Anschlag auf Bibel-Verlag "Lektion" für die Feinde des Islam


Sie nennen sich "Brüder" und wohnten im Gebäude einer islamischen Stiftung: Die Studenten, die drei Mitarbeitern eines christlichen Verlags die Kehle durchgeschnitten hatten, haben angeblich aus religiösen Motiven gehandelt.

Nach dem Überfall auf ein christliches Verlagshaus in der Türkei haben vier Verdächtige die Tat gestanden, wie die türkische Zeitung "Hürriyet" am Donnerstag berichtete. Den drei Todesopfern, darunter einem 46-jährigen Deutschen, seien die Kehlen durchgeschnitten worden, um Feinden des Islams "eine Lektion" zu erteilen, berichtete das Blatt. Die Behörden nahmen insgesamt zehn Personen fest. Die EU-Kommission erklärte mit Blick auf die Verhandlungen mit Ankara, jeder Beitrittskandidat müsse "die Menschenrechte respektieren, darunter die Religionsfreiheit".

Verdächtige nenen sich "Brüder"

"Wir haben das nicht für uns selbst getan, sondern für unsere Religion", zitierte "Hürriyet" die am Mittwoch festgenommenen Verdächtigen. Laut der Nachrichtenagentur Anadolu hatte jeder der vier einen Brief bei sich, in dem sie sich als "Brüder" bezeichnen, die in den Tod gehen. Medienberichten zufolge handelt es sich um Studenten, die in einem Gebäude einer islamischen Stiftung wohnten. Ein weiterer Verdächtiger wurde im Krankenhaus behandelt.

Am Donnerstag wurden nach Angaben des Gouverneurs von Malatya, Halil Ibrahim Dasöz, erneut fünf junge Männer festgenommen. Der scheidende türkische Präsident Ahmet Necdet Sezer verurteilte die Bluttat scharf. Nichts könne einen solchen Angriff in einer Zeit, in der "Frieden, Brüderlichkeit und Toleranz" gebraucht würden, rechtfertigen, sagte Sezer. Außenminister Abdullah Gül erklärte, der brutale Überfall habe das Ansehen der Türkei im Ausland beschädigt.

Deutsches Opfer soll in Malatya bestattet werden

Die Angreifer hatten ihre Opfer am Mittwoch an Händen und Füßen gefesselt und ihnen die Kehlen durchgeschnitten. Nach Angaben von Gouverneur Dasöz lebte der getötete Deutsche seit 2003 in Malatya. Laut Anadolu handelt es sich um den 46 Jahre alten Tilman G. Seine Familie wolle ihn in Malatya bestatten. Die Frage, ob sich das Verbrechen auf die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei auswirken werden, verneinte die Sprecherin von EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn, Krisztina Nagy, indirekt: Der Überfall sei von türkischen Regierungsvertretern scharf verurteilt worden. Nagy erinnerte jedoch daran, dass die Kommission von Ankara unter anderem eine Verbesserung der Rechtsstellung nicht-muslimischer Gemeinden und Stiftungen erwarte.

Der italienische Ministerpräsident Romano Prodi sagte während eines Besuchs in Südkorea, das Verbrechen sei für den erhofften EU-Beitritt der Türkei nicht hilfreich. Die Entscheidung darüber sei jedoch eine rein politische und dürfe von solchen "Tragödien" nicht beeinflusst werden. Auch der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, verurteilte den Anschlag. Es reiche nicht aus, nur Beileidserklärungen abzugeben. "Es ist höchste Zeit, die gesellschaftliche Verantwortung für diese Taten zu übernehmen und offen über die Entwicklungen in der Türkei zu sprechen", sagte Kolat.

Protest in Istanbul

Auch der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland hat den Mordanschlag "mit tiefem Entsetzen und Abscheu verurteilt". Die Taten seien "unfassbar", sagte der Sprecher des Rates, Ayyub Axel Köhler, am Donnerstag in Köln. "Es gibt keine religiöse Rechtfertigung für solche Überfälle", so Köhler. Solche Taten dürften niemals geduldet werden. In Vers 256 der zweiten Sure garantiere der Koran das Recht auf Glaubensfreiheit. "Diese koranische Grundlage darf niemals in Frage gestellt werden", mahnte er. "Ich hoffe, dass wir alle der Versuchung widerstehen, uns gegeneinander ausspielen zu lassen." Im Koordinierungsrat sind vier muslimische Organisationen in Deutschland vertreten.

In Istanbul protestierten rund 150 Menschen gegen das Verbrechen und zeigten sich solidarisch mit der christlichen Minderheit in der Türkei. Sie entzündeten Kerzen und entfalteten ein Plakat mit der Aufschrift "Wir sind alle Christen". Malatya im Osten der Türkei gilt als Hochburg der Nationalisten. Aus der Stadt stammt auch Mehmet Ali Agca, der 1981 das Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübte. Dem Überfall vom Mittwoch waren mehrere Angriffe auf die christliche Minderheit in der Türkei vorangegangen. Unter anderem wurde im Februar vergangenen Jahres ein katholischer Priester in der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer von einem Jugendlichen erschossen.

AP/DPA AP DPA

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