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Bahnbomber: "Jussef liebte Deutschland"

Was hat zwei junge Libanesen dazu gebracht, Regionalzüge nach Koblenz und Dortmund in die Luft sprengen zu wollen? Marc Goergen hat in der Heimat der beiden Verhafteten nach Spuren gesucht.

Hier also ist er aufgewachsen: Jussef Mohammed al Haijdib, einer der beiden Kofferbomber. Ein dreigeschossiges Haus in einem Vorort von Tripoli im Norden Libanons. Das Treppenhaus hat keine Fenster, der Putz bröckelt und auch die Wohnung von Familie al Hajdib im dritten Stock ist karg. Ein paar Sessel, Fernseher, ein alter Computer, die Kinder schlafen zu mehreren auf Matratzen auf dem Boden. Wachsen so Terroristen auf? "Nein, nein", sagt Jussefs Mutter Fatmeh, 63, "unser Sohn ist unschuldig, der ist gar nicht zu so etwas fähig." Tränen laufen über ihre Wangen, immer wieder greift sie zur Kleenex-Packung. Auch Vater Ibrahim, 66, gibt sich entsetzt. Er gestikuliert wild, sagt immer wieder laut: "Gott sei gedankt, dass kein Blut vergossen wurde." Etwas ruhiger dann: "Wir verstehen einfach nicht, wie es dazu kommen konnte. Er muss in Deutschland an die falschen Freunde geraten sein. Hier war er ein ruhiger Junge."

Wer den Eltern und seinen Brüdern zuhört, gewinnt das Bild einer liberal-islamischen Familie. Man betet regelmäßig, aber nicht übermäßig. Im Wandregal stehen religiöse Bücher, doch radikale Phrasen hört man nicht, Vater Ibrahim legt Wert darauf zu erwähnen, dass sein Großvater 1948 während des israelischen Unabhängigkeitskriegs einen Juden für ein Jahr bei sich aufgenommen habe. Dazu sind die Haijdibs - Ibrahim und Fatmeh haben zehn Söhne und drei Töchter - über die ganze Welt verstreut. Ein Bruder Jussefs arbeitet als Taxifahrer in Dänemark, ein anderer als Fahrer für Ford in Schweden, war sogar mit einer Schwedin verheirat, und auch eine Schwester lebt in Schweden. "Jussef liebte Deutschland", sagt sein Bruder Hamseh, 23, "auch wegen des Fußballs." Hamseh teilte mit Jussef vor dessen Abreise das Zimmer. Stolz zeigt er ein Bayern-München-Trikot, das ihm der Bruder aus Deutschland mitgebracht hat. Hinten, auf dem staubigen Bolzplatz hinter dem Haus, hätten sie immer gemeinsam gespielt.

"Jussefs Lieblingsfach in der Schule war Mathe", sagt Hamseh. "Und er betete nicht besonders häufig." Auch Hamseh behauptet, sich nicht erklären zu können, warum sein Bruder eine Bombe gebastelt habe: "Wir haben zwei Mal pro Monat telefoniert. Er hat überhaupt nicht komisch gewirkt, sondern immer gesagt, dass Deutschland ein nettes Land sei". Und die Gerüchte, dass die Familie etwas mit der radikal-islamischen Organisation Hisb Ut-Tahrir zu tun habe? "Wir sind eine friedfertige Familie", sagt der Vater. Und warum ist Ali, der Taxifahrer in Dänemark und gerade auf Besuch bei den Eltern, von der libanesischen Polizei festgenommen worden? "Als die Polizei das Haus nach Jussef durchsucht hat, hat er sich dagegen wehren wollen. Nur deswegen haben sie ihn mitgenommen." Wirklich nur deswegen?

Auch in der privaten Sprachschule, wo Jussef vor seiner Abreise vier Monate Deutsch gelernt hat, haben ihn die Lehrer als ruhigen Schüler in Erinnerung. Die Besitzer, ein deutsch-libanesisches Ehepaar, haben Angst um den Ruf ihrer Schule, wollen ihren Namen lieber verschweigen: "Er war zwar kein besonders guter Schüler", sagen sie, "aber wie ein radikaler Islamist wirkte er überhaupt nicht. Er war schüchtern. Wenn man ihn ansprach, senkte er sogar häufig den Blick". Hier, in einem Bürohaus mitten in Tripoli, unter Plakaten, die die Schönheit Hamburgs und Berlins anpreisen, hat auch der zweite Kofferbomber, der 20-jährige Dschihad Hamad, Deutsch gepaukt – allerdings ein Jahr nach Jussef. Kennengelernt haben sich die beiden offensichtlich erst in Deutschland. Das ist auch die Version, die Hamads Familie bestätigt. Auch im Hause Hamad herrscht helle Aufregung. Am Donnerstagmorgen hat sich der Sohn der Polizei in Tripoli gestellt, und nun sind die Verwandten herbeigeeilt. Vater und Mutter weinen unaufhörlich. "Hamad hat uns erzählt, er hat Jussef in einem Internetcafé in Köln kennengelernt, "sagt Vater Chalid, 56.

Dann beginnt der Vater den Charakter seines Sohns zu preisen. Ruhig sei er gewesen, er habe sogar Gedichte gemocht. Immer wieder präsentiert Chalid Hamad die Unterlagen zum Deutschland-Aufenthalt seines Sohnes. Das Sprachzeugnis vom Goethe-Institut in Beirut, schriftlich 135 von 225 Punkten, mündlich 47 von 75, Gesamtnote ausreichend. Das auf deutsch übersetzte Abiturzeugnis. Die Aufnahme zum Studienkolleg in Köln. Die Bestätigung, dass eine Bank für ihn im Auftrag der deutschen Botschaft ein Konto eröffnet habe. Aber warum ist Dschihad denn schon am 6. August, nach einem knappen halben Jahr, wieder in den Libanon gekommen? Er habe sich wegen des Krieges Sorgen um Vater und Mutter gemacht, sagt die Familie, habe aber nach Deutschland zurückkehren wollen. Und warum findet sich dann in der Mappe neben der Studien-Zulassung auch eine Abmeldebestätigung der Stadt Köln vom 11. Juli 2006? Und ein Brief, ebenfalls von der Stadt Köln: "O.g. (oben genannter, gemeint ist Dschihad, d. Red.) sprach heute vor und teilte mit, dass er Deutschland verlassen möchte." In der verworrenen Geschichte zwischen Ostsee und Mittelmeer passt vieles nicht zusammen.

Marc Goergen