Alija Izetbegovic Den Hass überwinden


Mit seinem Tod ist der letzte der drei Führer der einst verfeindeten Völker Ex-Jugoslawiens von der politischen Bühne verschwunden. Der ehemalige Präsident Bosnien-Herzegowinas Alija Izetbegovic erlag im Alter von 78 Jahren einem Herzleiden.

Im Alter von 78 Jahren ist Alija Izetbegovic am 19. Oktober 2003 gestorben. Mit seinem Tod ist der letzte der drei Führer der einst verfeindeten Völker des ehemaligen Jugoslawien von der politischen Bühne verschwunden. Der kroatische Präsident Franjo Tudjman starb 1999, und der ehemalige serbische und jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic muss sich seit Juni 2001 vor dem UN- Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten.

Der ethnische Bruderkrieg

Der 6. April 1992 war der Tag von Bosnien-Herzegowina. Die USA und die Europäische Union erkannten den Staat an, der zur Konkursmasse des zerfallenden Vielvölkerstaates Jugoslawien gehörte. Es war auch der Tag des Moslems Alija Izetbegovic, der von 1992-95 Präsident von Bosnien-Herzegowina war. Es war aber auch der Tag, an dem die ersten Schüsse bosnisch-serbischer Nationalisten in Sarajevo fielen, die dem Land einen dreijährigen ethnischen Bruderkrieg bescherten.

Izetbegovic erstrebte ein einheitliches Bosnien unter moslemischer Vorherrschaft. Dieser Lebenstraum ist nicht so in Erfüllung gegangen, aber trotzdem war er an seinem Lebensende mit sich und der Welt versöhnt. Ende vergangenen September, als er die aktive Politik verlassen hatte und schon schwer herzkrank in einer Klinik von Sarajevo lag, rief er die drei Völker Bosniens zur Versöhnung auf. Muslime, Serben und Kroaten müssten den gegenseitigen Hass aus dem Krieg 1992-1995 überwinden, sagte er in seinem letzten Fernsehinterview. Niemand solle wegen der begangenen Verbrechen Vergeltung, sondern nur Gerechtigkeit verlangen, war die letzte Botschaft des Gläubigen.

Ein streng gläubiger Muslim

Der im Bosanski Samac geborene Jurist und streng gläubige Muslim gründete die Partei der demokratischen Aktion (SDA) im Mai 1990 und versammelte in ihr die bosnischen Muslime. Bei den ersten freien Wahlen, damals war Bosnien noch Teilrepublik des Föderativen Jugoslawien, wurde er als Moslemvertreter neben Serben und Kroaten in das bosnische Staatspräsidium gewählt.

Im März 1992 sprachen sich Muslime und Kroaten gegen die Stimmen der Serben für die Unabhängigkeit von Jugoslawien aus, was Serbien mit Gewalt zu verhindern suchte. Der Bosnienkrieg 1992-95 kostete mehrere hunderttausend Menschen das Leben und machte Millionen zu Flüchtlingen.

Izetbegovic unterzeichnete zusammen mit seinen Kriegsfeinden Milosevic und Tudjman im Herbst 1995 unter starkem Druck der USA und der internationalen Gemeinschaft das Bosnien-Friedensabkommen von Dayton. Es teilte Bosnien in eine muslimisch-kroatische Föderation und eine serbische Republik auf. Das Abkommen wird bis heute von der NATO-geführten Friedenstruppe SFOR mit 13 000 Soldaten, unter ihnen auch deutsche, überwacht.

Radikale Islamisierung des Landes

Da der Westen Bosnien jahrelang die Hilfe verweigerte und Serben und Kroaten ihre Besitzansprüche auf das Land mit militärischen Mitteln geltend machten, waren Izetbegovic und die moslemisch dominierte Führung in Sarajevo gezwungen, sich von der islamischen Welt unterstützen zu lassen. Diese sowohl militärische als auch humanitäre Hilfe ließ sich die islamische Welt teuer bezahlen, denn die bis zu Kriegsbeginn als liberal und weltoffen geltenden Moslems in Bosnien mussten eine radikale Islamisierung ihres Landes hinnehmen.

Der Kriegspräsident Izetbegovic wurde schließlich bei den ersten Wahlen nach dem Krieg 1996 erneut Staatschef von Bosnien-Herzegowina - allerdings nur im Triumvirat mit dem Kroaten Kresimir Zubak und dem Serben Momcilo Krajisnik. Vor zwei Jahren zog er sich aus Gesundheitsgründen aus der Politik zurück, blieb aber bis zum Tode Ehrenvorsitzender seiner Partei der Demokratischen Aktion (SDA).

Tim Schulze print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker