"Family Day" in Rom Katholiken machen gegen Homo-Ehe mobil


Die katholische Kirche hat ein angespanntes Verhältnis zu Homosexuellen. In Italien soll jetzt in einer Großdemonstration für die traditionelle Ehe geworben werden. Erwartet werden mehrere hunderttausend Menschen.
Von Luisa Brandl

Vor der Lateran-Basilika in Rom wird seit Tagen gehämmert und geschraubt, eine Megabühne ragt aus dem Platz, an den Seiten werden acht große Bildschirme installiert. Die Vorbereitungen auf den "Family Day" am morgigen Sonnabend laufen auf Hochtouren. Drei Riesenballons sollen über dem Platz schweben, an zwanzig Buden werden 1.200 Helfer Gadgets und Flugblätter verteilen. Sechzig Clowns sollen die Kinder bei Laune halten und 30.000 Ballons mit der Aufschrift "Mehr Familie" verteilen. Öffentliche und private Fernsehsender reißen sich derweil um die Live-Übertragungsrechte. Die Kundgebung soll zu einem gigantischen Medienspektakel geraten.

Es ist das erste Mal in der italienischen Nachkriegsgeschichte, dass kirchliche Organisationen auf die Straße gehen. Sie wollen für die auf der Ehe basierende Familie demonstrieren und gegen einen Gesetzentwurf, der nicht ehelichen Paaren, auch homosexuellen, mehr Rechte verleihen soll. Um die Großveranstaltung überhaupt möglich zu machen, so wird gemunkelt, habe sich der mächtige Kurienkardinal Camillo Ruini, bis vor kurzem noch Präsident der italienischen Bischofskonferenz, persönlich eingesetzt. Es geht nicht nur um die Frage: heiraten oder nicht heiraten - es geht auch um das Verhältnis von Kirche und Staat, die katholische Kirche macht ihren Einfluss deutlich.

Mehr als zwanzig Kirchenverbände haben rund eine Million Euro aufgebracht, um die Kundgebung zu organisieren. Ein ganzes Heer von Helfern verteilte am vorigen Sonnabend fast 20 Millionen Flugblätter vor Schulen, Kinos, Supermärkten und in den 26.000 Kirchengemeinden Italiens. Die Botschaft: "Wenn Du an den Wert der Familie glaubst, erwarten wir Dich". Die Organisatoren werden rund tausend Busse und sieben Sonderzüge bereitstellen und sogar eine Fährverbindung aus Sizilien anbieten.

Katholiken machen mobil

Mehrere hunderttausend Menschen erwarten die Veranstalter am Sonnabend in Rom. Es ist der Höhepunkt einer Mobilmachung der Katholiken, die vor zwei Jahren begann. Kardinal Ruini, damals Präsident der italienischen Bischofskonferenz, hatte dazu aufgerufen, einen Volksentscheid zu boykottieren, der die künstliche Befruchtung mit einer fremden Spende zugelassen hätte. Seither hat sich das Klima zwischen Gläubigen und jenen, die eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche wollen, verschärft. Der Komiker Andrea Rivera nahm kürzlich mit eher harmlosen Sprüchen den Vatikan ins Visier, nach der Devise, der Papst stelle die Evolutionstheorie in Frage. Da sendete die Vatikanzeitung Osservatore Romano einen Bannstrahl, es sei Terrorismus, den Vatikan in dieser Weise zu attackieren.

Vermutlich linke Extremisten hatten dem Nachfolger Ruinis, Kardinal Angelo Bagnasco, Ende April einen Briefumschlag mit einer Patrone zukommen lassen, seither steht der Präsident der Bischofskonferenz unter Polizeischutz. Bagnasco hatte zuvor, frisch ins neue Amt gewählt, Homosexualität mit Inzest und Pädophilie auf eine Stufe gestellt. Der Streit um das neue Partnerschaftsgesetz ist derart eskaliert, das einige Beobachter zugespitzt von einem Kulturkampf sprechen.

Italiener wohnen lange bei Mutti

Der Diskussion liegt das Missverständnis zugrunde, dass die Familie vom Zerfall bedroht sei. Eine parlamentarische Untersuchung belegt hingegen, dass sie keineswegs zerfällt, sondern sich in den vergangenen zehn Jahren stark gewandelt hat. Immer mehr Kinder werden nicht in einer Ehe geboren, 1994 waren es 8,1 Prozent, 2005 sind es ganze 13,7 Prozent. Knapp ein Viertel der Italiener lebt heute nicht mehr nach dem traditionellen Modell, sondern als unverheiratete Paare mit Kindern, Alleinerziehende, Patchwork-Familien oder Singles.

Wenn geheiratet wird, dann immer später. Frauen mit 30 und Männer mit 32 (das Durchschnittsalter in Europa liegt bei 26). Die meisten leben im Elternhaus, bis sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben und noch darüber hinaus. Fast die Hälfte aller jungen Italiener zwischen 25 und 34 wohnen noch zuhause, 34 Prozent der Frauen und 52 Prozent der Männer. Der Grund ist nicht immer die finanzielle Abhängigkeit, fast die Hälfte von ihnen hat einen Arbeitsplatz und lebt dennoch bei den Eltern. Es leben mehr Nesthocker im reichen Norditalien (63 Prozent) als im Süden des Landes (34 Prozent).

Krippen spärlich gesäht

Von den katholischen Verbänden und Organisatoren des "Family Day" geht auch die Forderung nach einer besseren Familienpolitik aus. Jede zweite Familie muss mit weniger als 1.800 Euro im Monat auskommen. In Umfragen geben die Italienerinnen immer wieder an, sie würden noch ein Kind mehr bekommen, wenn sie mehr Unterstützung erhielten. Die Geburtenrate ist in den vergangenen zehn Jahren von 1,22 auf 1,31 Kinder pro Frau minimal gestiegen - dank dem Kindersegen der Ausländerinnen.

Die Situation der italienischen Mütter ist jedoch unbefriedigend. Nur 30 Prozent der Gemeinden bieten überhaupt Krippenplätze an; die Hausarbeit bleibt zu 77 Prozent an den Frauen hängen. Nicht einmal die Hälfte der Mütter hat einen Job, Väter stellen dagegen nur selten ihre Arbeit zurück, um sich der Kindererziehung zu widmen. Entgegen dem Klischee vom kinderfreundlichen Italien kommt die Kommission für Soziales im Abgeordnetenhaus zu dem bitteren Fazit: nur 4,4 Prozent des Budgets für Soziales kommen den Familien zugute - das ist halb soviel wie im EU-Durchschnitt. In Sachen Familienpolitik ist Italien das Schlusslicht Europas.


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