HOME

Afghanistan: Soldaten sind keine Entwicklungshelfer

Seit sieben Jahren sind deutsche Soldaten in Afghanistan, seit sieben Jahren verschanzen sie sich. Die Bundeswehr kann militärisch eingreifen - aber das Land nicht von seinen gewaltigen Problemen befreien: Armut, Analphabetentum, Kindersterblichkeit. Wann begreift das die Bundesregierung endlich?

Ein Kommentar von Franziska Reich

Über 3300 Soldaten tun derzeit ihren Dienst in Afghanistan. Im Auftrag der Freiheit des Westens - so wird es von der Regierung verkauft. Seit 2002. Seit die Bundeswehr Teil der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) ist, zu der 41.000 Soldaten aus 38 Nationen zählen. Nur ein Fünftel der Deutschen bewegen sich dabei im Land - für Hilfslieferungen, Aufklärung und Patrouillen. Vier Fünftel aber verlassen während ihres Einsatzes kein einziges Mal die Camps. Sie bewachen die Tore und entladen Transalls, verwalten den Nachschub und organisieren den Alltag, essen Roulade mit Knödeln in der Kantine und hoffen, dass sie niemals dieses fremde Land außerhalb des Nato-Drahts betreten müssen, für dessen Zukunft sie doch eigentlich dort sind.

Der Einsatz ist unbeliebt

Der Einsatz der Bundeswehr ist unbeliebt in der deutschen Bevölkerung. Man schickt Soldaten und Material, man zahlt hunderte Millionen Euro jedes Jahr - und hört doch nur von Anschlägen auf den Marktplätzen von Kunduz bis Kabul, von Frühjahrsoffensiven der Taliban, vom Drogenhandel der Warlords. Man wird beschimpft von den Bündnispartnern, die genervt sind von den Deutschen, die es sich im sicheren Norden gemütlich gemacht haben, so sagen sie, während sie selbst ihre Köpfe im Süden riskieren. Dieser Einsatz ist zu gefährlich und zu langwierig, zu undankbar und zu teuer.

Es ist nicht der Fehler der Bundeswehr, dass ihre Arbeit so viel kostet. Es ist der Fehler der deutschen Regierung, dass sie mit Militär die Bedürfnisse der Bündnispartner befriedigen will und dabei das Ziel vergisst: den Aufbau. Afghanistan ist das ärmste Land Asiens und eines der ärmsten der Erde. Die Menschen werden durchschnittlich 43,77 Jahre alt, ein Arzt muss sich um annähernd 7000 Menschen kümmern, über ein Viertel der Kinder erlebt das fünfte Lebensjahr nicht. Nur ein Drittel der Menschen kann lesen. Das sind die Kennzahlen der afghanischen Armut.

Hilfe wird geleistet

Aber die Entwicklungshilfe wird kurz gehalten: Der Etat für den Bundeswehr-Einsatz ist etwa vier Mal so hoch. Zwar finanziert das Entwicklungshilfeministerium dutzende Frauenprojekte, Schulen und Krankenhäuser. Auch die Soldaten der internationalen Schutztruppe ISAF verteilen Reis und Öl und Decken. Und die Nichtregierungsorganisationen wie die holländische Organisation ZOA bauen Brunnen, die auch in der eisigen Zeit des vergangenen harten Winters nicht zufrieren und im Sommer Wasser fördern, das nicht zu salzhaltig ist. Doch um dem Land wirklich aus dem Teufelskreis von Armut und Gewalt herauszuhelfen, reichen diese Aktionen noch lange nicht. Deutschland aber diskutiert weiterhin nur unter Aspekten militärischer Machbarkeit und Sicherheit über Afghanistan. Es mag auf internationaler Ebene tatsächlich darum gehen, ob Deutschland 1000 Soldaten mehr oder weitere 200 Spezialisten schickt. Es mag für die deutsche Innenpolitik tatsächlich darum gehen, ob das nächste Bundestagsmandat der Bundeswehr ein Jahr oder eineinhalb Jahre dauert. Doch Afghanistan bringen diese politischen Wirrungen nicht weiter. Im Norden ist die Lage zwar nicht sicher, aber immerhin doch so stabil, dass mehr Projekte, andere Projekte möglich wären als im unsicheren Süden.

Militär allein ist keine Lösung

Keiner glaubt ernsthaft, man könne die Probleme Afghanistans mit Militär lösen. Warum also wird immer noch nur über die militärische Variante diskutiert? Diese Engstirnigkeit überfordert die Bundeswehr - nicht nur an Ausstattung und Personal, aber an ihren eigentlichen Aufgaben. Die Bundeswehr ist nicht dafür ausgebildet, sinnvolle Entwicklungshilfe zu leisten. Sie kann in militärischen Konflikten die Lage stabilisieren. Mehr nicht. Die deutsche Politik aber verweigert sich bisher einer Diskussion über eine sinnvolle Strategie jenseits der militärischen. Weil dieser Weg ungleich mühsamer und langwieriger wäre. Weil sie keine Antwort kennt. Dabei wäre es zumindest in einigen Regionen des afghanischen Nordens längst schon möglich, mehr für die Entwicklung des Landes zu tun als mit schwer gesicherten Konvois Reis- und Mehl-Lieferungen an die Ärmsten der Armen zu verteilen. Die Prioritäten der deutschen Afghanistan-Politik müssen endlich neu definiert werden - zugunsten des zivilen Aufbaus.

  • Franziska Reich