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Angriffe auf Flüchtlingsheime: Diese Liste ist eine Schande für Deutschland

In Heidenau schweigt der rechte Mob - vorerst. Die Flüchtlinge können derweil froh sein, dass ihre Unterkunft überhaupt noch steht. Denn viel zu häufig schlagen die Rassisten schon vorab zu - heimlich, feige und in der Nacht.

Die brennende Sporthalle in Nauen

Die brennende Sporthalle in Nauen. Sie war als Notunterkunft für etwa 100 Flüchtlinge geplant.

Nauen, Remchingen, Tröglitz - es kommt einem vor, als verginge kein Tag, ohne dass irgendwo in Deutschland ein Flüchtlingsheim brennt. Während im sächsischen Heidenau Rechtsextremisten und Rassisten vor einer Notunterkunft Asylsuchende bedrohen, sorgt der rechte Mob in anderen Orten viel zu häufig dafür, dass diese gar nicht erst kommen können. 167 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte ereigneten sich in der ersten Hälfte dieses Jahres, hat das Innenministerium nach einer Anfrage der Linken mitgeteilt. Viele davon waren Brandanschläge auf Gebäude, die noch nicht bezogen waren. Die perfide Taktik der rechten Verbrecher: Wir entledigen uns des "Problems", bevor es auftaucht. 

Angesichts der gewaltigen Anstrengungen der Städte und Kommunen, die nötig sind, um Asylsuchende halbwegs menschenwürdig unterzubringen, stellt sich die Frage, warum geplante Unterkünfte nicht besser bewacht werden. Die Polizei sei schlicht nicht in der Lage, dazu, sagt der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, dem Sender n.tv. Sie müsse sich darauf konzentrieren, die Unterkünfte zu schützen, in denen schon Menschen wohnten. "Tausende von Polizisten werden für absolut unsinnige Aufgaben eingesetzt", klagt Wendt in den "Ruhr Nachrichten". "Warum müssen die Beamten Schwertransporte sichern oder wegen Ordnungswidrigkeiten ermitteln? Diese Polizisten fehlen uns für wirklich wichtige Aufgaben. Hier sollte der Gesetzgeber endlich handeln."

Schaut man sich die Schreckensbilanz der letzten acht Monate genauer an, kann man seine Forderung nur unterstützen. Denn offensichtlich können nicht nur leerstehende oder in Bau befindliche Flüchtlingsunterkünfte jederzeit problemlos abgefackelt werden, auch bewohnte Heime sind rassistischen Angreifern häufig schutzlos ausgeliefert. Und die Täter werden in den seltensten Fällen erwischt.

Dass in Heidenau Menschen auf offener Straße gegen Asylsuchende hetzen, Polizisten angreifen und Flüchtlinge bedrohen, ist eine Schande für Deutschland. Eine noch größere Schande ist die folgende Chronologie:

  • 25. August, Nauen, Brandenburg. Am frühen Morgen steht eine geplante Notunterkunft für Flüchtlinge in Flammen. Die Sporthalle des Oberstufenzentrums brennt vollständig nieder. Die Polizei geht nach ersten Erkenntnissen von Brandstiftung aus
  • 24. August, Weissach im Tal, Baden-Württemberg. Ein leerstehender, dreistöckiger Altbau, in dem Asylbewerber unterkommen sollten, wird durch ein Feuer weitgehend zerstört. Die Brandursache ist unklar. Es ist nicht der erste fremdenfeindliche Anschlag in der Gemeinde. 2005 warf ein 17 Jahre alter Neonazi mit zwei Komplizen einen Molotow-Cocktail gegen ein Asylbewerberheim, in dem sich elf Menschen aufhielten. Verletzt wurde niemand. Der 17-Jährige erhielt eine mehrjährige Haftstrafe.
    In Weissach im Tal brennt ein leerstehendes Gebäude in dem Asylbewerber unterkommen sollten

    In diesem Gebäude in Weissach im Tal sollten Flüchtlinge unterkommen

  • 21. - 23. August, Heidenau, Sachsen. Rechtsradikale randalieren zwei Nächte in Folge vor einer Asylunterkunft in einem ehemaligen Baumarkt. Polizisten werden mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen, es gibt dutzende Verletzte. In der dritten Nacht hat die Polizei die Lage besser unter Kontrolle. 
  • 21. August, Berlin. Mehrere Angreifer schleudern in der Nacht Brandsätze gegen eine neue Asylunterkunft im Bezirk Marzahn-Hellersdorf.
  • 21. August, Neustadt an der Waldnaab, Bayern. In einem Flüchtlingsheim bricht ein Brand aus. Drei Männer flüchten anschließend, wie Zeugen berichten. Zum Tatzeitpunkt befinden sich 19 Menschen in der ehemaligen Gaststätte, darunter auch Kinder. Verletzt wird niemand.
  • 17. August, Drögeheide, Mecklenburg-Vorpommern. Unbekannte beschießen ein Asylbewerberheim mit Feuerwerkskörpern. Zudem werden einem Wachmann zufolge mehrere Schüsse in die Luft abgegeben. Sie stammen vermutlich aus einer Schreckschusspistole. Verletzt wird niemand.

