Vogelgrippe weltweit Der lange Kampf gegen das Virus


Die hoch ansteckende Vogelgrippe ist nach Deutschland zurückgekehrt: Das Virus H5N1 wurde bei einer Wildente nachgewiesen. Während dies ein Einzelfall bleiben kann, ist die Lage in Asien dramatisch. Dort sterben immer wieder Menschen an der Tierseuche. Und die Gefahr einer weltweiten Grippewelle droht weiterhin.
Von Nina Bublitz

Wer heute oder in den kommenden Tagen am Starnberger See eine tote Ente sieht, sollte sich an die Veterinärbehörden wenden. Das hoch ansteckende Vogelgrippe-Virus H5N1 scheint nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. Der Erreger fand sich in einer bei Possenhofen geschossenen Stockente. Dort wurden am 10. Januar 2009 vier Kanadagänse und 35 Stockenten im Flug erlegt. Die Tiere zeigten nach Angabe des Landratsamt Starnberg keine Krankheitssymptome. "Dieser Nachweis bedeutet nicht, dass das Risiko für Infektionen beim Nutzgeflügel sofort dramatisch steigt. Der Fall in Bayern zeigt aber, dass wir das sporadische Vorkommen des H5N1-Virus bei Wildvögeln nicht ausschließen können", sagt Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

Ein Sperrbezirk wird laut Landratsamt nicht eingerichtet. Bei den 468 seit dem ersten Auftreten der Vogelgrippe in Deutschland im Januar 2006 eingesandten Proben aus dem Landkreis Starnberg sei dies der erste und einzige positive Befund. Auch die einige Tage später eingesandten Proben von 20 Wasservögeln waren wiederum allesamt negativ, so das Landratsamt.

300 Millionen tote Vögel

Die letzten Vogelgrippe-Fälle in Deutschland liegen mehr als ein Jahr zurück. Im Jahr 2006 starben in Deutschland erstmals Tiere an einer Infektion mit H5N1, im folgenden Jahr gab es mehrere Fälle, 2008 nur noch einen. "Wir haben die Vogelgrippe bei den Ausbrüchen 2006, 2007 und 2008 erfolgreich bekämpft. Es galten harsche Restriktionen - wie das Verbot der Freilandhaltung -, aber diese haben sich offensichtlich bewährt", sagt Harder.

In Deutschland wird Geflügel nicht gegen das Virus geimpft. Das hat einen - brutal klingenden - Vorteil: Wenn Tiere erkranken, zeigen sie sofort starke Symptome, so dass die Behörden wissen, wo sie eingreifen müssen. Eingreifen bedeutet: töten. 2007 mussten in Deutschland mehr als eine Viertelmillion Enten getötet werden, nachdem der Erreger Tiere in Mastbetrieben befallen hatte. In Asien hat die Vogelgrippe seit dem ersten Ausbruch 2003 daher 300 Millionen Vögel das Leben gekostet, so die Schätzung der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE).

Beim Menschen verläuft die Krankheit oft tödlich

In einigen asiatischen Ländern, dem Zentrum der Vogelgrippe-Epidemie, ist das Virus inzwischen "endemisch", das heißt: Es zirkuliert das gesamte Jahr. Dort stecken sich auch immer wieder Menschen mit der Vogelgrippe an. Meist sind es Bauern, die mit dem Geflügel auf engem Raum zusammen leben. Beim Menschen verläuft die Vogelgrippe dramatisch - oft sogar tödlich. Seit Jahresbeginn infizierten sich laut der Weltgesundheitsorganisation WHO neun Menschen in China und Vietnam, sechs von ihnen starben. Auch in Ägypten erkrankten in diesem Jahr fünf Menschen. Man höre vergleichsweise wenig über die Geflügelinfektionen, sagt Tiermediziner Timm Harder: "Wir haben die anormale Situation, dass der Mensch hier als eine Art Wächter fungiert. Denn bei allen Erkrankten war die Ansteckungsquelle infiziertes Geflügel."

Die Situation in Asien hat sich nach Aussage von Alex Thiermann von der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) zwar verbessert, weil viele Länder ihre tierärztliche Versorgung ausgebaut hätten - aber es gebe noch viel zu tun.

Zwar gibt es Impfstoffe gegen H5N1, doch diese bringen auch Nachteile mit sich. Im Prinzip müsste eine Impfung vier Kriterien erfüllen, wie Tiermediziner Harder erklärt: Sie sollte die Ansteckung an sich verhindern. Zweitens sollte sie dafür sorgen, dass infizierte Tiere nicht schwer erkranken - also noch Eier legen und auch gegessen werden können. Drittens dürften geimpfte Vögel, die sich trotzdem infizieren, die Viren nicht weiterverbreiten. Und viertens muss es möglich sein, mit einem einfachen Test geimpfte Tiere von infizierten zu unterscheiden. "Kein Impfstoff erfüllt alle vier Kriterien", sagt Harder. "Das macht wenig Mut, die Impfung dort zu empfehlen, wo das Virus sich noch nicht dauerhaft eingenistet hat, also zum Beispiel in Europa." Denn eine Impfung, die nicht sämtliche Standards halten kann, hat einen großen Nachteil: Das Virus kann dann unter geimpften Tieren zirkulieren, ohne dass es bemerkt wird und sich so stetig weiter ausbreiten. Die OIE sieht die Impfung ebenfalls nur als Hilfsmittel, nicht als Lösung.

Die Drohung einer möglichen Pandemie

Einigen Ländern in Asien ist es laut OIE zwar gelungen, in ihren Geflügelbeständen H5N1 auszurotten - "doch dann kamen über die Nachbarländer durch illegalen Handel neue Viren ins Land", sagt Thiermann. Unklar ist noch, wie das Virus bis nach Deutschland gelangt ist. "Es ist nicht mit Sicherheit in jedem Einzelfall zu klären, wie es sich verbreitet. Ich würde annehmen, dass es in den endemisch infizierten Regionen z. B. Südostasiens in Geflügelbeständen vorhanden ist und von dort immer wieder in die Wildvogel-Population gelangt - und dann auch über Zugvögel in andere Länder." Auch der Handel mit Geflügel und Geflügelprodukten könne eine Infektionsquelle sein - und der Tourismus. "Theoretisch kann sich das Virus auch über etwas Dreck unterm Schuh verbreiten", sagt Harder.

Die wohl größte mit der Vogelgrippe verknüpfte Sorge hat indes nichts mit Geflügel zu tun. Theoretisch kann sich das Virus H5N1 so verändern, dass es auch von Mensch zu Mensch übertragbar wird. Dann könnte eine starke, weltweite Grippewelle - eine sogenannte Pandemie - drohen. "Das Virus hat sich, seit wir es seit 1996 beobachten, nicht so verändert, dass es sich an den Menschen angepasst hat", sagt Harder. "Aber das Risiko einer Pandemie bleibt bestehen."


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