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Aung San Suu Kyi: Die Lady mit dem eisernen Willen

Seit 15 Jahren führt Aung San Suu Kyi die Opposition gegen die herrschenden Generäle in Burma an. Hausarreste, Schlägertrupps und üble Verleumdungen haben "Der Lady", wie sie von ihren Anhängern genannt wird, bisher nichts anhaben können.

Von ihren Anhängern und vom burmesischen Volk wird sie nur "Die Lady" genannt. Vom Militärregime wird sie dagegen als "Hure des Westens" oder "heuchlerische Schlange" verunglimpft. Die Generäle von Mynamar, wie Burma seit der Machtergreifung durch die Armeeführung 1989 offiziell heißt, fürchten die Macht der 58-jährigen Oppositionsführerin so sehr, dass sie die kleine, zierliche Frau von Schlägern überfallen lassen, wie dieses Frühjahr geschehen, um sie ins Gefängnis zu stecken, wenn sie nicht gerade unter Hausarrest steht. Aung San Suu Kyi ist die Vorsitzende der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), Friedensnobelpreisträgerin und den Diktatoren von Burma ein Dorn im Auge.

Tausende Tote bei Volksaufstand

Alles begann im Jahr 1988. Die in Oxford lebende und lehrende Suu Kyi reiste nach Burma, um ihre kranke Mutter zu besuchen. Sie geriet dort in den Volksaufstand gegen das Militärregime. Die Forderung nach Demokratie wurde mit Waffengewalt abgeschmettert. Das kommunistische Regime ließ in die Menge feuern, Tausende starben. Der damalige starke Mann Burmas, Ne Win, trat zurück und eine neue Generation von Militärs putsche sich an die Macht. Der "burmesische Weg zum Sozialismus" war damit beendet, die Macht lag jetzt in einem neu gebildeten "Staatsrat zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung" (seit 1997: Staatsrat für Frieden und Entwicklung).

Aber die demokratische Bewegung ließ sich nicht mehr unterdrücken – dank Suu Kyi, die schnell zur Wortführerin der Opposition wurde. Ihr 1999 verstorbener Mann Michael Aris sagte über den Moment, als die beiden Eheleute den Rücktritt Ne Wins am Fernseher verfolgten: "Ich glaube, dass Suu sich damals entschloss, an die Öffentlichkeit zu treten. Sie hatte nie vergessen, dass sie die Tochter des Nationalhelden von Burma ist." (Ihr Vater, der General Aung San, hatte Burma 1947 in die Unabhängigkeit geführt). Sie sei wie elektrisiert gewesen.

Gewonnene Wahlen und zahlreiche Verhaftungen

Im Mai 1990 beugte sich die Junta dem internationalem Druck und veranstaltete Wahlen. Trotz massiver Behinderungen errang Suu Kyis NLD zur Überraschung der Generäle 80 Prozent der Parlamentssitze. Ein überragender Sieg, obwohl die Lady zum Zeitpunkt der Wahl zum ersten Mal unter Hausarrest gestellt war. Die Machthaber aber ignorierten trotz internationaler Proteste das Votum des Volkes. Die Diktatur blieb und Aung San Suu Kyi bekam 1991 den Friedennobelpreis zugesprochen. Hunderte von Parteimitgliedern wurden in den folgenden Jahren verhaftet. Amnesty International geht von derzeit noch immer etwa 1200 politischen Gefangenen aus.

Bis heute hält der Kampf an, in dem die Lady zuweilen einen eisernen Willen bewies – bis hin zum Martyrium. Sie versuchte mit Hungerstreiks ihre Freilassung aus den immer wieder verhängten Hausarresten zu erzwingen und verzichtete 1999 sogar darauf, von ihrem in Oxford lebenden Mann, der an Prostata-Krebs erkrankt war, Abschied zu nehmen. Sie befürchtete, dass man ihr die Wiedereinreise in das Land am Irrawaddy-Fluss verweigern könnte. "Als im Mai 2002 dann ihr Hausarrest aufgehoben wurde, schöpften wir Mut", sagt ein Mitstreiter Suu Kyis.

Mit eiserner Hand

Die Machthaber sprechen zwar immer wieder offiziell von einem "Fahrplan zur Demokratie" und "freien und fairen Wahlen auf Grundlage einer neuen Verfassung" wie etwa auf dem letzten ASEAN-Gipfel im September. So recht glauben will ihnen niemand. Tatsächlich regieren die Generäle unter dem 70-jährigen Juntachef Than Shwe nach wie vor mit eiserner Hand.

