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Al Kaida ohne Anführer: Bin Ladens Kronprinzen

Seinen charismatischen Führer hat das Terrornetzwerk al Kaida verloren. In die Lücke könnten Männer aus der zweiten Reihe stoßen.

Von Kai Beller und Silke Mertins

Wer wird Nachfolger Osama Bin Ladens als Chef des Terrornetzwerks al Kaida? Eine unbestrittene Nummer eins zeichnet sich unter den Erben des getöteten Extremisten nicht ab. Experten sehen die Organisation vor einem Wandel. Die Kräfteverhältnisse könnten sich von Pakistan aus in andere Weltregionen verlagern. Vor allem der Al-Kaida-Ableger auf der Arabischen Halbinsel gewinnt an Bedeutung.

Aiman al Sawahiri - der Stratege

Der Ägypter galt als Nummer zwei des Terrornetzwerks. Experten sehen in ihm den ersten Anwärter auf die Nachfolge Bin Ladens. Sawahiri werde der neue Chef, sagt Guido Steinberg, Terrorexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Schon in der Gründungsphase war nicht ganz klar, wer der starke Mann ist. Sawahiri ist klar der bessere Stratege." Doch ihm fehle das Charisma Bin Ladens.

Sawahiri gehört zu den Gründungsmitgliedern der al Kaida. Er war ursprünglich Chef der ägyptischen Terrororganisation Islamischer Dschihad, die sich dem Kampf gegen die Regierung verschrieben hatte. Die Organisation ging später zur al Kaida, wodurch die USA als Hauptfeind in den Mittelpunkt rückte. Gemeinsam mit Bin Laden trat Sawahiri nach den Anschlägen auf das World Trade Center im September 2001 in einer Videobotschaft auf. Seitdem galt er als rechte Hand des Terrorpaten.

Der 69 Jahre alte Arzt gelangte über die Muslimbruderschaft zum Terror. Die ägyptischen Islamisten waren ihm nicht radikal genug. Nach dem Mordanschlag auf den ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat 1981 wurde Sawahiri inhaftiert und gefoltert. Nach seiner Entlassung ging er nach Afghanistan, wo er am Kampf gegen die sowjetischen Besetzer teilnahm. Dort lernte er auch Bin Laden kennen.

Anwar al Awlaki - der US-Bürger

Der 40-jährige Jemenit entspricht eher dem Profil des getöteten Bin Laden. Vor allem über das Internet verbreitet er islamistische Propaganda. Die USA stufen ihn als besonders gefährlich ein, weil er auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Sie haben ihn zur Tötung freigegeben. Awlaki hat seine Jugendjahre in den USA verbracht und spricht daher perfekt Englisch. Wie kein anderer kann er potenzielle Terroristen rekrutieren, die kein Arabisch beherrschen.

Awlaki hatte Kontakt zu dem US-Militärpsychiater Nidal Hassan, der im Herbst 2009 auf dem US-Stützpunkt Fort Hood 13 Menschen erschoss. Auch zum Nigerianer Umar Faruk Abdulmutallab bestand eine Verbindung. Mit Sprengstoff in der Unterhose versuchte Abdulmutallab, ein Flugzeug über Detroit in die Luft zu sprengen.

Der "Imam" soll sich im Jemen versteckt halten. Dort baute er den Al-Kaida-Ableger auf der Arabischen Halbinsel auf, der die Welt mit in Druckerpatronen verstecktem Sprengstoff in Atem hielt. Per Luftfracht wurde das explosive Material in den Westen geschickt. Dank der rechtzeitigen Entdeckung blieb die Katastrophe aus. "Awlaki hat das Potenzial, für die USA Staatsfeind Nummer eins zu werden, wenn der Westen sehr stark auf ihn reagiert", sagt Terrorexperte Steinberg. Noch sei er es aber nicht.

Abu Jahja al Libi - das Multitalent

Sein Name weist auf seine Herkunft hin: Al Libi kommt aus Libyen. Der frühere CIA-Experte Jarret Brachman stufte ihn als Krieger und Gelehrten ein. Er sei der kommende Star bei al Kaida. Al Libi gilt als guter Redner. Außerdem verfügt er - anders als Sawahiri - über einen religiöse Ausbildung.

2005 gelang es ihm aus dem amerikanischen Gefangenenlager im afghanischen Bagram zu fliehen. Seitdem hat er sich wiederholt mit Videobotschaften zu Wort gemeldet. In einem forderte er die Somalier auf, sich den Uno-Truppen entgegenzustellen. Mitte März rief er zum Sturz des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi auf. Er lobte darin die Rebellion in Nordafrika, bei der al Kaida bislang keine Rolle spielte.

Hassan al Turabi - der Veteran

Der Sudanese gilt ebenfalls als möglicher Bin-Laden-Ersatz. "Er hat große charismatische Fähigkeiten", sagte Kai Hirschmann, Vizedirektor des Instituts für Terrorismusforschung in Essen. Die junge Generation dürfte sich von dem 80-Jährigen kaum von ihm angesprochen.

Für ihn spricht seine Verbindung zum getöteten Al-Kaida-Chef. Turabi holte ihn 1991 nach seiner Ausweisung aus Saudi-Arabien in den Sudan. Das Land bot auch anderen Gotteskriegern eine Zuflucht. Anders als viele andere hochrangige Al-Kaida-Mitglieder hat Turabi keine Kampferfahrungen. Er hat in seinem Land stets als Politiker gewirkt und zum Beispiel die Einführung der Scharia durchgesetzt.

Turabi liegt seit Jahren im Streit mit Präsident Omar Hassan al Baschir. Erst am Montag wurde er wieder aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er vor drei Monaten die Bevölkerung zum Aufstand gegen steigende Preise aufgerufen hatte.

FTD