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Jesus: Die Wahrheit hinter der Legende

Happy birthday, Christus. Am Dienstag zieht es sogar verlorene Söhne und Töchter wieder in die Kirche, um die Geburt des Erlösers zu feiern. Doch die Lichtgestalt, die da halbnackt am Kreuz hängt, hat es so nie gegeben. Nach und nach enttarnen Forscher die Mythen um den Messias – und versuchen herauszufinden, wer der Nazarener wirklich war

Eine Staubwolke über dem Horizont verrät ihr Kommen. Bald darauf blitzen Schilde und Helme in der sengenden Sonne, der karge Boden erzittert unter dem Tritt der Legionen. Mit dem Hochmut der Großmacht auf ihren Gesichtern ziehen die Besatzer an Lehmhütten und deren ärmlichen Bewohnern vorbei. Was sich in den Weg stellt, wird niedergetreten. Denn das mächtige, das nach dem Willen der Götter einzigartige Rom herrscht ohne Gnade über Judäa und Galiläa wie fast über die gesamte damals bekannte Welt rund um das Mittelmeer. Und im Auftrag des fernen, sich zum Allmächtigen aufspielenden römischen Herrschers werden die Juden bis zum letzten sauer verdienten Schekel ausgepresst.

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum erstenmal, damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.“

So beginnt die Lebenslegende, die zwei Jahrtausende geprägt und die Kultur des „christlichen Abendlands“ geschaffen hat. Doch inzwischen wirkt „Maria mit dem Kinde lieb“ hierzulande allenfalls noch zu den Weihnachtstagen als Publikumsmagnet. War’s das also, Jesus? Keinesfalls. Nicht einmal die Kirchen, so scheint es, kriegen ihn klein. Der Mann aus Galiläa ist immer noch ein Thema, wenn auch nicht so, wie es die Geistlichkeit vorschreibt. Millionen zog jüngst die Romanverfilmung von Andreas Eschbachs „Jesus-Video“ vor den Fernsehschirm. Mit Hollywood-Aufwand dreht Mel Gibson derzeit „Die Passion“ über die letzten zwölf Stunden im Leben des vermeintlichen Gottessohnes. Und Xavier Naidoo, Deutschlands erfolgreichster HipHopper, singt vor ausverkauften Hallen „Alles für den Herrn“. Ohne Kirchenanschluss, aber voller Überzeugung. Die Glut glimmt weiter, auch wenn das Feuer des traditionellen Glaubens für viele längst erloschen ist.

Dabei ist Jesus von Nazaret eine der verschwommensten Gestalten der Geschichte – wie die meisten Religionsgründer, die gerade deswegen reichlich Raum zur persönlichen Identifikation geben: Jedem seinen Jesus. An die zwei Milliarden Menschen bekennen sich heute zumindest per Taufschein zu diesem Messias. Sein offizieller Geburtstermin markiert den Anfang der heute international üblichen Zeitrechnung, und wenn derzeit bei uns heftig über Ladenöffnungen am Sonntag gestritten wird, dann steht selbst bei solchen Lappalien der Welten Heiland im Hintergrund. Denn es geht um den „Tag des Herrn“.

„Wir müssen eins immer im Kopf behalten: Keines der kursierenden Jesus-Bilder ist neutral“, warnt Professor Gerd Theißen, Neutestamentler an der Universität Heidelberg und Spezialist für den historischen Nazarener. „Immer sind irgendwelche Interessen verwoben. Sei es der Wunsch, lieb gewordene Traditionen zu wahren, oder umgekehrt auch der Versuch, sich durch ein ganz anderes Bild Jesu von der Kirche, mit der einer vielleicht hadert, abzusetzen.“

Dank seines fruchtbaren Bodens ist Galiläa zur Zeit Jesu eines der am dichtesten besiedelten Gebiete des Römischen Reiches, hat aber wegen seiner geringen Größe trotzdem nur etwa 250000 Einwohner. Die meisten wohnen in bescheidenen Dörfern. Es ist diese von einfachen Bauern und Handwerkern wie seinem Vater geprägte Landschaft, in der Jesus offenbar fast sein ganzes Leben verbringt.

