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Geiselnahme auf den Philippinen: Räuber oder Gotteskrieger?

In den Erpresser-Videos demonstrieren die Entführer auf den Philippinen Nähe zum Islamischen Staat. Viele halten Abu Sayyaf für eine Räuberbande. Und sie könnten zur IS-Zweigstelle werden.

Von Janis Vougioukas, Shanghai

Ihre Symbole sind die gleichen wie die des Islamischen Staates (IS): Die schwarze Fahne, weiße arabische Schrift und ihr Name sollen Gegnern wie Opfern Angst einflößen: Abu Sayyaf, übersetzt heißt das „der Vater des Schwertschmieds“. Seit Jahrzehnten kämpft die Terrorgruppe auf den Philippinen für die Gründung einer unabhängigen islamischen Provinz, ein Tropen-Kalifat an den Palmenstränden der südlichen Sulusee.

Abu Sayyaf ist klein, Terrorexperten in der philippinischen Hauptstadt Manila schätzen die Zahl der bewaffneten Anhänger auf 300 bis 800. Sie verstecken sich in den Bergen und Urwäldern der Inseln Jolo und Basilan. Von dort verbreiten sie ihren Terror mit selbstgebastelten Bomben und Überfällen.

Klein und doch sehr schlagkräftig

Lange vor der Ankunft der spanischen Kolonialherren breitete sich der Islam im Indonesischen Archipel aus und erreichte so die Philippinen. Gleich nach ihrer Ankunft versuchten die Spanier, den christlichen Glauben auf den Philippinen zu verbreiten – und trafen in Mindanao und Basilan auf den größten Widerstand. So entwickelte sich der Süden der Philippinen zu einer fast traditionellen Problemregion der Philippinen, was sich noch weiter verschlechterte als die Zentralregierung versuchte, den Süden mit christlichen Siedlern unter Kontrolle zu bekommen.

Auf diesem Nährboden entwickelte sich Abu Sayyaf zu einer kleinen aber schlagkräftigen Organisation, die den Philippinen den längsten Unabhängigkeitskonflikt Asiens bescherte. Experten schätzen, dass in den siebziger Jahren rund 120.000 Menschen bei Kämpfen zwischen philippinischen Streitkräften und der Moro Islamic Liberation Front, einer Vorgängerorganisation der Abu Sayyaf, ums Leben kamen.

Abu Sayyaf finanziert sich vor allem über Schutzgelderpressungen und Entführungen. Dutzende Ausländer sind in den vergangenen Jahren von Anhängern der Gruppe verschleppt worden, darunter auch die deutsche Familie Wallert, die im Sommer 2000 vom Strand ihres Hotels auf der malaysischen Tropeninsel Sipadan entführt worden war. Kurz darauf geriet auch der damalige Spiegel-Korrespondent Andreas Lorenz in Gefangenschaft der Gruppe. Lorenz und die Wallerts wurden später freigelassen, der libysche Diktator Gaddafi hatte zwischen der deutschen Regierung und den Entführern vermittelt.

Geiselgangster oder IS-Zweigstelle?

Die meisten Menschen auf den mehrheitlich christlichen Philippinen glauben inzwischen, dass Entführungen, Überfälle und Erpressungen für Abu Sayyaf zu einem reinen Business geworden sind: Eine Bande aus Räubern, die sich als Gotteskrieger tarnen. Dafür spricht, dass Geiseln oft von Untergruppe zu Untergruppe verkauft werden und ihr „Marktwert“ dabei ständig steigt und fällt – je nach Angebot und Nachfrage.

Seit einigen Wochen demonstriert Abu Sayyaf öffentlich Nähe zur Terrororganisation Islamischer Staat. Kommandanten leisten öffentliche Treueschwüre auf den IS. Es gibt dafür zwei mögliche Erklärungen. Zum einen gibt es auch unter Terroristen Modeerscheinungen, gut möglich, dass Abu Sayyaf sich von der Anlehnung an den IS mehr internationale Aufmerksamkeit erhofft. Andere glauben, die Dschungel-Terroristen hoffen auf finanzielle Zuwendungen den wesentlich größeren und einflussreicheren IS. So oder so könnte das bedeuten, dass Abu Sayyaf schon bald zur asiatischen Zweigstelle der IS-Kämpfer werden könnte.

Janis Vougioukas