20 Milliarden Dollar für Ölpest-Opfer "Eher wird die US-Regierung insolvent als BP"


Wenig Schulden, mehr Umsatz als Apple und Google kombiniert. Der Ölgigant BP, der auf Druck aus Washington 20 Milliarden Dollar bereitstellen musste, kann diese Zahlung verschmerzen. Der langfristige Schaden ist dagegen kaum abzuschätzen.

BP sitzt auf ausreichend Ölreserven, um die USA im Alleingang zwei Jahre lang zu versorgen. Das Unternehmen hat wenig Schulden für einen Konzern seiner Größe und verdient mehr Geld als Apple und Google zusammen. Als es also auf Druck des Weißen Hauses 20 Milliarden Dollar für die Opfer der Ölpest bereitstellen musste, machten sich die Anleger keine großen Sorgen, dass BP bankrott gehen könnte. Sie zuckten kaum zusammen.

"Eher wird die US-Regierung insolvent als BP", sagt Bruce Lanni, Analyst bei Nollenberg Capital Partners. Gewiss, der Aktienkurs ist binnen weniger Wochen um die Hälfte eingebrochen, und Kreditgeber verlangen immer höhere Zinssätze. Doch diesmal ist es nicht irgendeine undurchsichtige, abgehobene Großbank, die Probleme hat.

Aus seinen weltweiten Geschäftsbereichen wies BP vergangenes Jahr 17 Milliarden Dollar Gewinn aus - bei Apple waren es 5,7 Milliarden und bei Google 6,5 Milliarden Dollar. Wichtiger noch, das Unternehmen hat in den vergangenen drei Jahren 91 Milliarden Dollar Einnahmeüberschuss aus laufender Betriebstätigkeit erzielt. Es ist nicht überschuldet, wie manche Bank in der Finanzkrise. Und es hat Ölvorkommen von 18 Milliarden Barrel, doppelt so viel wie die USA jährlich verbrauchen.

Bisherige Kosten ein Klacks

Bisher hat die Ölpest BP 1,8 Milliarden Dollar gekostet, doch das ist nur ein Tropfen auf einen sehr heißen Stein. Im Fall einer Anklage beispielsweise könnten sich allein die Verfahrenskosten auf -zig Milliarden belaufen.

Fachleute schätzen die Gesamtkosten für BP auf 17 bis 60 Milliarden Dollar. Wenn sich die schlimmsten Annahmen über das Leck bewahrheiten, könnten es über 100 Milliarden sein: Nach einer Schätzung von Goldmann Sachs schlägt jedes ausgelaufene Barrel Öl mit 40.000 Dollar für Säuberung und Entschädigung zu Buche. Nach der mit der US-Regierung getroffenen Vereinbarung setzt BP erst einmal die Dividende den Rest des Jahres aus. Zusammen mit dem Verkauf einiger Vermögenswerte und liquiden Mitteln könnte BP 25 Milliarden Dollar ohne große Probleme auftreiben.

Seine vergleichsweise geringe Schuldenlast verschafft dem Unternehmen reichlich Spielraum. Müsste BP allerdings eine Anleihe ausgeben oder Kredite aufnehmen, müsste es wegen der mit der Ölpest verbundenen Risiken höhere als die marktüblichen Zinsen zahlen.

Lange Rechtsstreitigkeiten

Was der Konzern für die nach zwei Monaten immer noch sprudelnde lecke Ölquelle letztlich tatsächlich berappen muss, ist kaum abzusehen. Nach jüngsten Schätzungen sind bis zu 9,5 Millionen Liter Öl täglich ausgelaufen, drei Mal so viel wie noch vor einer Woche angenommen. Ein Hurrikan könnte noch mehr Öl an die Strände spülen als bisher und den Schaden noch vergrößern. Anleger sorgen sich zudem, dass der Aktienkurs von BP bei sinkenden Ölpreisen weiter leiden oder Strafmaßnahmen das US-Geschäft beschneiden könnten.

Was dem Unternehmen am meisten in die Hände spielen würde, ist die Zeit: Im Dschungel des amerikanischen Rechtssystems können sich Verfahren gegen Großkonzerne über Jahre hinziehen. Je länger das dauert, desto mehr zeitlichen Spielraum gäbe es, die Kosten zu strecken, statt alles auf einmal zahlen zu müssen.

"Es würde mich wundern, wenn alle straf- und zivilrechtlichen Verfahren gegen BP vor Ablauf dieses Jahrzehnts abgeschlossen wären", sagte David Logan, der Dekan der Juristischen Fakultät der Roger-Williams-Universität in Rhode Island. Gemessen am Tankerunglück der "Exxon Valdez" könnte BP sich mit dem Zahlen noch weitaus mehr Zeit lassen: Bei der Umweltkatastrophe vor Alaska liefen 1989 über 40 Millionen Liter Öl aus. Bis die Gerichte entschieden, was das Unternehmen zahlen musste, gingen fast zwei Jahrzehnte ins Land.

Bernard Condon, APN APN

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