Doch auch wissenschaftliche Erkenntnisse, die wie jüngst eine Inschrift aus dem ersten Jahrhundert wieder ein wenig Licht auf die Gestalt des Josefssohns werfen, beleuchten ihn historisch gesehen nur schwach. Und Reliquien wie das Turiner Grabtuch helfen auch nicht weiter. Eben erst prüften russische Forscher die Datierung. Es bleibt dabei: 14. Jahrhundert, eine fromme Fälschung. Bei einem, über den wir so wenig Gesichertes wissen, ist es leicht, sein Bild so lange zu retuschieren, bis es gefällt oder nützt.

Jesu frühe Anhänger heben ihren am Kreuz getöteten Meister mit aller Fantasie des Morgenlandes in den Himmel. Per Mundpropaganda zunächst. Was dann Jahrzehnte später an Erinnertem und Ersonnenem auf eine der damals gebräuchlichen Buchrollen passt, wird aufgeschrieben und zur Quelle der heutigen Evangelien. So bekommt Jesus, gestutzt und geschminkt, seine gewohnten Konturen und wird endgültig zum Christus. Das sagt nicht ein gottloser Ketzer, sondern so gut wie jeder Theologieprofessor seinen Studenten in den Vorlesungen und, wenn er sich was traut, auch den „Laien“ draußen vor der Uni.

Auch wer Jesus lange nach dessen Tod nachfolgt, sucht seine Nähe. Um den Heiland bei sich zu haben, kleiden mittelalterliche Maler die biblischen Gestalten à la mode und errichten den Geburtsstall im Flämischen oder auch am Rhein. Und selbst den Nazis kommt dieser Messias zupass: Der wunderwirkende Jude wird schamlos arisiert, wo nötig blond gefärbt und gegen das angeblich gottverfluchte Volk der „Christusmörder“ gedreht – Jesus als Kronzeuge für die „Endlösung“. Die perverse Argumentationskette war nicht einmal neu. Auch schon tausend Jahre zuvor und immer wieder danach dienten die Evangelien zur Rechtfertigung von Hetze und Verfolgung. War Jesus nicht durch die Juden ans Kreuz gekommen? Und es waren ihre eigenen Worte – sie standen doch in der Bibel! –, mit denen sie sich die Verdammung herbeigeredet hatten: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ O Matthäus, o ihr Evangelisten, das Blut Unschuldiger ist wohl längst auch über euch gekommen! Jesu Geschichte und Geschichten bilden nach zwei Jahrtausenden ein nur noch schwer zu trennendes Gemenge. Wer dem „wahren“, dem „historischen“ Nazarener begegnen will, dem bleibt nichts anderes, als geduldig wie ein Archäologe vorzugehen. Mit Zahnbürste und feinem Pinsel muss Schicht um Schicht abgetragen werden, damit sich am Ende – vielleicht – offenbart, was Staub und Patina verborgen haben. Und auch notorischen Ge-schichtsbegradigern aller Jahrhunderte kommt man so am besten auf die Spur.