  • 26. Juli Brandenburg an der Havel, Brandenburg. Unbekannte zünden in der Nacht vor der Wohnungstür einer Flüchtlingsfamilie eine mit Brandbeschleuniger getränkte Zeitung an. Die 24-jährige Mutter von zwei Töchtern im Alter von zwei und fünf Jahren bemerkt den Brandgeruch und weckt ihren Mann, der das Feuer löscht. Die Täter entkommen unerkannt.

  • 19. Juli, Halberstadt, Sachsen-Anhalt. Jugendliche werfen an einer Flüchtlingsunterkunft Steine auf Rotkreuz-Helfer. Eine 20-jährige Helferin wird leicht verletzt. Ein 15-Jähriger wird als Steinewerfer identifiziert.

  • 18. Juli, Remchingen, Baden-Württemberg. In der Nacht geht ein leerstehendes früheres Vereinsheim, in das Flüchtlinge einziehen sollten, in Flammen auf.

    Abgebrannte geplante Flüchtlingsunterkunft in Remchingen

    Abgebrannt: die geplante Flüchtlingsunterkunft in Remchingen

  • 16. Juli, Reichertshofen, Bayern. Unbekannte legen in der Nacht Feuer an zwei Eingängen eines Gebäudekomplexes. Im September sollten dort 67 Asylbewerber einziehen.

  • 11. und 12. Juli, Böhlen, Sachsen. Auf ein Flüchtlingsheim werden in zwei Nächten hintereinander Schüsse abgegeben. Teile der Fassadenverglasung und eine Fensterscheibe gehen zu Bruch. Verletzt wird niemand.

  • 1. Juli, Mengerskirchen, Hessen. Eine geplante Unterkunft für Asylsuchende wird mit Schweineköpfen, Innereien und Schmierereien besudelt.

  • 28. Juni, Meißen, Sachsen. Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf eine noch leere Unterkunft. Die meisten Wohnungen sind vorerst nicht nutzbar.

  • 29. Juni, Lübeck, Schleswig-Holstein. In einem Rohbau für ein Asylbewerberheim bricht Feuer aus. Der Brand kann schnell gelöscht werden.

  • Juni, Freital, Sachsen. Vor einer Flüchtlingsunterkunft kommt es mehrfach zu Angriffen auf Demonstranten, die sich für die Asylbewerber einsetzen. Schon vorher machen Rechtsextreme und selbsternannte "Bürgerwehren" massiv Stimmung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen.

  • 3. Juni, Hoyerswerda, Sachsen. Ein Brandsatz wird auf eine Notunterkunft für Asylbewerber geworfen. Die Polizei ermittelt drei Verdächtige, die zum Teil schon früher durch rechtsmotivierte Straftaten aufgefallen sind. Zuvor fasste sie im März fünf Männer, die eine als Asylnotunterkunft vorgesehene Turnhalle mit rechtsextremistischen Parolen beschmierten.

  • 6. Mai, Limburgerhof, Rheinland-Pfalz. Unbekannte zünden in der Nacht eine noch im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft an.

  • 11. April, Hofheim, Hessen. Mit einer Druckluftwaffe werden neun Schüsse auf ein Fenster einer Asylbewerberunterkunft abgegeben. Von den 22 dort untergebrachten Flüchtlingen wird keiner verletzt.

  • 4. April, Tröglitz, Sachsen-Anhalt. Ein Brandanschlag auf eine fast fertige Flüchtlingsunterkunft am Osterwochenende sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Die Täter sind bis heute nicht gefasst. Bereits zuvor hatte es in dem Ort Demonstrationen gegen die Aufnahme von Asylbewerbern gegeben. Mittlerweile leben Flüchtlinge in Tröglitz in angemieteten Wohnungen.

    Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz nach dem Feuer

    Die Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz war fast fertig - dann kamen die Brandstifter

  • 8. März, Malterdingen, Baden-Württemberg. Unbekannte setzen eine geplante Asylbewerberunterkunft unter Wasser. Die Polizei beziffert den Schaden auf mehrere zehntausend Euro.

  • 9. Februar, Escheburg, Schleswig-Holstein. Auf eine noch unbewohnte Flüchtlingsunterkunft wird ein Brandanschlag verübt - einen Tag, bevor dort Asylbewerber einziehen sollen. DNA-Spuren an einem Kanister überführen später einen 39-Jährigen aus dem Ort. Das Landgericht Lübeck verurteilt den Finanzbeamten im Mai zu zwei Jahren auf Bewährung.

mad / AFP / DPA