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Afrika: Sieben beispielhafte Projekte

Entwicklungshilfe für Afrika ist unerlässlich. Sie muss aber richtig eingesetzt werden, sonst vergrößert sie lediglich die Abhängigkeit von den reichen Industriestaaten.

1. KRIEG

Wo kleine Kinder Krieg spielen

Reintegration von Kindersoldaten, ein Unicefprojekt im Kongo

Assani und Buuma bei einem Brettspiel: "Wir hatten uns schon so an die rüden Kommandos bei unseren Kampfeinheiten gewöhnt, dass wir vergessen haben, dass wir eigentlich noch Kinder sind". Bis zu 30.000 Kindersoldaten soll es im Kongo geben, genaue Zahlen liegen nicht vor. Zwar stehen die meisten noch unter Waffen, doch einige wurden nach Ankunft der Friedenstruppen aufgegriffen und in betreute Lager gebracht. Eines betreibt Unicef in Goma. Hier können die Kinder - oft zum ersten Mal nach Jahren - wieder Fußball spielen, eine Schule besuchen, bekommen regelmäßig zu essen. Vor allem aber können sie über ihre Erlebnisse sprechen. Einige sind noch keine zehn Jahre alt und haben schon getötet. Viele haben harte Drogen genommen. Alle haben Furchtbares GESEHEN. Für viele ist es eine ganz neue Erfahrung, einen "normalen" Tagesablauf zu haben.

Der wichtigste Schritt der Reintegration ist jedoch der zurück in die Familie: Die Kinder sollen so schnell wie möglich nach Hause. Unicef leistet die nötige Vorarbeit in den Dörfern, denn dort müssen die Kinder wieder willkommen sein. Und dort muss verhindert werden, dass sie sich erneut rekrutieren lassen. Denn der Krieg ist zu einer Art Normalzustand geworden, der Beruf Soldat gilt vielen als krisensicher.

Im vergangenen Sommer zogen Milizen durch die Dörfer und riefen in Versammlungen vor allem Waisen auf, sich den Bewaffneten anzuschließen. Tausende wurden neu rekrutiert, Kinder, die nichts anderes kennen als Gewalt und Krieg. Sie haben keine Angst und sind leicht zu manipulieren. Sie werden als Stoßtrupps eingesetzt oder als Kugelfänger, oft auch durch Minenfelder geschickt.

Unicef berät Lehrer und Eltern im Umgang mit den traumatisierten Rückkehrern. Wenn ein Kind keine Angehörigen hat und auch sonst niemanden, der es aufnehmen will oder kann, organisiert die Hilfsorganisation Pflegefamilien. Keine leichte Aufgabe, denn Jahrzehnte des Krieges haben das soziale Gefüge des Landes vollkommen verheert.

2. KRANKHEIT

Bezahlbare Medikamente für Aids-Patienten

Ein Projekt von Action medeor in Bukavu, Kongo

Die Diagnose HIV war bisher ein Todesurteil in Bukavu, einer Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern in der Demokratischen Republik Kongo. Und jeder zehnte ist infiziert. Doch nun gibt es Hoffnung. Die Action medeor wird zunächst 100 Menschen eine Therapie ermöglichen, und zwar mit Unterstützung eines Unternehmens vor Ort. Eine pharmazeutische Firma, die aus dem Holz des Chinarindenbaums ein Malariamittel sowie Chinin für die Getränkeindustrie gewinnt, hat für ihre 1500 Mitarbeiter und deren Familien eine Krankenstation eingerichtet. In einigen Wochen soll ein zweites Diagnosezentrum der Firma für die übrige Bevölkerung zur Verfügung stehen. Dann wird auch die Produktion von Aids-Medikamenten anlaufen. Eine Kombination von drei Mitteln soll die Krankheit in Schach halten, 21 Euro kostet der Monatsbedarf eines Patienten. Zum Vergleich: In Europa schlägt die Behandlung im Monat mit etwa 1000 Euro zu Buche.

Möglich ist das kleine Wunder, weil das Land kein eigenes Patentrecht hat - und weil die Herstellerfirma zum Selbstkostenpreis arbeitet. Die Produktionsräume sind bereits fertig gefließt und geweißt, die Maschinen bestellt. Das Labor arbeitet schon und registriert die ersten HIV-Patienten, die für eine Behandlung infrage kommen.