Auf das Neue Testament ist nur beschränkt Verlass, denn dessen Autoren wollten Glauben säen, nicht Zweifel. Tatsächlich gibt es nichtchristliche Quellen. „Und das ist überraschend bei so einer Gestalt“, räumt Theißen ein, „die zu ihrer Zeit völlig am Rand des Weltinteresses stand und ja erst durch ihre Wirkungsgeschichte zu dem wurde, was sie heute ist.“ Doch schon wieder ist Vorsicht geboten. Denn auch jüdische oder römische Schriftsteller mussten sich Jahrzehnte nach den vermeintlichen Ereignissen auf Gerüchte und Legenden verlassen. Abgesehen davon interessierte sie dieser seltsame Jude auch nicht sonderlich, und sie erwähnten ihn nur in kurzen, oberflächlich gefassten Passagen. Die folgenden Jahrhunderte über wurden dann auch solche „heidnischen“ Texte in christlichen Klöstern fein säuberlich abgeschrieben und überliefert. „Dass Mönche dabei, wo es ihnen passend und hilfreich schien, kleine Ergänzungen gemacht haben“, sagt Gerd Theißen nachsichtig schmunzelnd, „ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich.“ Trotzdem geht die Wahrheit nicht völlig in Dichtung unter. Denn Vergleiche mehrerer Fassungen lassen wenigstens einige Ereignisse so durchscheinen, wie sie sich wohl zugetragen haben.

Tacitus zum Beispiel, geboren Mitte des ersten Jahrhunderts, römischer Aristokrat und Historiker, schreibt über eine lästige Sekte aus der Zeit des berüchtigten Zündelkaisers Nero, die „Christiani“: „Dieser Name stammt von Christus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Dieser verderbliche Aberglaube war für den Augenblick unterdrückt worden, trat aber später wieder hervor und verbreitete sich nicht nur in Judäa, wo er aufgekommen war, sondern auch in Rom, wo alle Greuel und Abscheulichkeiten der ganzen Welt zusammenkommen und geübt werden.“ Nicht nett, doch ein Anfang. Im Detail ist Tacitus aber nicht fehlerfrei, denn auf einer 1961 in Cäsarea entdeckten Steintafel bringt es Pilatus nur zum bescheideneren Titel eines Präfekten. Ganz egal. Jedenfalls hat diese Hauptfigur der tradierten Leidensgeschichte Jesu wirklich gelebt. Den ärgerlichen Juden, dessen Anhänger nicht von seinen Lehren lassen wollten, erwähnen auch die Römer Plinius der Jüngere und Sueton. Den Namen „Jesus“ verwendet allerdings keiner. Anscheinend hielten sie den aus dem Griechischen stammenden und ihnen nicht geläufigen Messiastitel eines „Christus“ („der Gesalbte“) für den Eigennamen. Und Sueton, Rechtsanwalt und erfolgreicher Kaiserbiograf, hat sogar damit seine Schwierigkeiten, als er aus dem Leben des humpelnden und sabbernden Herrschers Claudius erzählt: „Die Juden, die von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, vertrieb er.“ Ob sich dieser Abschaum nun mit „e“ oder „i“ schrieb, was für einen Unterschied machte das für einen römischen Ritter, den die kaiserliche Sonne wärmte?

Zumindest bezweifelt keiner dieser Autoren, dass es ein paar Jahrzehnte zuvor diesen so genannten Christus gegeben hatte. Auch seine Hinrichtung ist mehr als nur wahrscheinlich. Und selbst wenn Einzelheiten seines Lebens in diesen Quellen kaum zu finden sind, gibt es doch bei einem frühen jüdischen, in römischen Diensten stehenden Schriftsteller namens Josephus Flavius einen spannenden Familienbezug, der erst vor kurzem enorm an Gewicht gewonnen hat. Josephus berichtet da von einer Sitzung des jüdischen Hohenrates im Jahr 62, bei der Todesurteile ausgesprochen wurden. Einer der Gesteinigten wird von Josephus genauer benannt: der „Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus“. Der vermutlich echte und unübliche Hinweis auf den Bruder des Toten wäre überflüssig, wenn diesen Jesus damals keiner gekannt hätte.

