60 Jahre Nordkorea Der "Führer" ist verschwunden


Nordkorea feiert seinen 60. Jahrestag: Mit Menschenmassen, die mit der Präzision Schweizer Uhren knallbunte Aufmärsche inszenieren. Dabei gibt es für das isolierte Land nur wenig Grund zum Feiern: Das Volk hungert, die Abrüstungsgespräche stocken, und der "Geliebte Führer" ist verschwunden.
Von Niels Kruse

Eigentlich sollten Karl Szmolinskys Kaninchen Leben retten. Seine "Deutschen Riesen grau" sind gigantische Tiere, doppelt so groß wie Durchschnittskarnickel. Ein Exemplar wirft sieben Kilo essbares Fleisch ab, gibt sich aber selbst mit anspruchsloser Ernährung zufrieden. Eine ideale Nahrungsquelle für ein darbendes Volk, dachten sich die Vertreter Nordkoreas, fuhren zu Szmolinsky ins brandenburgische Eberswalde, kauften ihm sechs seiner Riesenviecher ab und schickten sie ins ferne Asien.

Eigentlich sollte der Züchter irgendwann auch in das isolierte Reich des "Geliebten Führers" Kim Jong Il nachkommen, um den dortigen Bauern zu zeigen, wie die Kaninchen heranzuziehen seien. Doch daraus wurde nichts: Eine Woche vor Reisebeginn luden ihn die Nordkoreaner ohne Begründung wieder aus. Die sechs Tiere, so hörte Szmolinsky später, seien auf dem Festbankett zu Kim Jong Ils 65. Geburtstag gelandet. Das war vor zwei Jahren und seitdem herrscht Funkstille. Die "brauchen sich auch nicht wieder zu melden", sagt der Kaninchenzüchter heute enttäuscht.

Essensration auf 150 Gramm pro Tag reduziert

Vermutlich hätten die Karnickel aus Eberswalde ohnehin nicht viel geholfen, angesichts der Hungerkatastrophe vor der Nordkorea mal wieder steht - und das zum 60. Jahrestag des Landes. Erst jüngst musste die Regierung in Pjöngjang die tägliche Essensration von 500 auf 150 Gramm pro Person herunterfahren. Entsprechend erschreckend die Zahlen aus dem neuesten Bericht des UN-Welternährungsprogramms (WFP): Schätzungsweise sieben Millionen von insgesamt 22 Millionen Menschen sind unterernährt. Dreiviertel der gesamten Bevölkerung "musste die Nahrungsaufnahme im letzten Jahr reduzieren", heißt es. Und in ihrer Not greifen die Menschen in die Büsche und essen wild wachsende Früchte, die aber bei Kindern oft Durchfall verursachen.

In den 90er Jahren war Nordkorea schon einmal in einer ähnlichen Lage: Bis zu 3,5 Millionen Menschen hat der Hunger damals hinweggerafft. Aber das sind nur Schätzungen, offizielle Angaben gibt es nicht. Die aktuelle Lage sei mit der damaligen nicht vergleichbar, sagt Ralf Südhoff vom WFP Deutschland. "Aber es droht dieselbe Entwicklung, wenn wir nichts unternehmen." Vor einigen Wochen hat die nordkoreanische Regierung der Hilfsorganisation grünes Licht gegeben, die bestehenden Nahrungslieferungen aufzustocken. Diese "Notoperation für 6,4 Millionen Menschen", wie sie Südhoff nennt, ist bereits angelaufen.

Die Ackerfläche reicht nicht fürs ganze Volk

Das Dilemma des kommunistischen Landes ist nicht einmal die selbstverschuldete Misswirtschaft, sondern die fehlenden Anbauflächen, die selbst bei optimaler Ausnutzung höchstens zwei Drittel des Volkes ernähren würden. Davon aber ist der Staat weit entfernt. Wegen des chronischen Energiemangels werden auf den Feldern vor allem Ochsen eingesetzt. Mit ihnen aber lassen sich die Böden nicht so tief umgraben, wie es nötig wäre, um Unkrautwuchs zu verhindern, der die Ernte zusätzlich dezimiert. Als ob diese Probleme nicht schon schlimm genug wären, haben im vergangenen Sommer auch noch Überschwemmungen den kargen Ernterest vernichtet.

Dazu leidet Nordkorea, wie die meisten Länder auch, unter den steigenden Lebensmittelpreisen. So kostet Reis rund dreimal soviel wie vor etwa einem halben Jahr. Für das Kilo müssen derzeit rund 2000 Won bezahlt werden - bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 6000 Won, umgerechnet knapp fünf Euro. Nordkoreaner zahlen also ein Drittel eines Monatsgehalts für Reis, der gerade einmal ein paar Tage reicht. Und so hungert ein ganzes Land - das ohne Hilfe von außen kaum überlebensfähig wäre.

Das hatte sich der "Ewige Präsident" Kim Il Sung, verstorben 1994, vor 60 Jahren anders gedacht. Die von ihm ersonnene Staatsideologie "Juche" war eigentlich darauf angelegt, Nordkorea autark am Leben zu erhalten.

