Neue Verpackungskennzeichnung Lebensmittelkonzerne gehen in die Offensive


Eine transparentere Kennzeichnung von Lebensmitteln forderte die Bundesregierung. Nun reagieren die Konzerne: Auf den Verpackungen wollen sie Kalorien deutlicher kennzeichnen. Verbraucherschützer meinen: alles nur ein Trick.

Die Deutschen sind zu dick - das ergab eine britische Studie, in der Wissenschaftler den Anteil der Übergewichtigen an der Bevölkerung europaweit verglichen hatten. Das erschreckende Ergebnis: Drei Viertel der erwachsenen Männer und mehr als die Hälfte der erwachsenen Frauen in Deutschland sind übergewichtig oder sogar fettleibig. Laut IASO-Studie belegt Deutschland im europäischen Vergleich damit Platz eins.

Auf der Vorderseite wird die Kalorienanzahl pro Portion angegeben

Die Bundesregierung reagierte und verabschiedete den "Aktionsplan Ernährung und Bewegung", wo unter anderem eine verbesserte Produktkennzeichnung gefordert wird. "Dabei muss die Kennzeichnung von Lebensmitteln dem Informationsbedürfnis in klarer und verständlicher Form Rechnung tragen und vor Täuschung und Irreführung schützen", heißt es darin. Auch die EU-Kommission diskutiert derzeit eine neue Kennzeichnungsverordnung für Lebensmittel.

Nun gehen die Lebensmittelkonzerne in die Offensive. Wie die die "Berliner Zeitung" berichtet, wollen die Firmen Kellogg's, Coca-Cola, Danone, Kraft, Nestlé, Pepsico, Unilever, Masterfoods und Campbells versteckte Dickmacher in ihren Produkten gut sichtbar auf der Verpackung kennzeichnen. Künftig würden bei Produkten dieser Hersteller auf der Vorderseite der Verpackungen die Kalorien pro Portion angegeben. Dahinter werde vermerkt, welchen prozentualen Anteil der Verzehr der Portion an der empfohlenen Tageszufuhr hat. Auf der Rückseite werden die Mengen der Inhaltsstoffe Kohlenhydrate, Eiweiß, Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz und Ballaststoffe pro 100 Gramm angegeben.

Die ersten Cornflakes-Kartons und Getränkeflaschen stünden schon mit genormten Angaben in den Supermarktregalen, die Kennzeichnung weiterer Produkte soll im Sommer folgen.

Nestlé will bereits im Juni mit der Umstellung beginnen. "Bei 3000 verschiedenen Produkten wird sich die Umstellung bis Ende 2008 hinziehen", sagt Hartmut Gahmann, Pressesprecher von Nestlé.

Verbraucherschützer sind skeptisch. Mit der Kennzeichnung wollen die Lebensmittelhersteller das in Großbritannien praktizierte Ampelsystem verhindern, meint Matthias Wolfschmidt, Vize-Chef der Organisation Foodwatch. Dort bekommen Produkte mit hohem Fett- oder Zuckergehalt einen roten Punkt, gesunde einen grünen und grenzwertige Lebensmittel einen gelben Punkt - auf der Vorderseite.

Wolfschmidt nannte das neue Label eine "Vorwärtsverteidigungsstrategie" der Lebensmittelhersteller. Sie wollten damit verhindern, dass zum Beispiel auch Kinder direkt vergleichen könnten, so wie das beim Ampelsystem der Fall wäre.

Nestlé: Kinder brauchen bessere Erziehung, nicht Kennzeichnung

Als Begründung, warum man nicht auf ein Ampelsystem wie in Großbritannien gehe, nennt Gahmann Ergebnisse von Kundenbefragungen als Grund: "Der Verbraucher möchte eine Balance zwischen Genuss und Gesundheit. Und er möchte differenzierte Aussagen und keine Willkür wie eine Ampel."

Für Kinder, die solche bewussten Entscheidungen anhand der Inhaltsstoffangaben noch nicht treffen können, sieht Gahmann eine Verbesserung der Ernährungserziehung als Lösung. Sie sei auch im Aktionsplan der Bundesregierung vorgesehen.

Jens Lubbadeh mit Agentur

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