Jesus hatte also nicht nur Eltern, sondern sicher auch leibliche Geschwister, was wegen der zum katholischen Dogma erhobenen allzeitlichen Jungfrauenschaft Mariens eigentlich nur noch der römischen Glaubenskongregation Probleme bereitet. Dass der Nazarener damals auch eine zumindest lokale Berühmtheit war, bekräftigt eine jetzt entdeckte antike Zeile – diesmal eingeritzt in die Wand einer etwa einen halben Meter langen Knochenkiste aus Kreidestein. Solche Ossuare dienten der Zweitbestattung von Toten. Dabei wurden die nach der Verwesung übrig gebliebenen Knochen aus wieder verwendbaren Gräbern genommen und in solche Minisärge gelegt. Die vom Pariser Inschriftenexperten André Lemaire entzifferte und nach allen bisherigen Untersuchungen echte Gravur besagt Sensationelles: Danach enthielt das jetzt leere und über den Antiquitätenhandel an die Wissenschaft gekommene Ossuar einmal die Knochen eines „Jakobus, Sohn des Josef, Bruder des Jesus“ – „Jeschua“ steht dort in Aramäisch, der Sprache Jesu.

Nun nennt allein Josephus in seinen Schriften ein gutes Dutzend verschiedene Personen „Jesus“. Kein unüblicher Name also. Was die schmucklose Kiste aber trotzdem aufregend macht, ist die ziemlich unwahrscheinliche Kombination von drei Namen: Jakobus, Josef, Jesus – Bingo? Letzte Gewissheit ist im Bibel-Business eine Rarität. Statistisch, so rechnet Lemaire vor, könnte es etwa 20 Menschen mit dem Namen Jakobus gegeben haben, deren Vater Josef und Bruder Jesus hieß.

Trotzdem fällt nun etwas mehr weihnachtliches Licht auf die ansonsten in tiefem Dunkel liegende Kindheit Jesu. Am besten wissen die Gelehrten offenbar, was nicht war: Krippe, Engel, Heilige Könige. „Wer als ein ganz besonderer Mensch dargestellt werden sollte“, sagt der Neutestamentler Theißen, „musste nach den orientalischen Traditionen auch auf ganz besondere Art zur Welt gekommen sein.“ Kosmisch angekündigt von einem eigenen Stern zum Beispiel und geboren von einer Jungfrau – „Analogische Fantasie“ nennt Theißen solche Juwelen historischer Legendenbildung, die allerdings nicht sehr originell sind. Vor Jesus schmückten sie schon ägyptische Pharaonen und Herrscher auf dem Thron Babylons. Und auch die griechische Mythologie ist voll von wundersam gezeugten Halbgöttern.

Aber lassen wir die schwangere Verlobte des Josef, wohl die Einzige ihrer Art, die je Verehrung durch den Vatikan erfuhr, in Frieden und wenden uns der Aufstellung von Steuerlisten zu. Denn die zeigt anschaulich, mit welchen Tricks uns schon die ersten Treuen des Tempelreinigers vom Lande über den Altar zu ziehen versuchten. Wegen der Steuerschätzung doch, so erzählt Evangelist Lukas, macht sich Josef mit seiner werdenden Familie von Nazaret in Galiläa auf nach Betlehem in Judäa. Denn Josef ist – was wahrscheinlich sogar stimmt – aus dem königlichen Hause Davids. Und das hat dort, ein paar Kilometer südlich von Jerusalem, seinen Ursprung, wie schon das Alte Testament versichert.

Doch das wäre ein schönes Durcheinander geworden. So lassen sich vernünftigerweise auch dann keine Steuerlisten aufstellen, wenn ein Land nur über eine Metropole mit vielleicht 30 000 Menschen verfügt – Jerusalem. Nur zu religiösen Festzeiten quoll die Stadt über und musste zehnmal so viel Pilgern Quartier bieten, die den Segen des Tempels suchten. Sepphoris, das Zentrum des rund 100 Kilometer nördlich gelegenen Galiläa, war sogar noch kleiner als Jerusalem. Trotzdem konnte ein römischer Herrscher eigentlich nur in der Propaganda seiner Feinde so dumm sein, eine Steuerschätzung nach Art des Evangelisten Lukas anzuordnen und damit eine, wenn auch ziemlich mickrige Provinz auf den Kopf zu stellen. Tatsächlich gibt es dafür außerhalb der Bibel keinen einzigen Beleg. Üblich war vielmehr schon in der Antike, wie es unsere Finanzämter noch heute halten: Besteuert wird einer da, wo er wohnt.

