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Alltag: «Sonntag» in Bagdad

Der Freitag ist der wöchentliche Feiertag im muslimischen Irak. Trotz eines möglichen Krieges versucht die Bevölkerung Bagdads diesen Tag so normal wie möglich zu verbringen.

Der Luna-Park in Bagdad bot am Freitag ein idyllisches Bild. Kinder und Jugendliche vergnügten sich auf der Achterbahn und im Autoscooter. Familien genossen ihr Picknick an kleinen Steintischen, andere gaben sich auf ausgebreiteten Tüchern einem richtigen Festschmaus hin. Der Freitag ist in den moslemischen Ländern, so auch im Irak, der Hauptfeiertag in der Woche.

Demonstrative Gelassenheit

"Wir kommen freitags oft hierher, man trifft auch Freunde und Verwandte", sagt der 48-jährige Beamte Dea Hussein. Er kam mit Frau und den sechs Kindern, um ein wenig auszuspannen und das schöne Wetter zu genießen. Der Militäraufmarsch der Amerikaner und Briten im Persischen Golf lässt ihn nach eigenem Bekunden kalt. "Wir mögen es nicht, wenn man uns bedroht, aber wenn sie angreifen, was soll’s?" Man habe schon mehrere Kriege und Bombardements erlebt und werde auch diesen Angriff überstehen. "Wir sind gegen eine ausländische Besatzung anstelle von Saddam Husseins", fügt er als loyaler Beamter hinzu.

Die demonstrativ zur Schau gestellte Gelassenheit der Bagdader vermag aber nicht immer über die tiefer sitzende Ungewissheit hinwegzutäuschen. Am Schießstand klagt der Budenbesitzer Said Mensched (50) über ein flaues Geschäft. "Natürlich beeinflussen die Umstände die Menschen", gibt er zu bedenken. "Viele haben nicht wirklich Lust, sich im Schatten der Kriegsdrohung zu amüsieren." Offene Kritik an der Politik von Präsident Saddam Hussein übt gegenüber Journalisten in der Regel niemand. Zum einen hat er noch immer seine Anhänger, sind viele Menschen existenziell vom Regime abhängig. Zum anderen fürchten sich potenzielle Kritiker vor dem skrupellosen und brutalen Geheimdienstapparat, den Saddam dazu aufgebaut hat, um jeden Dissens im Keim zu ersticken.

Auf dem Andalusien-Platz am Rande des Stadtzentrums findet an jedem Freitag eine Auktion statt. Hier können Bürger, die Geld brauchen, ihre Sachen versilbern lassen. Die Wäschereibesitzerin Suad Achmed (35) will eine Bügelpresse für 300 000 Dinar (160 Euro) kaufen. Auch sie lässt sich durch die Kriegsaussicht nicht beirren. "Selbst wenn es schlimmer wird als früher - Hauptsache ist, dass wir unseren starken Willen haben."

Der Ex-Parfümerie-Inhaber Mueied Kadim (35) will seine Schlafzimmereinrichtung versteigern lassen. Seinen Kosmetikladen musste er wegen der gesunkenen Nachfrage schließen. Von der Auktion erwartet er 600 000 Dinar (320 Euro). Zusammen mit anderen Erlösen und Rücklagen sollte es für einen Gebrauchtwagen reichen. Als Taxifahrer hofft Kadim, eher für seine vier Kinder sorgen zu können. Die Geschäftspleite erklärt Kadim mit einer gewissen Unsicherheit der Leute. "Viele warten ab, schieben Einkäufe und Ausgaben auf." Das UN-Embargo habe die Kaufkraft seiner Kundschaft aus der Mittelschicht aufgezehrt. Hinzu komme die ungewisse Zukunft: "Niemand, weiß, was kommt, nur Allah. Wüsste ich es, könnte ich mir auch sicher sein, ob es sich lohnt, aufs Taxifahren umzusteigen."

Gregor Mayer / DPA
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