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Rittertum So durchbrachen die Panzerreiter Karls des Großen die Phalanx der Fußsoldaten

Gepanzerte Reiter im Leidener Makkabäer-Codex aus dem frühen 10. Jahrhundert
Gepanzerte Reiter im Leidener Makkabäer-Codex aus dem frühen 10. Jahrhundert
© Wikipedia / Commons
Sie beherrschten die Schlachtfelder und waren die Vorläufer der Ritter. Erstmals wird nun eine komplette Ausrüstung eines Panzerreiters aus der Zeit Karls des Großen rekonstruiert.

Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches begann in West-Europa eine Periode des Niedergangs, die Errungenschaften und technischen Fertigkeiten des Imperiums gingen in kurzer Zeit verloren. Selbst die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben war in Gefahr. Erst das Reich, das Karl der Große mit unzähligen Kriegs- und Raubzügen zusammenbrachte, stoppte den weiteren Verfall.

Rekonstruktion eines frühen Ritters

Die Grundlage dafür war das Bündnis der Kirche mit dem Kriegsfürsten und der konnte nur so erfolgreich sein, weil unter seinem Vorfahren Karl Martell eine entscheidende militärische Neuerung Einzug in das Heer der Franken hielt: der Panzerreiter. Diese Reiter waren in Stellung und Funktion die Vorläufer des späteren Ritterstandes. Nun wird erstmals die komplette Ausrüstung eines gepanzerten Reiters aus der Zeit Karls des Großen im Freilichtlabor in Lorsch rekonstruiert. Das Museum zeigt einen Herrenhof der Zeit, neben den Gebäuden soll auch ein kompletter Reiter ausgestellt werden. Schwerter, eine Lanze, Helm, Schild, ein Messer oder auch Schwertscheiden und -gürtel wurden schon nach alten Vorbildern und mit dem damals üblichen Handwerkszeug fertiggestellt. Nach heutiger Kaufkraft müsste die komplette Ausrüstung eine Million Euro gekostet haben.

Einsatz als Schockkavallerie

Vor der Zeit der Karolinger bestand das Heer der Franken aus Fußsoldaten. Eine komplexe Ordnung und Kampftaktik wie bei den Römern gab es nicht. Die Heere bauten sich in großen Reihen auf und rückten in der Phalanx im Schutz ihrer Schilde voran, bis sie auf die Formation des Gegners trafen. Dann begann ein Stechen und Schieben, bis die Linie einer Seite nachgab. Die Elitekrieger der Panzerreiter gingen anders vor. Sie preschten als Gruppe, möglichst als Keil voran. Die Wucht des Aufpralls der Schockkavallerie zerriss die gegnerische Formation, die nachrückenden Fußsoldaten hatten leichtes Spiel mit den nun zerstreuten Gegnern.

Damit das gelang, mussten die Reiter möglichst geschützt sein. Eine unscheinbare Erfindung verlieh den Attacken der Reiter so viel Gewalt: der Steigbügel und ein speziell geformter Sattel. So saß der Reiter erstmals wirklich fest verankert auf dem Rücken des Pferdes. Die Konstruktion machte es möglich den ganzen Bewegungsimpuls des schweren Pferdes in der Lanzenspitze zu vereinen. Ihr Stoß durchdrang jede Panzerung, kein Mann konnte ihm widerstehen.

Schlacht von Poitiers noch ohne Reiter

Traditionell wurde angenommen, dass der Hausmeier Karl Martell mit diesen Panzerreitern die Araber im Oktober 732 bei Poitiers besiegte und so die islamische Expansion stoppte. Doch neue Forschungen nehmen an, dass die Franken damals in geschlossener Formation von gepanzerten Fußsoldaten kämpften und die Gruppe der Panzerreiter erst später etabliert wurde. Ihre Ausrüstung war außerordentlich kostspielig und die Ausbildung zum Reiterkrieger aufwendig. Die Nebenerwerbssoldaten des bäuerlichen Aufgebots konnten in diesen Kriegerrang nicht aufsteigen. Die Heeresreform Karls des Großen im Jahr 807 sah vor, dass nur noch der Adel und begüterte freie Bauern am Kriegsdienst teilnehmen.