Und da ist noch ein Problem: Augustus, Adoptivsohn Gaius Julius Cäsars und nach dessen Ermordung und ein paar lästigen Scharmützeln römischer Kaiser bis zum Jahr 14, ließ, so sagen die Akten, keine einzige reichsweite Steuerschätzung durchführen. Für das Gebiet von Judäa, Samaria und Idumäa allerdings gab es eine Volkszählung um das Jahr sechs. Damals war Augustus auch noch Kaiser in Rom und ein Publius Sulpicius Quirinius – bei Lukas erwähnt – Legat in Syrien. Doch Herodes, von Roms Gnaden König von Judäa und vermeintlicher Babyschlächter von Betlehem, war da schon etwa zehn Jahre tot und Jesus, glaubt man den Evangelien, längst geboren: „zur Zeit des Herodes, des Königs von Judäa“ – das Ganze knirscht recht unangenehm.

Die berühmte Geburtsgeschichte des Lukas und auch das meiste von seinem Kollegen Matthäus – der mit dem Stern über dem Stall –, all die vertrauten Worte, die nach Spekulatius schmecken und in uns monumentale Breitwandbilder mit jubilierenden Engelchören wecken, sie sind in den Augen kritischer Theologen religiöse Dichtung. Mehr oder weniger gekonnt konstruierte Propaganda wäre vielleicht treffender gesagt. Und das gilt, wie Forschungen aus inzwischen zwei Jahrhunderten zeigen, nicht nur für die weihnachtliche Stimmung, die Lukas und Matthäus verbreiten.

Wenn Jesus im Stall von Bethlehem geboren sein soll, dann nicht wegen einer abstrusen Volkszählung, sondern aus ideologischen und schon im Alten Testament verwurzelten Gründen: „Aber du, Bethlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.“ Micha heißt der Prophet, der das weissagt. Und wie könnte die göttliche Planung sich besser beweisen, als durch eine Erfüllung solcher Ankündigungen? Nun wusste damals aber dummerweise offenbar so gut wie jeder in dieser Gegend, dass Jesus aus Nazaret stammte, einem winzigen Nest in Galiläa, das bis heute untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. Also schiebt Lukas die Geschichte ein bisschen zurecht, lässt die tatsächliche Volkszählung des Quirinius ein paar Jahre eher stattfinden und dehnt sie gleich auf die ganze römische Welt aus. Auch große Teile der restlichen Aufzeichnungen der Evangelisten Lukas und Matthäus sind aus historischer Sicht mit größter Vorsicht zu genießen. Ebenso die der beiden anderen Autoren, die es per Beschluss der späteren Kirche in den Kanon der offiziellen Bibel geschafft haben: Markus und Johannes. Frühe Jesus-Biografen wie Thomas oder Petrus – die durchweg unbekannten Schreiber bedienten sich dieser Jüngernamen vermutlich, um für ihre Werke Eindruck zu schinden – hatten weniger Glück und wurden nicht in die Bibel aufgenommen. Doch auch sie folgten in bewährter antiker Tradition dem Strickmuster ihrer kanonisierten und trotz der klingenden Namen persönlich ebenfalls so gut wie unbekannten Kollegen: da schwarz, hier weiß. Dort zum Beispiel die dummen und brutalen Römer, hier die geknechteten Juden. Da die verstockten Pharisäer oder machtbesessenen Priester, hier das verkannte Heil der Welt in Gestalt des mildtätigen Nazareners – „Seht, das Lamm Gottes“. Und wie in jedem Drehbuch dieses Genres wird die Geschichte dramatisch zum Höhepunkt getrieben. Schließlich stockt einem der Atem, weil es für den Helden kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Und so siegt das Böse, der Gerechte bricht gefällt vom Widersacher zusammen. Doch immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her – im Neuen Testament heißt das Happy End: Auferstehung und Himmelfahrt.

