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Alliierte Offensive: Bagdad stürmen oder warten?

Die Kriegsallianz steht nur noch sieben Kilometer vor den Außenbezirken der irakischen Hauptstadt - und das Pentagon vor der Wahl: Den Sturmangriff auf Bagdad einleiten oder den Irakern die Chance zur Kapitulation geben.

Der überraschend schnelle Marsch auf Bagdad hat die amerikanischen Strategen früher als erwartet vor die Schlüsselfrage des zwei Wochen alten Krieges gestellt: Wann und wie sie die irakische Hauptstadt angreifen. Das Regime hat einen erbitterten Straßen- und Häuserkampf angekündigt, der den Blutzoll beträchtlich erhöhen könnte. Lange abzuwarten und die Stadt zu belagern wie die Briten Basra, würde nach Auffassung von Analytikern jedoch nicht mit dem Interesse an einem schnellen Kriegsende übereinstimmen und der irakischen Zermürbungstaktik Auftrieb geben.

US-Oberbefehlshaber Tommy Franks muss daher beantworten, ob seine vor Bagdad stehenden Einheiten ausreichen, den letzten Widerstand der Anhänger Saddam Husseins zu brechen. Verneint er die Frage, könnte er auf die schwere 4. Infanterie-Division warten, die derzeit in Kuwait eintrifft und sich Mitte des Monats der Schlacht anschließen könnte.

«Bagdad ist der Schlüssel»

«Wir erwarten nicht, dass wir plötzlich in Bagdad einmarschieren und es im Handstreich einnehmen», versicherte US-General Stanley McChrystal im Pentagon. Denn die große Unbekannte ist der Empfang durch die Fünf-Millionen-Stadt selbst. «Bagdad ist der Schlüssel», stellte der Stabschef der US-Luftwaffe zur Zeit des Golfkrieges 1991, Merrill McPeak, fest. «Ob wir mit Blumenbouquets oder mit Granaten empfangen werden, wird in den kommenden Tagen über Erfolg oder Fehlschlag entscheiden.»

Bei den heftigen Kämpfen vor Bagdad wurden nach US-Angaben zwar zwei Divisionen der Republikanischen Garde aufgerieben. Es sind jedoch relativ wenig Soldaten in Gefangenschaft geraten. Daher besteht bei den Amerikanern der Verdacht, dass sich der Gegner entweder in die Fünf-Millionen-Stadt zurückgezogen oder sich in kleine Gruppen aufgelöst haben und der Truppe in den Rücken fallen könnte. Iraks Verteidigungsminister Sultan Haschem Achmed hat bereits einen verstärkten Guerilla-Krieg angekündigt.

Gefahr des Einsatzes von chemischen oder biologischen Waffen

Das Eindringen in die «Rote Zone» rund um Bagdad erhöht aus der Sicht der Amerikaner außerdem die Gefahr, dass die Iraker chemische oder biologische Waffen einsetzen. «Vor uns liegt jetzt die Möglichkeit, dass sie chemische Waffen benutzen», erklärte Pentagonsprecherin Victoria Clarke.

Einige Offiziere halten es für wahrscheinlich, dass die US- Streitkräfte Bagdad umzingeln werden. Sie würden mit Vorstößen die Verteidigung der Stadt erproben, sich vor einem Großangriff aber davon überzeugen, dass die Republikanischen Garden keine Bedrohung mehr darstellen, und die Nachschublinien sichern. Aus dem Schaden im Süden des Landes, wo hinter der Front Widerstandsnester lange Zeit den Nachschub bedrohten und zu Verlusten führten, seien sie klug geworden.

Herbert Winkler / DPA
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