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Andreas Petzold #DasMemo: Die gefährliche Illusion der Mitläufer

Die Flüchtlingsfrage scheint die Deutschen zu spalten: in die Hilfsbereiten und die Fremdenfeindlichen. Die Mitläufer, die sich den Rechten anschließen, müssen sich entscheiden, ob sie in einer Demokratie leben wollen.

Bei Angela Merkels Besuch in Heidenau halten Demonstranten ein Schild mit "Volksverräterin" hoch

Je lauter die Polarisierung, desto magnetischer: Demonstranten mit Schild "Volksverräterin" beim Besuch von Bundeskanzlerin Merkel im sächsischen Heidenau

Das war nicht besonders klug von (SPD). Der rheinland-pfälzische Innenminister hatte in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" einmal kräftig ausgeholt: "Im Osten ist es offenkundig so, dass Migranten Angst und Fremdenfeindlichkeit auslösen. Und zwar in einem Ausmaß, das wir im Westen nicht für möglich gehalten haben."

Falsch! Denn auch im Westen werden Brandsätze in Flüchtlingsunterkünfte geworfen. Vor allem zwingt so ein verbaler Angriff ostdeutsche Politiker zu Gegenpositionen, mit denen sie sich ungewollt auch vor die rechten Extremisten in ihren Bundesländern stellen. Aber es geht eben gar nicht um West gegen Ost, sondern um die Polarisierung zwischen den Hilfsbereiten und den Fremdenfeindlichen. Und die verschärft sich erkennbar. Es scheint so, als bemühe sich unsere Gesellschaft jetzt, die Unentschiedenheit abzuschütteln und sich "für eine Seite" zu entscheiden, sich zumindest irgendwo zu positionieren. Zu groß und überwölbend rollt das Thema Flüchtlinge auf Deutschland zu.

Je lauter die Polarisierung, desto magnetischer

Natürlich gibt es noch Millionen Unbeteiligte. Es geht auch nicht um die Skeptischen, die angesichts des Zustroms Sorgen und Fragen artikulieren, und zwar ohne ein Schild hochzuhalten, das Angela Merkel als "Volksverräterin" geißelt. Es geht um jene, die nach Rechtsaußen zu kippen drohen, die sich von nationalistischer Gesinnung angezogen fühlen. Je lauter die Polarisierung, desto magnetischer wirkt sie. Und die Verfolgten, die zu uns kommen, bieten die perfekte Projektionsfläche für die rechten Hetzereien, mit denen NPD-Kader und andere neonazistische Gruppen werben. Da lassen sich Mitläufer erbeuten, die eben noch ihren unpolitischen Alltag gelebt haben.

Es ist kaum möglich, den Verstand dieser Menschen mit bloßen Appellen zu erreichen. Denn der vernebelnde, besitzergreifende Prozess der braunen Ideologisierung spielt sich im Privaten ab, ganz gleich, ob es sich um junge Menschen oder Rentner handelt. Sie wollen lieber zu denjenigen gehören, die auf ihrer Straße am lautesten sind. Weil sie nicht gelernt haben, abzuwägen und zu urteilen. Weil sie mit dem hypnotischen Beschwören der "Überfremdung" ihr schwammiges Protestgefühl formuliert sehen. Natürlich, die Megaphone und die Banner mit den SS-ähnlichen Symbolen tragen andere, aber sie laufen mit. Und in Wahrheit haben sie gar keine Angst vor Migranten oder Islamisierung sondern nur davor, auf der falschen Seite zu stehen - dort, in ihrem sozialen Umfeld, in einer sächsischen oder niedersächsischen Kleinstadt vielleicht, wo es als mutig gelten mag, Brandsätze zu schmeißen. Dort existiert kein Kontakt zur Gruppe der Hilfsbereiten und Aufgeschlossenen. Dort sind die Menschen weit weg von liberalen Großstadt-Milieus. Und wenn den einen oder anderen Beinahe- oder Demnächst-Mitläufer dennoch das Gefühl beschleicht, sich den falschen Weg auszusuchen, dann bedarf es in einer national gefärbten Umgebung einiges an Courage, um vor allem erst einmal nur nicht mitzumachen. Das wäre schon ein Gewinn für die Gesellschaft.

Nur zerstörerische Gedanken

Und den schon angelockten Mitläufern sei zugerufen: Auf der braunen Seite findet ihr nur zerstörerische Gedanken. Selbst wenn ihr die Menschenverachtung der Nazi-Diktatur, die Konzentrationslager und die Gleichschaltung eines ganzen Volkes aus den Gedächtnis getilgt oder gar nicht zur Kenntnis genommen habt: Ein zweites Hitler-Deutschland wird es nicht geben, auch nicht so etwas ähnliches. Vergesst es! Ihr werdet auf der falschen Seite stehen.

Auch 1933 gab es frisch geölte Nazis, die ihrem kleinen Leben eine opportunistische Wendung gaben, um nicht abgehängt zu werden. Erst waren es Hunderttausende, dann ganz schnell Millionen. Aber heute ist eure gefühlte Überlegenheit in der Gruppe eine gefährliche Illusion. Denn damals waren die Wachen, die Klugen, die ahnungsvoll den unheilvollen Werteverfall hin zur Diktatur kommen sahen, eine Minderheit in Deutschland. Heute jedoch sind Neonazis eine Minderheit Deutschland. Die Wachen und Klugen hingegen, die diese demokratische Gesellschaft verteidigen, stellen eine übergroße Mehrheit. Sie versammeln sich hinter dem Grundgesetz, erlassen Haftbefehle wegen versuchten Mordes, wenn Neonazis Brandsätze durch Fensterscheiben werfen, hinter denen Frauen und Kinder schlafen. Und haben das Recht auf Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenwürde verinnerlicht.

Aber selbst wenn ihr vielleicht wirklich nicht wisst, dass nationale Selbstanbetung dieses Land schon einmal in den Abgrund geführt hat, nehmt wenigstens dies zur Kenntnis: Demokratie ohne Menschenrechte ist undenkbar. Deshalb müssen Demokratien dafür sorgen, dass Verfolgte wieder in Würde leben können. So einfach ist das, Und Demokratien bestehen nicht nur aus Politikern sondern auch aus Bürgern, die sich darum kümmern. Das kann nur ignorieren, wer nicht in einer demokratischen Gesellschaft leben will. Denkt darüber nach, entscheidet euch!