Von der Geburt des Galiläers bis dahin vergehen rund 30 Jahre. Aber was bringt ein Landei jener Tage dazu, sich für den Erwählten zu halten? Und was macht andere glauben, er habe damit sogar Recht? Die Zeiten waren offenbar danach. Denn Jesus ist einer unter vielen, die durchs Land zogen, Wundersames vollbrachten und Wandel, wenn nicht Revolution predigten. Dabei beriefen sie sich auf den Glauben der Väter, die von Mose geführt und Gott Jahwe gesegnet ins gelobte Land am Jordan gekommen waren. 63 vor Christus waren auch die Römer bis dorthin vorgedrungen und setzten gefügige Vasallen ein. Dabei stand längst nicht an jeder Ecke Palästinas ein wachsamer Legionär, wie es in Bibelfilmen gern der Fall ist. Höchstens 30000 Soldaten waren vor allem im nordöstlich gelegenen Syrien stationiert, weit weniger als in „Ben Hur“ Statisten auftraten. Und sie wurden wohl nur dann gen Jerusalem in Marsch gesetzt, wenn es dort brenzlig roch. Auch Präfekten wie Pontius Pilatus hielten sich vom merkwürdigen Tempeltaumel der Juden lieber fern und residierten stattdessen die meiste Zeit in Cäsarea am Meer, wo man weitgehend unter sich war und beim sehnsüchtigen Blick über die Wellen von Rom träumen konnte.

Obwohl es also hätte schlimmer kommen können, war die Besatzung vielen Juden ein Ärgernis, um es milde zu formulieren. „Denn da trafen zwei Kulturen mit Weltanspruch aufeinander“, sagt Gerd Theißen. Die Supermacht vom Tiber war sich gewiss, nur sie allein könne Ordnung schaffen in der Welt und die „Pax romana“. Aber war das der Frieden, den der eine und einzige Gott seinem Volk verheißen hatte? War es zu dulden, wenn alle möglichen Götter, eigene und geborgte, Platz hatten im römischen Pantheon? Frevel, schrien die Orthodoxen. Und dann gab es noch die Kollaborateure, die wie Herodes Bücklinge vor den heidnischen Herren machten, um ihre Pfründen zu wahren. Auch die Religion war, so gut es ging, in römischer Hand. Ohne den Segen der Besatzer hätte jedenfalls kein Kaiphas den Hohen Rat anführen können. Auch diesen obersten Priester, der Jesus das Ende seines Lebens schwer machte, gab es tatsächlich. Vor zehn Jahren etwa wurde das Grab seiner Familie entdeckt.

Trotz des blumigen Beiwerks im Evangelium muss es dann in dieser brodelnden Atmosphäre irgendwann wirklich zur Begegnung Jesu mit seinem „Vorläufer“ gekommen sein: Johannes, dem düsteren asketischen Täufer am Jordan. Denn dieses Ereignis ist so voll Peinlichkeiten für die frühe Christenideologie, da sind sich heute die Exegeten einig, dass es wohl verschwiegen worden wäre, hätten nicht viele damals davon gewusst. Jesus ließ sich also taufen. Wie aber war das mit seiner später proklamierten Vorrangstellung zu vereinbaren? Hätte nicht er Johannes ins Wasser tauchen müssen? Schlimmer noch: Die bei den Juden auch vorher bekannte rituelle Waschung sollte der Tradition nach Sünden tilgen. Wie aber konnte der Sohn Gottes überhaupt gefehlt haben? Da hilft nur noch theologisches Tricksen. Und diesen Part übernimmt dann der Evangelist mit Namen Johannes, indem er die von seinem Meister zum Jordan getragenen Verfehlungen flugs zur „Sünde der Welt“ macht und Jesus zum „Lamm Gottes“, das sie für die anderen trägt. Dank sei dem Herrn, so stimmt es wieder. „Eine geniale Lösung“, sagt Theißen.

