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"Lauschangriff" im Schnellzug: Ex-NSA-Chef wurde selbst abgehört

Als NSA-Chef hatte Michael Hayden das Kommando über den wohl mächtigsten Abhördienst der Welt, jetzt ließ er sich selbst bei Geheimgesprächen belauschen - im Zug.

In seinen Händen landeten die Geheimnisse der Welt. Sieben Jahre lang leitete Michael Hayden den US-Abhördienst NSA, von 2006 bis 2009 war er Chef der CIA. Doch im Ruhestand wird offenbar auch der härteste Agentenhund unvorsichtig.

Während einer Zugfahrt zwischen Washington und New York gab der 68-Jährige per Handy eine Reihe vertraulicher Interviews - nicht wissend, dass der frühere führende Vertreter der Onlineaktivistenbewegung MoveOn.org Tom Matzzie ganz in seiner Nähe saß. Dieser twitterte die Informationen prompt weiter und deckte die Identität des "ehemaligen ranghohen Regierungsvertreters" auf, wie sich Hayden in den Gesprächen - unter anderem mit einem "Time"-Journalisten - betitelte.

"Fühle mich, als würde ich für die NSA arbeiten"

"Sitze im Zug und höre, wie Ex-Spionageboss Michael Hayden vertrauliche Interviews gibt, fühle mich, als würde ich für die NSA arbeiten, mit dem Unterschied, dass es hier vor aller Welt geschieht", schrieb Matzzie in dem Kurzbotschaftendienst. Dann verriet er, dass es in den Gesprächen um den Abhörskandal, CIA-Geheimgefängnisse und das Smartphone von US-Präsident Barack Obama gegangen sei. "Klingt defensiv", kommentierte er noch.

Nach kurzer Zeit wurde der Ex-Aktivist, inzwischen Besitzer einer Firma für erneuerbare Energien, allerdings immer nervöser. Matzzie fürchtete, seine Twitter-Plaudereien seien inzwischen aufgeflogen und Hayden gewarnt worden. Zu recht: Eine Viertelstunde nach dem ersten Tweet wurde Hayden von seinem Büro auf die Panne hingewiesen - und wandte sich direkt an den lauschenden Nachbarn.

Nützliche Publicity

Statt Waterboarding und Geheimgefängnis gab es dann aber ein gemeinsames Foto und ein Interview. Sie hätten eine sehr nette Unterhaltung gehabt, bei der es unter anderem um Spionage und die US-Verfassung ging, schrieb Matzzie. "Er war ein Gentleman, und wir sind unterschiedlicher Meinung."

Doch Matzzie ist nicht nur ein guter Aktivist, sondern versteht auch was vom Geschäft. Während sein Twitter-Account vor Anfragen überlief, postete der gewitzte Unternehmer kurze Zeit nach dem Vorfall eine Werbebotschaft in eigener Sache: "Für alle, die es interessiert: Meine Firma heißt Ethical Electric. Ihr könnt euch hier für unsere erneuerbare Energie anmelden..."

jwi/AFP/DPA / DPA