiligt. Wie hart waren am Ende die Verhandlungen?

Es war eine arbeitsreiche, intensive Zeit. Zum Schluss gab es auch eine Verlängerung. Wir haben die Nacht von Freitag auf Samstag durchgearbeitet. Die Verhandlungen konzentrierten sich im Wesentlichen darauf, die Sprache zu schärfen und die Verständlichkeit für die Politik zu erhöhen. Am Samstagnachmittag hatten wir schließlich den fertigen Bericht auf dem Tisch liegen.

Auf welche Kernaussagen haben Sie sich geeinigt?

Experte im Interview:   Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner ist ein international renommierter Biologe und leitet die Sektion "Integrative Ökophysiologie" am Alfred-Wegener-Institut (AWI). Er ist Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II des Weltklimarates (IPCC). Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit den Risiken und Folgen des Klimawandels sowie den Möglichkeiten zur Anpassung an den Klimawandel.

Experte im Interview: 

Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner ist ein international renommierter Biologe und leitet die Sektion "Integrative Ökophysiologie" am Alfred-Wegener-Institut (AWI). Er ist Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II des Weltklimarates (IPCC). Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit den Risiken und Folgen des Klimawandels sowie den Möglichkeiten zur Anpassung an den Klimawandel.

Der Klimawandel hat Auswirkungen auf die Menschheit, auf Ökosysteme und auf die Fähigkeit des Menschen, auf diesem Planeten zu leben. Eine wichtige Neuheit in diesem Bericht im Vergleich zu den früheren ist, dass wir deutliche Unterschiede sehen zwischen 1,5 Grad und 2 Grad. Die Klimaauswirkungen und Schäden fallen mit der 1,5-Grad-Marke deutlich geringer aus. Allerdings werden wir auch hier mit Schäden zu rechnen haben.

Angenommen, das Ziel wird eingehalten: Wie würden diese geringeren Konsequenzen dann aussehen?

Weniger Menschen würden den Hitzetod erleiden. Rund zehn Millionen weniger Menschen werden vom Meeresspiegelanstieg betroffen sein, der in Verbindung mit Stürmen und Überflutungen steht. Und es wird in den Ökosystemen – vor allen Dingen in den Systemen, die jetzt schon beschädigt werden wie die Warmwasser-Korallenriffe – einen Schutzeffekt geben, von dem zehn bis 30 Prozent dieser Korallenriffe profitieren. Das heißt, sie werden nicht so massiv eliminiert wie das bei zwei Grad der Fall wäre. Hinzu kommen geringere wirtschaftliche Schäden, vor allem in den Tropen und Subtropen. Und auch die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen sind mit 1,5 Grad leichter zu erreichen als mit zwei Grad. 

Ist die 1,5-Grad-Marke überhaupt einzuhalten? Es gibt Experten, die diese Begrenzung nicht mehr für realistisch halten. 

Ganz klar, dieses Klimaziel ist ambitioniert. Es braucht nun den politischen Willen, für dieses Ziel einzustehen und entsprechende Weichenstellungen auf den Weg zu bringen. Letztendlich geht es darum, einen Strukturwandel einzuleiten, der alle gesellschaftlichen Schichten betrifft und der positive Folgen für die Nachhaltigkeitsziele, für die menschliche Gesundheit und die Ökosysteme hat. Wenn man es schafft, die CO2-Emissionen runterzufahren, dann ist das Klimaziel von 1,5 Grad zu halten. 

Ganz grundsätzlich: Wie steht es um das Bewusstsein der Regierenden für den Klimaschutz? Die USA sind bereits aus dem Pariser Klimavertrag ausgestiegen.

Ich frage mich, ob man die USA hier als Beispiel anführen sollte. Die USA sprechen ja nicht mit einer Stimme. Es gibt dort Bundesstaaten, die in ihren Klimazielen die Bundesrepublik Deutschland weit hinter sich lassen. Sie sehen in der Schadensbegrenzung für Natur, Mensch und Umwelt ein hohes Gut.

Wie viel Zeit bleibt uns noch, um das 1,5-Grad-Ziel zu halten? 

Ein ambitioniertes Vorgehen jetzt macht vieles später leichter. Man muss ganz klar sagen: Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend. Wir brauchen eine Zeitenwende, die mit einem deutlichen Abnehmen der Emissionen einhergeht. Und das muss sehr bald einsetzen. 

Welche Bedeutung hat der Sonderbericht für Deutschland?

Die Verabschiedung des Berichts ist ein positives Zeichen. Hinzu kommen die Ereignisse der letzten Tage, die sich im Hambacher Forst zugetragen haben. In der Kombination würde ich mir wünschen, dass das ein Signal ist für einen Umbruch, den wir in der Klimapolitik in Deutschland brauchen. 

Wie kann dieser aussehen? 

Unter anderem in einer mutigen Umsteuerung: Alles, was CO2-Emissionen verursacht, wird teurer. Und das, was einen nachhaltigen Strukturwandel begünstigt und dem einzelnen Bürger ermöglicht, sich nachhaltig aufzustellen, sollte billiger werden. Diese Entscheidungswege sind auf der Ebene der Politik zu beschreiten. Jede Entschuldigung, die diese Entscheidungen verzögert, ist für den Klimawandel nachteilig. 

Was kann jeder Einzelne tun, um seine CO2-Emissionen zu senken?

Städte sollten einen Schwerpunkt darauf legen, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und so dazu beitragen, dass Menschen vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen. Auch die Ernährungsweise spielt eine Rolle. Es ist tatsächlich so, dass eine drastische Reduktion des Fleischkonsums den größten Beitrag leisten würde zu der Emissionsreduktion aus der Landwirtschaft.

Wie sieht gelebter Klimaschutz aus?

In einer nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen, einem Erhalt der Artenvielfalt, einer nachhaltigen Lebensweise des Einzelnen, kombiniert mit einer effizienten Energienutzung. So kann der Weg in eine gute Zukunft gelingen. 

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Anordnung des vorläufigen Rodungsstopps im Hambacher Forst? 

Ich kann nur hoffen, dass dies ein Startsignal ist.

Mädchen sucht nach Wasser
Interview: Ilona Kriesl
Themen in diesem Artikel