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Assanges Auslieferung nach Schweden: Wikileaks im Schatten seines Gründers

Es ist still geworden, um das Enthüllungsportal. Im Mittelpunkt der Debatten steht sein Gründer. Julian Assange wird immer öfter als Krimineller wahrgenommen. Leiser werden die Stimmen, die ihn als Internet-Held feiern. Stolpert der Wikileaks-Gründer am Ende über sich selbst?

Julian Assange kämpft gegen seine Auslieferung von Großbritannien nach Schweden - und steht kurz vor der Niederlage. Seinen eigentlichen Kampf scheint er schon verloren zu haben. Die Internetplattform Wikileaks, mit der er antrat, die Welt zu verändern, ist nach Aussagen von Insidern praktisch lahmgelegt. Über seine Enthüllungen - eigentlich hochexplosiver Sprengstoff für Regierungen in aller Welt - redet zumindest in der Öffentlichkeit kaum noch jemand.

Stattdessen wird Assange als gewöhnlicher Krimineller wahrgenommen. Er soll im August 2010 in Schweden Sex mit zwei Frauen gehabt haben. Grundsätzlich einvernehmlich, wie die möglichen Opfer einräumen. Die juristische Auseinandersetzung dreht sich unter anderem um die Frage, ob er gewaltsam das Benutzen eines Kondoms verweigert hat. Außerdem soll er sich einer der beiden, die ihn später wieder auf eine Party einluden, im Schlaf genähert haben. Ein Nebenkriegsschauplatz?

Warum in der Öffentlichkeit nun der Kriminalfall vor den politischen Verwicklungen steht, darüber gibt es unterschiedliche Deutungen. Stolperte der ehemalige Hacker und Internet-Held Assange über seine Alpha-Tier-Persönlichkeit, die von Weggefährten als "außergewöhnlich" bis "krass" beschrieben wird? Oder hat Assange selbst mit seiner These recht, seine politischen Gegner - allen voran die USA - hängten ihm bewusst einen Kriminalfall an, um von seinen politisch brisanten Enthüllungen abzulenken, ihn finanziell auszutrocknen und ihn mundtot zu machen?

In der Tat wirft die Geschichte, deren Stoff US-Krimiautor John Grisham in ähnlicher Form schon lange vor Assange einmal in einem seiner Romane verarbeitet hatte, viele Fragezeichen auf. Die Assange-Seite reklamiert etwa, sie habe alleine für Übersetzungen schwedischer Dokumente schon 30 000 Pfund ausgegeben müssen. "Das sollte die Staatsanwaltschaft zur Kenntnis nehmen", polterte Assange-Anwalt Mark Stephens am Donnerstag.

Nach Lage der Dinge wird es bald an der schwedischen Justiz sein, die Fragezeichen zu beseitigen. Assange hat seiner Auslieferung juristisch kaum noch etwas entgegenzusetzen - obwohl es in Schweden bisher nur Ermittlungen aber keine Anklage gegen ihn gibt. Auch eine ganze Armada an Staranwälten um Stephens und Geoffrey Robertson konnte am Donnerstag vor dem Belmarsh Magistrates Court im Londoner Süden nicht verhindern, dass Richter Howard Riddle die Argumente der Verteidigung Stück für Stück auseinandernahm. Es gebe schlicht keine Anhaltspunkte für Verfahrensfehler.

Assange wetterte nach dem für ihn ungünstigen aber erwarteten Ausgang des erstinstanzlichen Verfahrens vor dem Gerichtsgebäude gegen Gott und die Welt. Das europäische Rechtssystem müsse reformiert werden, forderte er etwa. Es könne nicht sein, dass ein Beamter ein zweiseitiges Formular ausfüllt und dies für eine Auslieferung reiche. Der platinblonde Australier wirkte ein wenig verloren bei seiner Ansprache - wie ein Politiker im Wahlkampf, dem kaum noch einer zuhört.

Michael Donhauser, DPA / DPA