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9/11-Report: Jeder kriegt sein Fett ab

Die Untersuchungskommission zu den 9/11-Anschlägen verteilt ihre Kritik auf viele Schultern. So steckt in ihrem Bericht neben vielen Verbesserungsvorschlägen auch jede Menge Wahlkampf-Munition für beide Lager.

20 Monate lang hingen die Ermittlungen der Untersuchungskommission zum 11. September wie ein Damoklesschwert über US-Präsident George W. Bush. Am Donnerstagmorgen hielt er den Abschlussbericht dann in Händen: den in Seitenumfang und Inhalt gleichermaßen schwergewichtigen Ausschussreport über Versäumnisse vor und nach den verheerenden Anschlägen im Jahr 2001 - mit einer Flut von Verbesserungsvorschlägen. Der Bericht enthielt erwartungsgemäß scharfe Rügen für Bushs Antiterror-Politik, wie es sich bereits während der Ermittlungen abgezeichnet hatte. Aber zugleich hatte der Republikaner auch etwas Grund zur Genugtuung: Die Kommission verteilte ihre Kritik auf viele Schultern, darunter die von Bushs demokratischem Amtsvorgänger Bill Clinton.

An alle gemeinsam ging der Aufruf, die Zeit nicht mit politischen Fingerzeigen zu vergeuden, sondern nun die empfohlenen Reformen in Angriff zu nehmen. Aber das war wohl ein weitgehend fruchtloser Aufruf: Das "Blame Game" - das Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen - kam schon in Schwung, bevor der Report überhaupt im Internet veröffentlicht und für zehn Dollar pro Exemplar in Buchläden ausgelegt wurde. So wurde den Medien von jeder Seite an Vorabinformationen aus dem Bericht jeweils gezielt das zugespielt, was der anderen Seite schadet. Schließlich beginnt in den USA just die heiße Phase des Präsidentschaftswahlkampfs und am Montag der Nominierungsparteitag der Demokraten. Ein Rechtsanwalt in Washington begann am Donnerstag bereits Wetten darüber anzunehmen, wie oft die Oppositionspartei auf ihrem Kongress den Kommissionsbericht als Munition gegen Bush verwenden wird.

Kaum Überraschungen

Nach der Serie von Zwischenberichten der Kommission, öffentlichen Anhörungen und Vorabmeldungen in den Medien erwartete niemand mehr sensationell Neues an Fakten von dem Abschlussreport. Das Hauptaugenmerk galt somit von vornherein der Frage, wie exakt die gemischte Kommission aus Republikanern und Demokraten selbst die Schuld verteilen würde. "Es läuft 103 Tage vor der Wahl auf den Punkt hinaus, welche Regierung mehr versagt hat, die von Bush oder Clinton?" formulierte es auch die "New York Times". Wie es nun aussieht, bekommen in dem Bericht alle Seiten ihr Fett weg, am stärksten die Geheimdienste und Bush etwas mehr als Clinton. Auch der Kongress wird wegen mangelnder Aufsicht über die Arbeit der Geheimdienste in die Pflicht genommen.

Analytiker auf allen Fernsehkanälen wiesen am Donnerstag aber übereinstimmend darauf hin, dass Bush natürlich besonders verwundbar sei, auch wenn es zutreffe, dass er viele der im Bericht aufgelisteten "institutionellen Mängel" - etwa das Missmanagement bei der CIA - von seinem Vorgänger Clinton geerbt habe. Der Republikaner habe seine besondere Achillesferse - den Irak. "Der Vorwurf, dass er die Terrorabwehr vernachlässigte, weil er von vornherein den Irak im Fadenkreuz hatte, ist sein Schwachpunkt, und das bleibt auch dann noch im öffentlichen Bewusstsein haften, wenn der Kommissionsbericht aus den Schlagzeilen verschwunden ist", fasste es ein Kommentator des öffentlichen Rundfunksenders NPR zusammen.

Bushs Strategie ist klar: Er verweist auf die Geheimdienste als Hauptsünder und schließt sich laut dem Ruf nach Reformen an, ohne sich bisher allerdings auf einzelne der zum Teil politisch sehr unbequemen Vorschläge der Kommission festzulegen. Das geht aus Äußerungen der vergangenen Wochen und Monate hervor. Die Veröffentlichung des Kommissionsberichts kommt im übrigen zu keinem so schlechten Zeitpunkt für Bush: Zwar werden die Demokraten auf ihrem Parteitag darauf herumhacken, aber das hätten sie angesichts der vorab bekannt gewordenen Einzelheiten ohnehin getan. Und danach - einen Monat später - sind die Republikaner mit ihrem Parteikongress an der Reihe, und Bush erhält die Gelegenheit, den Amerikanern erneut einzuhämmern, dass die Nation dank seiner Politik sicherer geworden sei.

Gabriele Chwallek, DPA / DPA