"Es ist schwer, einen Staat zu ruinieren, der noch vor zwei Generationen als potenziell reichster Asiens galt", sagt David Steinberg, Professor an der Washingtoner Georgetown Universität. Goldland wurde Burma früher genannt. Edelsteine wie Rubine, Satire und Jade, sowie Bodenschätze wie Zink und Erdgas besitzt das ehemalige "Juwel Asiens". Buddhistische Tempel und riesige Teakbaumwälder sind nur ein Teil der landschaftlichen und kulturellen Schätze des Landes. "Die schönsten Ansichten der Erde, wunderbar und exquisit", nannte das Marco Polo.

Korruption, Rauschgift und Armut

Heute gibt Burma ein anderes Bild ab: Im jüngsten "Weltreport der wirtschaftlichen Freiheit" landete es unter 123 erfassten Staaten auf dem letzten Platz, nur in der Rauschgiftproduktion ist der 50-Millionen-Staat gleich auf Platz zwei hinter Afghanistan. Die Generäle, so vermutet man, verdienen gut dabei. 40 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, jedes zehnte Kind stirbt. Der Militäretat steigt ständig, aber das Regime gibt immer weniger für Bildung aus. Die Furcht vor rebellierenden Studenten, die 1988 den Aufstand für die Demokratisierung des Staates begannen, ist beim Regime groß. Die Folge: Ranguns Armee habe die "wohl größte Anzahl von Kindersoldaten unter Waffen, an die 70 000, einige erst elf Jahre alt", konstatiert die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Aung San Suu Kyi plädiert trotz der wirtschaftlich schlechten Lage und Not leidenden Bevölkerung für eine energischen Boykott Burmas. Die Gewinne einer prosperierenden Wirtschaft würden sowieso in die Taschen der greisen Generäle und ihrer Handlanger fließen: "Wir würden unsere Ansicht ändern, wenn wir sicher sein könnten, dass das investierte Geld auch zu den Menschen gelangt, die es wirklich brauchen. Wenn das Geld nur eine Handvoll Menschen noch reicher macht, als sie ohnehin schon sind, fühlen die sich ermutigt, jeden Wandel zu verhindern." So war es auch schon in den 90er Jahren, als nach Jahrzehnten des Staatssozialismus die neuen Machthaber das Land für ausländische Investoren öffneten und BMW der burmesischen Polizei drei Motorräder schenkte.

Die internationale Gemeinschaft hat reagiert. Im Juli verhängten die USA scharfe Sanktionen gegen Burma. Die Europäische Union ließ Auslandskonten einfrieren und verhängte Einreiseverbote für Angehörige des Regimes. Ebenso wächst der Druck der asiatischen Staaten.

Dreister und brutaler Überfall

Die internationale Isolation ist das Ergebnis einer dreisten wie brutalen Überfall-Aktion des burmesischen Staates auf die Lady, die erst 2002 aus dem Hausarrest entlassen worden war. Im Mai dieses Jahres war Suu Kyi mit 400 Begleitern in einem Autokonvoi unterwegs, als Männer in Mönchskleidung ihn stoppten und Suu Kyi zu einer Ansprache aufforderten. Sie entschuldigte sich, sie habe keine Zeit und blieb im Auto sitzen. 2000 Schläger stürmten daraufhin aus dem Dschungel mit Eisenstangen und angespitzten Bambusrohren auf die NDL-Aktivisten. Geistesgegenwärtig gab der Fahrer von Suu Kyis Wagen Gas und rettete damit vielleicht ihr Leben. Ihre Anhänger wurden blutig geschlagen. Nach Augenzeugen-Berichten soll es ca. 70 Todesopfer gegeben haben.

Die Darstellung des Regimes zu diesem Vorfall: An diesem Tag seien in der Nähe der nordburmesischen Stadt Tabayin Wagen aus einer NLD-Kolonne mit überhöhter Geschwindigkeit in eine friedliche Pro-Regierungs-Demonstration gefahren; dabei seien vier Menschen ums Leben gekommen, Suu Kyi hätte wegen Drohungen aufgebrachter Menschen in Schutzhaft genommen werden müssen..

"Pesthauch der Angst"

Die Lady und zahlreiche ihrer Anhänger wurden nach dem Überfall inhaftiert. Die zweifache Mutter wurde in ein berüchtigtes Militärgefängnis gebracht. Der UN-Sonderbeauftragte Razali Ismail, dem die Militärjunta einen Besuch bei Suu Kyi gestattete, bezeichnete die Haftbedingungen als "absolut beklagenswert". Die internationalen Proteste blieben zunächst erfolglos. Im September durfte sie sich einer Operation unterziehen und steht seitdem wieder unter Hausarrest. Das Regime würde Suu Kyi am liebsten tot sehen. Nur der internationale Druck schützt die Lady. Sie kämpft weiter dafür, den "Pesthauch der Angst", wie sie es in einem Interview 1997 ausdrückte, von den Menschen zu nehmen und sie für die Demokratiebewegung zu begeistern.

Tim Schulze