Dagegen war Peking ein Hühnerhaufen

Es gibt also eigentlich nicht viel zu feiern, wenn in dem abgeschotteten Land nun das runde Jubiläum begangen wird. Wie immer bei solchen Anlässen, mit Hunderttausenden von Menschen, die feinjustiert wie Schweizer Uhren eine farbenfrohe Massengymnastik nach der anderen aufführen, die die Olympia-Eröffnungsfeier in Peking wie einen Hühnerhaufen aussehen lassen. Gebannt schauen die Koreaner dann auch auf die Ehrentribüne, wo neben den de facto herrschenden Militärs, der "Geliebte Führer" Kim Jong Il erwartet wurde. Doch er kam nicht.

Ausländische Geheimdienste vermuten, er habe einen Gehirnschlag erlitten. Irgendetwas muss sein, denn normalerweise fehlt der Staatschef bei keiner dieser Großveranstaltungen. Der 66-Jährige sei übrigens seit mehr als drei Wochen schon nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten, heißt es in der südkoreanischen Tageszeitung "Asia Economy" besorgt. Zudem hätten sich fünf Ärzte aus China auf den Weg nach Nordkorea gemacht, um den Diktator zu behandeln. Obwohl kaum etwas über ihn bekannt ist, und sogar verboten, öffentlich über die Gesundheit des Staatschefs zu sprechen, scheint sicher zu sein, dass Kim Jong Il an Diabetes leidet und Herz-, Leber- und Lungenprobleme hat, wie der südkoreanische Geheimdienst meldet.

Aber vielleicht lebt der Sohn des Staatsgründers auch schon gar nicht mehr und lässt sich seit Jahren von einem oder mehreren Doubles vertreten, wie nun ein japanischer Nordkorea-Experte mutmaßt. In seinem Buch "The True Character of Kim Jong Il" vertritt Toshimitsu Shigemura die These, dass Kim bereits 2003 an seiner Diabetes gestorben sei, kurz nach dem Tod seiner zweiten Frau. Kim selbst verschwand damals für mehr als 40 Tage von der Bildfläche, gerade als in den Palästen Pjöngjangs heftige Machtkämpfe tobten. Seitdem, so der Experte, der für seine Recherchen auch auf Geheimdienstquellen zurückgegriffen haben will, werde das Staatsoberhaupt von mindestens einem Doppelgänger vertreten.

Für seine Behauptung hat der japanische Nordkoreakenner eine Reihe von Argumenten zusammengetragen. Das wichtigste: Seit 2003, seit den Atomabrüstungsverhandlungen, habe es keine wichtige politische Entscheidung in Pjöngjang mehr gegeben. Auch wollen Teilnehmer von koreanischen Gipfeltreffen bemerkt haben, dass sich Kim Jong Il nach 2003 körperlich stark verändert habe. Was allerdings, wie die englische "Times" bemerkt, auch daran liege könnte, dass der Präsident stark an Gewicht verloren sowie das Rauchen aufgegeben habe und zudem von Cognac auf Rotwein umgestiegen sei. Daneben aber gebe es Tonbandaufzeichnungen seiner Stimme, vor und nach Kims mutmaßlichem Tod, deren Profile nicht miteinander übereinstimmten. Und zuletzt: Als die olympische Fackel auf ihrem Weg um die Welt Station in Nordkorea machte, marschierte die gesamte Staatsführung auf. Bis auf den "Geliebten Führer" Kim Jong Il.

Nordkorea bleibt vorerst ein Schurkenstaat

Die ganzen Spekulationen fallen in eine Zeit, in der Nordkorea scheinbar führungslos durch das Weltgeschehen tapst. So sind die Gespräche über den Stopp des Atomprogramms des Landes ins Stocken geraten. Es gibt Differenzen darüber, wie genau die Abrüstungsschritte geprüft werden sollen. Die USA jedenfalls haben deshalb ihre Ankündigung zurückgezogen, die Diktatur von der Liste der "Schurkenstaaten" zu streichen. Pjöngjang reagierte verärgert. Auch die Beziehungen zum Süden haben einen neuen Tiefpunkt erreicht, weil die Nachbarn gegenüber dem Norden härtere Seiten aufziehen. Und nicht zuletzt wegen des Tods einer südkoreanischen Touristin, die von einer nordkoreanischen Grenzsoldatin erschossen wurde - sie habe angeblich militärisches Sperrgebiet betreten. Nach diesem Vorfall mussten sämtliche Südkoreaner den Norden verlassen.

Wer all die Probleme des angezählten Landes in naher oder später Zukunft lösen soll, darüber gibt es nur Spekulationen, aber keine Informationen. Kim Jong Il hat drei Kinder, die die kommunistische Dynastie weiterführen könnten. Ein Sohn wurde allerdings vor einigen Jahren mit gefälschtem Pass im japanischen Disneyland erwischt und ist damit nicht mehr tragbar. Der andere gilt als "zu weich" für den Posten und der dritte sei zu jung, wie es heißt. Bleibt als Alternative das traditionell mächtige Militär.

Seit längerem wird gemunkelt, dass die Generäle die Juche-Ideologie als "Bibel" und die Kims als "Götter" installieren, deren Willen lediglich von den Uniformierten vollstreckt wird. Dann hätte die Armee auch offiziell das Sagen. Dass sie wenig gewillt ist, von ihrer Macht abzulassen, darauf deutet ein Satz in der Staatszeitung "Rodong Shinmun" hin: "Es gibt keine Grenze für die ideologische und geistige Macht des Militärs und des Volkes, die unter ihrem Führer vereint sind."


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