Das Modell macht bereits Schule: Andere Hilfsorganisationen haben Interesse an den Medikamenten angemeldet. Auch sie werden die Tabletten zum Selbstkostenpreis bekommen. Jede Initiative zählt, denn die staatliche Gesundheitsfürsorge ist nach Jahrzehnten des Krieges zusammengebrochen.

3. FLUCHT

Erste Schritte in eine friedliche Zukunft

Nothilfe für Flüchtlinge, Caritas international, Liberia

Die ersten 2000 Familien sind schon zurückgekehrt in ihre Dörfer - kaum vier Monate nach der erneuten Eskalation des Bürgerkrieges in Liberia. Caritas international hat die Rückkehrer mit Zement, Brettern, Hacken und Saatgut ausgestattet - Starthilfe in ein hoffentlich friedlicheres Jahr 2004. Der Anfang ist gemacht, doch es wird noch Jahre dauern, bis die Menschen das Trauma von über zwölf Jahren Bürgerkrieg verarbeitet haben. Noch im August erschien die Lage in weiten Teilen des Landes hoffnungslos. Es war allein dem guten Netzwerk lokaler Mitarbeiter der Caritas zu verdanken, dass Lebensmittel, Medikamente und Decken überhaupt die Bedürftigen erreichten.

Ausländische Helfer konnten erst Mitte August wieder in die Hauptstadt Monrovia einreisen. In dem improvisierten Flüchtlingslager im Stadion war Cholera ausgebrochen, geschwächte Kinder starben an Malaria. 50.000 Menschen harrten in der einstigen Sportarena aus, die Lebensmittel reichten nicht für alle. Doch die Helfer bekamen die Situation unter Kontrolle. "Wir Liberianer haben unsere Würde verloren", sagt in einem gerade zum dritten Mal geplünderten Gemeindezentrum der junge Priester Tom Delaney. "Mit seinem Engagement hilft uns das internationale Caritas-Netzwerk, diese Würde ganz allmählich wiederzufinden."

4. HUNGER

Fruchtbare Gärten in der Sahelzone

Projekt zur Ernährungssicherung, Misereor, Burkina Faso

Die Frauen hacken Unkraut, lachen, feuern sich gegenseitig an. Fast wie eine Fata Morgana wirkt dieser Garten voller Tomaten, Auberginen, Hirse und Salat mitten in der Sahelzone im Norden von Burkina Faso. Die grüne Insel in der Steppe ist das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit der Frauen - und einer einfachen, aber effektiven Hilfestellung von Misereor. Die 80 Frauen der Kooperative des Dorfes Falangountou haben das Land vorbereitet, Anbaumethoden gelernt und erste Ernten eingefahren. Misereor hat daraufhin ein großes Reservoir graben lassen. Es speichert das Wasser der kurzen, aber heftigen Regenfälle im Herbst und bleibt bis weit in die heiße Jahreszeit gefüllt.

Über die Hälfte der Ernte verkaufen die Frauen und verdienen erstmals eigenes Geld. Fast 300 Brunnen hat Misereor finanziert, Partner ist die lokale Organisation "Brüderlicher Verein der Gläubigen", die ein Priester und ein Imam nach der großen Hungersnot 1969 gründeten. Sie bauen Getreidebanken wieder auf, in denen die Kooperativen Hirse und Mais lagern können. Ganze Dorfgemeinschaften werden so unabhängiger von Händlern, die in schlechten Zeiten die Preise hochtreiben konnten. Der Brüderliche Verein sucht die Mitglieder für die Kooperativen aus: Sie sollen zuverlässig sein und müssen zeigen, dass sie die Gärten instand halten können. Die meisten Kooperativen bestehen fast ausschließlich aus Frauen. Warum? "Wir Mütter haben gesehen, wie unsere Kinder vor Hunger weinen", sagt die Bäuerin Maiga Bibata Haineke. "Wir mussten etwas tun."

5. ARMUT

Das Erfolgsgeheimnis der Bank-Direktorinnen

Sparclubs für Frauen, ein Care-Projekt in Mosambik

Die Frauen von Vulanjane können endlich mitbestimmen, welche Kleidung und Medikamente gekauft werden. Und alle legen etwas beiseite für den Schulbesuch der Kinder. Das Geheimnis der Veränderungen liegt in der kleinen Blechkiste mit den drei Schlüsseln. Sie birgt die Gelder des Sparclubs. 24 Frauen treffen sich jede Woche unter dem Dorfbaum und zahlen durchschnittlich 30 000 Meticais (1,10 Euro) ein. Eine Frau verwahrt die Kasse, drei andere je einen Schlüssel. Jede Frau, die mehr als einen Monat lang eingezahlt hat, kann einen Kredit aus der Kasse bekommen - nach sechs Wochen muss er mit fünf Prozent Zinsen wieder zurückgezahlt werden.

