Schimmelpilze Gefährliche Winzlinge


Die meisten kennen nur Fußpilz, doch seine Verwandten sind alles andere als harmlos: Pilzinfektionen werden in Intensivstationen immer häufiger zum Problem. Die Diagnose ist schwierig, eine unerkannter Pilzbefall kann tödlich enden.

"Es juckt und brennt, die Haut rötet sich und schuppt." So würde wohl fast jeder Laie die typischen Symptome einer Pilzinfektion beschreiben. Schließlich sind dies die Folgen, die man von der häufigsten dieser Erkrankungen kennt - dem Fußpilz. Doch was jahrzehntelang als Domäne der Hautärzte galt, bereitet mittlerweile immer mehr Intensivmedizinern Probleme: Infektionen mit Pilzen bedrohen mehr und mehr das Leben ihrer Patienten.

"Heute sind Pilze eines der gefährlichsten Infektionsrisiken für Patienten mit Blutkrebs sowie für Organempfänger und Intensivpatienten", berichtet der Onkologe Markus Ruhnke von der Berliner Charité in der Mai-Ausgabe des Magazins "bild der wissenschaft". Dabei geht es nicht um die lästigen, im Grunde jedoch harmlosen Pilzvarianten, die sich auf Haut und Schleimhäuten niederlassen, sondern um Hefe- und Schimmelpilze, die innere Organe befallen.

Verantwortlich für jeden siebten Todesfall bei Infektionskrankheiten

In den USA sind Pilzerkrankungen bereits für jeden siebten Todesfall durch eine Infektionskrankheit verantwortlich, und die Zahl der registrierten Pilzinfektionen hat sich innerhalb von nur 17 Jahren verdreifacht, Tendenz weiter steigend. "In Europa liegen leider nicht so detaillierte Zahlen vor. Doch der Trend ist ganz ähnlich", sagt Ruhnke, der auch Vorsitzender der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft ist.

Zu den häufigsten Verursachern der lebensbedrohlichen Erkrankungen gehören der Hefepilz Candida albicans und der Schimmelpilz Aspergillus fumigatus. Beide sind in Deutschland keineswegs Exoten. "Candida albicans ist ein Bestandteil der normalen mikrobiellen Flora des Menschen", erklärt etwa der Mykologe Bernhard Hube vom Robert-Koch-Institut in Berlin. Der Hefepilz lebt bei vielen Gesunden im Darm, im Mund und auf feuchten warmen Hautpartien. Auch Aspergillus fumigatus findet sich in nächster Nähe des Menschen - in der Biotonne, in Getreidelagern, in Heuhaufen und selbst in Lebensmitteln wie Tee oder Nüssen.

So lange harmlos, bis sie ins Blut gelangen

Normalerweise sind die beiden Pilze keine Bedrohung für die Gesundheit. Atmet ein gesunder Mensch beispielsweise Schimmelpilzsporen ein, werden sie sofort von einer doppelten Verteidigungsanlage in der Lunge unschädlich gemacht: Zuerst schickt das Immunsystem Fresszellen, die die Sporen erkennen und eliminieren. Anschließend sorgen weiße Blutkörperchen dafür, dass mögliche Überlebende ebenfalls abgetötet werden. Den Candida-Pilzen verwehrt dagegen die Haut oder Schleimhaut als wirksame Barriere den Eintritt in den Blutkreislauf.

Doch beide Mechanismen greifen nicht mehr, wenn das Immunsystem geschwächt oder die Hautbarriere verletzt ist. Besonders häufig trifft beides für Patienten nach großen Operationen wie Organtransplantationen, bei Leukämie-Patienten nach einer Knochenmarksübertragung oder auch bei Krebskranken während einer Chemotherapie zu.

Denn sind sie einmal im Blutkreislauf angekommen, werden die harmlosen Pilze zu einer echten Bedrohung - und das, obwohl sich der Lebensraum Blut sehr von ihrer gewohnten Umgebung unterscheidet. So bilden die sonst kugeligen Hefepilze etwa schlauchartige Gebilde, die sich in das Gewebe der Organe bohren können. "Innerhalb von Minuten passen die Pilze ihr genetisches Programm diesen veränderten Bedingungen an", erklärt Hube in "bild der wissenschaft".

Auf diese Weise können sie sich in Ruhe ausbreiten und schließlich eine lebensbedrohliche Sepsis, im Volksmund auch Blutvergiftung genannt, auslösen. Infektionen mit Schimmelpilzen sind zwar seltener, verlaufen aber sogar noch häufiger tödlich - vor allem, wenn Gehirn oder Lunge befallen sind.

Jeder nutzt andere Tricks

Die Diagnose ist schwierig und dauert meist viel zu lange, vor allem, weil es außer einer mehrere Tage dauernden Kultivierung keine guten Nachweismethoden gibt. Viele Ärzte verordnen daher schon beim bloßen Verdacht einer Pilzinfektion ein Antimykotikum. Das Problem: Ähnlich wie Bakterien können auch Pilze Resistenzen gegen die Wirkstoffe entwickeln, und Mediziner kennen ohnehin nur eine Handvoll Wirkstoffe - und zwar deswegen, weil Pilzzellen menschlichen Zellen sehr viel stärker ähneln als Bakterienzellen, so dass viele Substanzen, die die Pilze abtöten, auch dem Körper schaden.

"Das bedeutet, dass es für Wirkstoffe gegen Pilze nur relativ wenige spezifische Angriffsziele gibt", beschreibt Axel Brakhage, Leiter des auf humanpathogene Pilze spezialisierten Leibniz-Instituts HKI in Jena. Und abgesehen von Zellwand, Zellmembran und der Maschinerie, die die Erbsubstanz vervielfältigt, sind diese Ziele noch nicht einmal für jeden Pilz gleich.

So könnte zwar beispielsweise Aspergillus fumigatus in Zukunft möglicherweise bekämpft werden, indem man die Produktion eines Toxins blockiert, mit dem der Schimmelpilz das Immunsystem unterdrückt. Andere Pilze nutzen jedoch andere Tricks. "Es ist wichtig, zu verstehen, wie die Pilze genau vorgehen", bringt Brakhage daher das Ziel seiner Arbeitsgruppe auf den Punkt. "Nur so können wir ihre Schwachstellen erkennen."

Ilka Lehnen-Beyel/DDP DDP

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