Die Bevölkerung wird nun nicht mehr von einem allgemeinen Aufgebot, sondern von einem speziellen Kriegerstand geschützt. Das Freilichtlabor baut einen kompletten Herrenhof (curtis dominica) der Zeit um 800 nach Christus auf. So ein Gut musste ein Reiter erhalten, um den geforderten Kriegsdienst zu leisten. Der Herrenhof ist die Kleinausgabe der großen römischen Betriebe, die in der Spätantike entstanden, um die Garnisonen zu versorgen. Auf einer Fläche von 4,1 Hektar steht ein Ensemble aus verschiedenen Wirtschafts-, Wohn-, Speicher- und Stallbauten sowie eine Kapelle. Einen Berufskrieger musste eine Unzahl an Unfreien versorgen.

Beginn der Epoche der Leibeigenschaft

Auf Dauer war das für die Beschützten keine gute Entwicklung, auf diese Trennung geht der Feudalismus zurück. Das freie Bauerntum nimmt ab, der Großteil der Bevölkerung wird in den Status der Unfreiheit, der Leibeigenschaft, herabgedrückt. Sie waren nur noch dafür da, Kirche und Feudalherren mit ihrer Arbeit zu unterhalten. Über sie herrschten die Nachkommen der Panzerreiter, die Menschen und Grund als erblichen Besitz bekommen hatten. Von der Grundidee her, dem Reich zu dienen, brach das System nach wenigen Generationen zusammen. Je mächtiger die Feudalherren waren, umso weniger gedachten sie, ihre Macht in den Dienst des Königs zu stellen. Sie trachteten danach, den Besitz der eigenen Familie zu mehren.

Mit dem Zusammenbruch des Reichs Karls des Großen ist es mit dem Frieden im Inneren vorbei. Die normale Bevölkerung wird in Zukunft weniger vor Feinden von außen geschützt, sie wird Opfer der ewigen Kriege der Feudalherren untereinander. Entgegen den vollmundigen Verlautbarungen über den edlen Ritterstand herrscht eine Ökonomie, in der Aufstieg nur durch Raub und Eroberung möglich ist. Der Kriegerdichter Bertran de Born gilt mit seinen blutrünstigen Kriegsgesängen als streitsüchtiger Wirrkopf des Hochmittelalters. Tatsächlich hatte der kleine Landadelige sehr richtig erkannt, dass es in einer Gesellschaft, in der permanenter Frieden herrscht, keinen Platz für Barone wie ihn geben konnte, und sie nur Macht und Bedeutung in einer Zeit des Krieges erlangen konnten.

Feudale Zersplitterung

Auch die kombinierte Attacke einer Gruppe schwerer Reiter gerät in den Zeiten der lokalen Kleinkriege in den Hintergrund. Der feudale Ritter kämpft gemeinsamen mit den Männern seines Aufgebots, der Glewe. Darunter waren auch Schützen und Fußsoldaten. Anstatt schneidiger Kavallerieattacken, wie sie Hollywood liebt, rücken diese Gruppen langsam vor. Die schwer gepanzerten Ritter werden dabei von den Männern ihres Gefolges begleitet. Im Kampf schirmen sie ihn und sein Pferd ab, der Ritter selbst kämpft vom Pferd und geschützt von seiner Rüstung wie von einem Turm aus. Die schlachtentscheidende Wirkung der schweren Reiterei konnte sich ohnehin nur im Kontext des militärischen Dilettantismus der Epoche entwickeln. Die Legionen der Römer hätten als Abwehr gegen schwere Reiter auf dem Feld Graben ausgehoben und Spaliere aus Spießen errichtet. Ihnen war auch bekannt, dass kein Reiter eine dreifache Kette von schweren Lanzen durchbrechen kann, wenn die im Boden abgestützt werden.

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