Kaum 30 Euro sind es durchschnittlich, die sich die Frauen leihen. Dieses Geld hilft ihnen aus dem Teufelskreis von Armut, Schulden und Abhängigkeit. Für Elisa Solomone Vilanculos, 37, zum Beispiel ist das Geld eine Anschubfinanzierung für einen kleinen Verkaufsstand, an dem sie Kleidung verkauft. Seither entscheidet sie mit, wenn es um die Ausgaben in ihrem Haushalt geht. Care unterstützt in 129 Dörfern, in denen es keine Banken und keine Geldverleiher gibt, solche Sparclubs und finanziert Beraterinnen. Insgesamt begleitet Care neue Clubs ein Jahr lang. Der Erfolg überzeugt: Im Dorf Vulanjane warten schon 15 Frauen geduldig darauf, dass sie Mitglieder werden können. Das geht alle sechs Monate, wenn eine neue Sparrunde beginnt.

6. BILDUNGSMISERE

Lesen, Schreiben, Nähen, Färben

Schulprojekt von arche nova und Paritätischem Wohlfahrtsverband

Wer in der "Annemarie International School" einen Platz findet, hat Glück gehabt. Neben Lesen und Schreiben können die älteren Schüler auch gleich Einen Beruf lernen: Nähen, Färben, Schreibmaschineschreiben und eine erste Einführung in Buchhaltung. Die Schule im Vorort Teshie in der ghanaischen Hauptstadt Accra gründete Ebenezer Nortey 1998.

Heute gehen 550 Schüler in 15 Klassen, davon 50 in die berufsvorbereitenden Kurse. Die ersten Absolventen haben schon kleine Geschäfte auf den Märkten in Accra eröffnet. Seit dem Tod des Schulgründers im vergangenen Jahr hat sein Sohn Kenneth Nortey die Leitung übernommen. Ungefähr 20 Euro berechnet er pro Trimester. Für fast 40 Schüler übernimmt die deutsche Hilfsorganisation arche nova die Schulgebühren. Außerdem helfen die Deutschen beim Bau von Toiletten auf dem Schulgelände. "Diese Schule macht keinen Profit", sagt Kenneth, dessen Familie von den Erträgen einiger Farmen lebt. "Den Profit machen die Kinder, die sonst keine Chance auf eine Ausbildung hätten."

7. WASSERMANGEL

Eine Lebensader für das Dorf - und den Wald

Umweltschutzprojekt von Naturschutzbund und Kindernothilfe in Kenia

Viele Kleinbauern am Rande des Arabuko-Sokoko-Regenwalds in Kenia haben keinen Brunnen im Dorf. Also wandern die Frauen bis zu drei Stunden ins Dickicht und holen sich Wasser zum Kochen, zum Trinken und Waschen aus den Regenteichen des letzten natürlichen ostafrikanischen Küstenwaldes. Stundenlang müssen sie laufen, in ständiger Angst vor Überfällen und Vergewaltigungen.

Holz zu schlagen ist in dem Schutzgebiet verboten. Die Männer aus den Dörfern tun es trotzdem. Die Bauern wissen, dass sie Raubbau am Wald betreiben. Aber ihre Armut lässt ihnen keinen Ausweg. Naturschutz funktioniert nicht ohne Armutsbekämpfung - und genau da setzen Naturschutzbund (Nabu) und Kindernothilfe mit ihrem Projekt an. Lokale Hilfsorganisationen zeigen den Kindern in den Schulen, dass eigene Baumplantagen das Wildern im Wald unnötig machen. Die Eltern lernen von den Kindern. Bei fast jedem Bauern findet man inzwischen frisch gepflanzte Bäume schnell wachsender Arten. Einige Bauern wurden unterstützt, Schmetterlinge und Bienen zu züchten.

Das größte Problem ist jedoch der Trinkwassermangel. Drei Dörfer sollen nun an eine existierende Wasserleitung angeschlossen werden. Die Frauen müssen dann nicht mehr einen ganzen Nachmittag nach Wasser suchen - und die Teiche im Wald bleiben unberührt. Andere warten noch auf Hilfe. "Ich brauche eine Alternative zum Wildern", sagt Anderson Nzaro. "Sonst werden meine Kinder die Armut von mir erben. Und das würde mich umbringen."

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