Aber was bleibt denn noch? Für Aufsehen muss der Mann aus Galiläa, der in diesem Gebiet, kleiner als das Saarland, fast sein ganzes Leben verbracht hat, doch gesorgt haben. Sonst wüssten wir heute nicht von ihm. Ein weiterer überlieferter Text des bekannten Josephus Flavius nennt Jesus „einen gerechten und guten Mann, der aus göttlicher Gnade durch Zeichen und Wunder kundgetan wurde und vielen Gutes tat“. Dämonenaus- treibungen, Krankenheilungen, Brotver-mehrung. „Zauberei“ werfen ihm später jüdische Rabbiner vor. Doch natürlich war Jesus kein antiker Harry Potter, und er lernte in Nazaret fürs Leben, nicht in Hogwarts. Trotzdem muss er über ein imponierendes Charisma verfügt haben. Eine große Anhängerschaft ist bezeugt, auch Frauen – das ist nicht selbstverständlich – gehören in seine direkte Umgebung. Wie er als Mensch lebte, nicht als Messiaskandidat, das lässt sich nur noch ahnen. Aber er half wohl vielen, denen es dreckig ging, wieder auf die Beine. Und solche Wunder wirkt er offenbar bis heute.

Hat er geglaubt, der Sohn Gottes zu sein? Keiner weiß wirklich, was ihn angetrieben hat und schließlich auf den Weg nach Jerusalem brachte, der sein letzter werden sollte. Wie viele seiner Zeitgenossen scheint er überzeugt gewesen zu sein, dass sich damals die Geschichte ihrem Ende und auch ihrer Vollendung näherte. Apokalypsenstimmung machte sich breit, vom nahen „Reich Gottes“ predigte offenbar Jesus, und das ließ mindestens die Römer aufhorchen. Irgendwer musste doch die verfahrene Lage des auserwählten Volkes beheben. Auf die Gewalt der Waffen vertrauten da die aufständischen Partisanen der Zeloten. Jesus setzte dagegen die Macht des Wortes, der Zeichen und der Besinnung auf sich selbst. Kraft, die von innen kommt, kein unmodernes Rezept. Nicht die Römer und ihre Vasallen mussten geschwächt, sondern der eigene Glaube stärker werden. Die Opposition zu den herrschenden Verhältnissen ist trotzdem offensichtlich: Auch den Römern gilt eine Friedensbotschaft, die nicht stampfend mit Panzer und Helm daherkommt. Und der Dekadenz der Tempelaristokratie setzt Jesus das Lob der unteren Schichten entgegen – „Selig die Armen“. So kommt es zum letzten Akt in Jerusalem.

Auch hier ist die Datenlage verworren. Vermutlich im Jahr 30, nach höchstens drei Jahren öffentlichen Auftretens vor allem auf dem galiläischen Land, erreicht Jesus mit seinen Anhängern das Zentrum, die zum Passahfest überfüllte Stadt des Tempels. Und auf den, von Herodes prachtvoll ausgebaut und damals für das Stadtbild so dominant wie die Goldkuppel des Felsendomes heute, hat es der Nazarener offenbar abgesehen. Was er wirklich sagte, was er tat, die Vertreibung der Händler etwa, bleibt im Nebel der Geschichte. Doch es muss bedrohlich gewesen sein: für die Tempelkaste der Sadduzäer und auch für die Besatzer aus Rom, die bei solchen Festen waffenstarrende Präsenz zeigten. Wie Tausende vor und nach ihm stirbt der eifernde Aufrührer, von Pilatus zum Tode verurteilt, schließlich halbnackt am Kreuz. Eine entwürdigende Hinrichtungsart, die Rom aus dem Orient übernommen hat.

Und dann? Auferstehung? Eines ist jedenfalls sicher: Das Ende des Jesus wird zum Anfang des Christus.

Frank Ochmann / print