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Afghanistan: Geisel klagt über schlechten Gesundheitszustand

Der Gesundheitszustand des in Aghanistan entführten Rudolf B. verschlechtert sich. Die Angehörigen werfen dem Auswärtigen Amt Untätigkeit vor und wenden sich hilfesuchend an den bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Der vor mehr als einem Monat in Afghanistan entführte deutsche Bauingenieur Rudolf B. hat seinen schlechten Gesundheitszustand beklagt. In einem neuen Video sagte der 62- Jährige: "Ich bin in einer sehr schlechten Verfassung". Er sagt, dass die Medizin für seine Herzerkrankung in drei Tagen aufgebraucht sei. "Die Zeit läuft aus." Dabei hält er sich die ganze Zeit über die Hand an seine Brust. Immer wieder muss er husten. Wann und unter welchen Umständen das Video aufgenommen wurde, ist nicht bekannt. Im Hintergrund ist eine Felswand zu sehen. Angeblich wird B. zusammen mit mehreren Afghanen auf rund 3000 Metern Höhe festgehalten.

Die Aufnahmen wurden am Donnerstag vom afghanischen Privatsender Tolo TV ausgestrahlt und auch von deutschen Sendern übernommen. Bereits am Vorabend hatte RTL Auszüge aus dem Video ausgestrahlt. Das Auswärtige Amt ließ das neue Lebenszeichen von seinem Krisenstab auswerten. Zu Einzelheiten wollte sich eine Ministeriumssprecherin nicht äußern.

Vorwürfe gegen die Bundesregierung

Im Auswärtigen Amt hieß es, die Bundesregierung bemühe sich weiterhin sehr intensiv um die Freilassung des 62-Jährigen. Zum Stand der Bemühungen wollte eine Ministeriumssprecherin keine Angaben machen.

Die Familie des Verschleppten Bauingenieurs Rudolf B. erhob unterdessen schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung. "Obwohl wir von Anfang an wussten, dass die Entführer auch eine Lösegeld- Forderung gestellt haben, wissen wir nicht, ob die Regierung eine Zahlung in Betracht zieht. Vermutlich will man in Berlin Härte zeigen und weiteren Entführungen in Afghanistan vorbeugen", sagte der Sohn des 62-Jährigen in einem Interview des Senders Antenne Bayern. Er befürchte, die Bundesregierung könnte an seinem Vater ein Exempel statuieren.

Hilfegesuch an Stiober

Auch die geschiedene Frau des Bauingenieurs äußerte sich kritisch. "Seit fünf Wochen ist der Vater meiner Söhne bereits verschleppt und es ist kein Ende abzusehen", sagte die Frau aus Ottobrunn bei München dem Sender. Die Angehörigen hätten Schreiben an Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, an Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel versandt. "Auch mit dem Leiter des Krisenstabes habe ich bereits telefoniert. Bisher haben wir nur eine Rückantwort von Herrn Steinmeier erhalten, in dem er lediglich sein Bedauern ausdrückt. Unsere Bitte um ein persönliches Gespräch wurde ignoriert." Die Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt in Berlin sei schlecht. Die Familie wende sich über Antenne Bayern nun direkt an den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Außenamtssprecherin Julia Gross äußerte Verständnis auch für die Hilflosigkeit, die Familie angesichts der langen Geiselhaft empfinden müsse: "Wir bitten aber auch um Verständnis, dass der Krisenstab nur erfolgreich arbeiten kann, wenn operative Details seiner Arbeit nicht öffentlich diskutiert werden." Der Krisenstab des Auswärtigen Amts arbeite zusammen mit der Deutschen Botschaft in Kabul und mit den afghanischen Behörden mit aller Kraft an einer Lösung dieses Entführungsfalles. Die Sicherheit der Geisel und das Ziel ihrer Freilassung habe für die Bundesregierung oberste Priorität, erklärte Gross. Der Bauingenieur war am 18. Juli zusammen mit seinem kurze Zeit später ermordeten Kollegen Rüdiger D. verschleppt worden. Die Videoaufnahmen zeigen B. auf einer Decke sitzend. Er trägt einen Text vor, der ihm vermutlich von seinen Entführern diktiert wurde. "Ich bin ein Gefangener von den Taliban hier in Afghanistan, und ich bitte meine Freunde, meine Familie, meine zwei Söhne, dass sie bei den deutschen Regierungsstellen mehr Druck ausüben, um uns hier freizubekommen."

DPA / DPA