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"Vogelplage" über Deutschland: Krähen machen Städte unsicher

Sie lärmen, sie koten und und gehen vielen Menschen gehörig auf die Nerven: Krähen. In einigen Gegenden scheinen die Tiere überhand zu nehmen. Daran ist vor allem einer schuld: der Mensch.

Das Foto zeigt eine Krähe, die ihren Schnabel weit aufgerissen hat

Störenfried Rabenvogel: viel Lärm, viel Kot

Hat Deutschland ein Krähenproblem? Scheinbar, ja: Seit Monaten treffen Hilferufe aus der ganzen Republik ein. "Krähenplage in Freiburg" meldete die Badische Zeitung vor einigen Wochen. Der Merkur berichtete jüngst von "1300 Saatkrähen in Erding" und ihrem "nervtötendem Geschrei". Und auch Allgäu Online weiß von einer "Krähenplage in Kempten" zu berichten.

"Plage", "Krach" oder "Horror": Die Wortwahl in der Berichterstattung ist drastisch und die Not unter betroffenen Anwohnern groß. sind laut, rotten sich gerne in größeren Gruppen zusammen und koten auf Gehsteige, Fahrräder und Autos. Für Unmut sorgen vor allem die sogenannten Saatkrähen: Sie brüten – anders als die etwas größeren Kolkraben oder Rabenkrähen – in Kolonien und stehen unter besonderem Naturschutz. Es ist verboten, die Tiere zu töten, zu fangen oder ihre Nester während der Brutzeit zu zerstören. In der Folge können sie sich ungehindert vermehren.

In einigen Regionen führt das zu grotesken Situationen – so wie im nordrhein-westfälischen Soest. Der beschauliche 50.000 Einwohnerort gilt längst als "Stadt der Krähen". Hunderte Saatkrähen-Paare haben es sich dort gemütlich gemacht und nisten in den Bäumen einer Parkanlage. Dreck und Lärm belasten die Anwohner, sie fühlen sich von den Tieren belästigt. Doch die Behörden sind machtlos.

Schäden in Millionenhöhe

Hilferufe kommen auch aus der Hauptstadt: Jüngst wurden Rabenvögel dabei beobachtet, wie sie Angriffe auf Menschen flogen. Am Berliner Hauptbahnhof zertrümmerten sie sogar Glasscheiben, indem sie Schrauben auf das Gebäude fallen ließen. Warum die Tiere das tun, ist unklar. Allerdings kommt es die Stadt teuer zu stehen: In den vergangenen zehn Jahren gingen auf diese Weise Hundert Scheiben zu Bruch – zu einem Stückpreis von 10.000 Euro. Der Berliner Kurier spricht bereits von einer "Vogelseuche" am Hauptbahnhof.

Doch wie real ist das Problem wirklich? Nehmen die Krähen tatsächlich überhand? Und warum scheinen die Tiere so aggressiv zu sein?

Lars Lachmann ist Referent für Ornithologie und Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) – und mahnt zu mehr Differenzierung. Denn Krähe ist nicht gleich Krähe. Für Lärmbelästigung sorge in erster Linie die in Kolonien brütende Saatkrähe. Angriffe auf Menschen würden dagegen nur Rabenkrähen oder Nebelkrähen fliegen. Alle drei zählen ebenso wie echte Raben zu der Familie der Rabenvögel.


Auch Krähen zieht es vom Land in die Stadt

"Vögel verteidigen ihr Nest und ihre Jungen gegen Eindringlinge, von denen sie annehmen, dass sie ihnen gefährlich werden könnten", schreibt Lachmann auf Anfrage des stern. Dieses Verhalten sei auch bei kleineren Vögeln üblich. Allerdings würden sich diese keine direkten Angriffe auf Menschen zutrauen und stattdessen nur aufgeregt warnen. "Größere Vögel starten aber durchaus manchmal Scheinangriffe oder in Ausnahmefällen auch richtige Angriffe auf Menschen", so Lachmann. Der Experte betont allerdings, dass diese Angriffe nur in der Brutzeit stattfänden, also in den Monaten von April bis Juni. Eine besonders kritische Phase sei kurz vor oder nach dem Ausfliegen der Jungtiere.

Die Bestände an Raben- und Nebelkrähen hätten sich in letzter Zeit nicht verändert, so Lachmann. Allerdings seien viele Tiere vom Land in die Stadt umgesiedelt. "Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit von Angriffen", erklärt der Experte.

Krähen in Städten sind ein hausgemachtes Problem

An dieser Entwicklung ist auch der Mensch schuld: Durch Flurbereinigung, Abholzung und den Einsatz von Bioziden werden die ländlichen Lebensräume der Tiere nach und nach zerstört. In Städten finden die dagegen ein breites und attraktives Nahrungsangebot. Sie fressen Speisereste aus Mülleimern und picken an achtlos weggeworfenen Burgern und Aas. Fündig werden sie vor allem in Straßennähe – also in Nähe des Menschen. Krähen, die sich an überfahrenen Igeln sattfuttern, dürften jedem Autofahrer bekannt vorkommen.

Anders sieht es bei den unter Naturschutz stehenden Saatkrähen aus. Hier gebe es "deutliche Zunahmen" der Bestände, so Lachmann. Nach Angaben der Bundesregierung leben derzeit bis zu 89.000 Saatkrähen-Brutpaare in –Tendenz steigend.

"Die Bestände haben in den letzten 25 Jahren deutlich zugenommen, da die Art zuvor sehr selten geworden war. Inzwischen hat sich die Zunahme allerdings bereits verlangsamt", erklärt Lachmann. Von einer Plage kann also keine Rede sein. Vielmehr erholen sich die Tiere derzeit von einem Bestandstief.

Von einer "Massenvermehrung" will auch der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) nichts wissen: "Der immer wieder geäußerte Eindruck, dass Rabenvögel zunehmen und zu einer regelrechten Plage werden, täuscht", heißt es auf der LBV-Website. Statistiken würden keine Anhaltspunkte für eine generelle Zunahme der Vögelanzahl liefern. Vielmehr sei die Gesamtpopulation in Mitteleuropa seit Jahren konstant. Regional kann es jedoch zu einer Häufung von Tieren kommen – wie im nordrhein-westfälischen Soest. Als Ursache diskutieren Naturschützer günstige Lebensbedingungen für die Vögel, etwa ausreichend Nistmöglichkeiten und ein großes Nahrungsangebot.

Schirm und Hut schützen vor Krähen-Attacken

Wie also mit den gefiederten Nachbarn umgehen? Gegen angriffsfreudige Krähen kann ein Hut oder ein Regenschirm helfen, glaubt Vogelexperte Lachmann. "Auch eine erhobene Hand schützt bereits den Kopf." Grundsätzlich rät er, den Nestbereich aggressiver Vögel für einige Zeit zu meiden. Sollte dies nicht möglich sein, ist es ratsam, zügig, aber nicht rennend an den Tieren vorüberzugehen. Und: "Bei Attacken empfiehlt es sich wieder umzukehren, damit der Vogel seine Verteidigung als erfolgreich abhakt."

Versuche, die Tiere umzusiedeln oder zu vertreiben, schlagen vielerorts fehl. Die Bürger des bayerischen Städtchens Meitingen – ebenfalls Krähen-geplagt – wussten sich nicht mehr anders zu helfen und ließen sogar Musikkapellen aufspielen, um die lärmenden Tiere zu vertreiben. Die Aktion mißlang, und die Vögel blieben. Erst als sich ein Greifvogel in ihrem Gebiet breitmachte, verließen die Krähen das Städtchen. Er hält die Tiere fern. Bis heute.

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