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Anschlag in St. Petersburg Warum der Terror immer wieder die U-Bahn trifft


Fünf Mal wurden in der Moskauer Metro bereits Anschläge verübt. Am Montag hat es nun Sankt Petersburg getroffen. Auch in anderen Weltmetropolen wurde die U-Bahn immer wieder zum Schauplatz von Terror. Aber warum?

Im Januar 1977 wird die Moskauer Metro zum ersten Mal in ihrer Geschichte zum Ziel eines Terroranschlags. Am frühen Abend des 8. Januar explodiert in einer vollbesetzten Bahn ein Sprengsatz. Sieben Passagiere sterben, 37 weitere werden zum Teil schwer verletzt. Für den Mord werden 1979 drei armenische Separatisten hingerichtet.

Juni 1996: Wieder explodiert abends auf einer viel befahrenen Moskauer Metrolinie eine unter einem Sitz versteckte Bombe. Vier Menschen sterben. Für den Anschlag werden Separatisten aus Tschetschenien verantwortlich gemacht.

Februar 2004: Um 8.30 Uhr des 6. Februar verübt ein 20-jähriger Tschetschene einen Selbstmordanschlag. Er nimmt 39 Menschen mit in den Tod, bis zu 230 weitere werden verletzt. Nur sechs Monate später sprengt sich am Eingang einer belebten U-Bahn-Station eine Tschetschenin in die Luft. Elf Menschen sterben, darunter die Attentäterin und ihr Komplize.

März 2010: Um 7.56 Uhr des 29. März kommt es in der Station Lubjanka zu einer Explosion. Die Haltestelle befindet sich in unmittelbarer Nähe der Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Um 8.38 Uhr ereignet sich in der Station Park Kultury eine zweite Explosion. Massenpanik bricht aus. Zwei Selbstmordattentäterinnen reißen 40 Menschen mit in den Tod.

Perfektes "weiches Ziel"

Aber nicht nur in Moskau zieht die U-Bahn immer wieder Terroristen an: Brüssel 2016, Minsk 2011, London 2005, Paris 1995, Tokio 1995. Nun hat es Sankt Petersburg getroffen. Am frühen Abend des 3. April detonierte zwischen zwei Metrostationen eine Bombe. 14 Menschen starben. Aber warum sind die U-Bahnen so ein attraktives Ziel für Terroristen?

Der Schienenverkehr gehört zu den sogenannten "weichen Zielen". So werden im Zusammenhang mit Terrorismus ungeschützte oder unter normalen Umständen nicht zu schützende Ziele genannt. Zumeist sind es viel frequentierte Orte des öffentlichen Lebens oder wichtige Infrastrukturelemente. Die U-Bahn ist beides.

Vor allem in den russischen Großstädten wie Moskau und Sankt Petersburg ist die Metro das wichtigste Verkehrsmittel. Millionen Passagiere werden jeden Tag durch die Metropolen befördert. Die Züge fahren im Minutentakt.

Metrosysteme hoffnungslos überlastet

Dabei sind die Metrosysteme längst an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen. Mehr als 6,5 Millionen Menschen benutzen etwa die Moskauer U-Bahn - und zwar jeden Tag (Stand 2011). Sie gehört nicht nur zu den Systemen mit den tiefsten Tunneln und Bahnhöfen der Welt, sondern ist auch eine der am stärksten in Anspruch genommenen U-Bahnen weltweit. Nur in Tokio, Seoul, Peking und Shanghai werden noch größere Passagierzahlen erreicht.

Besonders in den Morgen- und Abendstunden sind die Metrolinien in Moskau und Sankt Petersburg hoffnungslos überfüllt. Die Menschen stehen noch vor den Eingängen zu den Stationen Schlange. 

Möglichst großes Chaos

Es ist also kein Zufall, dass Terroristen besonders gerne zu diesen Zeiten zuschlagen. Die Menschendichte ist so groß, dass Todesopfer unvermeidlich sind. In der Enge der Stationen, Tunnel und Züge können Sprengsätze zudem eine größere Kraft entfalten. 

Kontrollen sind angesichts solcher Menschenmassen fast unmöglich. Nach den Anschlägen 2010 wurden die Metros in Moskau und Sankt Petersburg zwar mit Metalldetektoren ausgestattet. Doch kaum ein Sicherheitsbeamter wird zu Stoßzeiten jeden einzelnen Passagier überprüfen können - und wollen. Denn jede Unterbrechung des stetig weiter fließenden Menschenstroms führt zum Chaos.

Das wissen auch die Terroristen. Ein Anschlag auf die U-Bahn bringt das gesamte Verkehrssystem der Stadt zum Erliegen. Die Auswirkungen sind noch tagelang zu spüren, wie jetzt nach dem Anschlag in Sankt Petersburg. So mussten am Dienstag mehrere Stationen geschlossen werden. Bei der Polizei waren anonyme Hinweise eingegangen, dass einige der Tunnel vermint sein könnten. 

ivi

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