Algerien Zwischen islamistischem Terror und politischer Repression


Hinter dem riesigen Land der gut 31 Millionen Algerier liegt ein blutiges Jahrzehnt mit etwa 150.000 Toten. Und vor dem Maghreb-Staat liegt eine äußerst ungewisse Zukunft, solange Gewalt, Korruption, Bürokratie und soziale Not herrschen.

Das Geiseldrama in der Sahara hat Algerien wieder weltweit in die Schlagzeilen gebracht. Präsident Abdelaziz Bouteflika dürfte dies ziemlich unangenehm sein, selbst wenn auch die zweite Geiselgruppe unbehelligt frei kommen sollte. Ihn hatten die Generäle, die eigentlichen Machtinhaber in diesem nordafrikanischen Ölstaat, doch ausgesucht, Algerien in ruhigere Gewässer zu führen und international respektabler zu machen. Denn hinter dem riesigen Land der gut 31 Millionen Algerier liegt ein blutiges Jahrzehnt mit etwa 150.000 Toten. Und vor ihm liegt eine äußerst ungewisse Zukunft, solange Gewalt, Korruption, Bürokratie und soziale Not herrschen.

Seit mehr als zehn Jahren im Ausnahmezustand

Der Maghreb-Staat ist ein Land zwischen Krieg und Frieden - und seit mehr als zehn Jahren im Ausnahmezustand. Islamistischer Terror, brutale Antworten des Militärs und politische Repression schaukeln sich weiterhin gegenseitig hoch, auch wenn die Gewalt in den jüngsten Jahren deutlich abgeflaut ist. Weiterhin vergeht jedoch keine Woche, in der nicht islamistische Terroristen Soldatentrupps in Hinterhalte locken und umbringen. Großfamilien werden hingemetzelt, wenn es der Einschüchterung und Machterhaltung in einer Region dient. Daran hat Bouteflikas "Politik der Versöhnung" nichts geändert. Die Terroristen haben allerdings spürbar an Rückhalt in der Bevölkerung verloren.

"Algerische Terroristen nehmen keine Geiseln." Mit dieser - von den Tatsachen Lügen gestraften - Äußerung hatte ein Beamter in Algier vor Wochen noch das Drama in der Wüste als simples Banditentum dargestellt. Algerische Terroristen haben bisher in der Tat selten Geiseln genommen, sondern in der Regel kurzen Prozess gemacht - wie die Sicherheitsstreitkräfte auch. Was das Banditentum angeht, so zeigt dies die Grauzone "zwischen Terrorismus und Mafia", wie es politische Beobachter gern formulieren. Kritiker werfen den Militärs Mafia-Methoden vor, und "islamistische Kräfte" wie die GSPC Hassan Hattabs arbeiten eng mit Schmugglern und Menschenhändlern zusammen.

Krawalle als "Form des Dialogs"

Für Bouteflika ist das Bild Algeriens in der Welt wichtig. Denn er soll es aufmöbeln, und er will im nächsten Jahr wiedergewählt werden. Erhebliche Unruhen der Berber in der Kabylei und steigender sozialer Unmut bereiteten ihm in den vergangenen Jahren allerdings mehr Sorge als der alltägliche Kampf mit den übrig gebliebenen islamistischen Gruppen GIA und GSPC. Krawalle sind zur "bevorzugten Form des Dialogs der Bürger mit ihrem Staat" geworden, wie die Pariser Tageszeitung "Le Monde" schrieb. Das Trinkwasser ist knapp. Wohnungen werden über korrupte Kanäle vergeben. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, die Wirtschaftsreformen kommen im Land der Öl- und Gasvorkommen nicht voran. Dabei ist jeder Zweite unter 25 und braucht Logis und Arbeit.

Und alles steht vor dem Hintergrund, dass die algerischen Generäle Anfang 1992 die ersten freien Parlamentswahlen des Landes aussetzten, um den absehbaren Sieg der Islamistischen Rettungsfront (FIS) noch zu verhindern. Mit dem kalten Staatsstreich kam der Ausnahmezustand und dann der Bürgerkrieg. Von dem anderen Wind, der seit dem Kollaps des Kommunismus und dem Fall der Berliner Mauer in zahlreichen Ländern weht, hat man unter den Palmen Algiers und in der Sahara noch nicht genug gespürt - vor der Demokratie liegt dort noch ein weiter Weg.

Hanns-Jochen Kaffsack DPA

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