HOME

Barack Obama: Der amerikanischste aller Träume

Welcome back, America! Willkommen im 21. Jahrhundert, in dem der Präsident ein schwarzes Gesicht, eine indonesische Kindheit und den Zweitnamen Hussein haben kann: Barack Obama ist der amerikanische Traum. Kaum vorstellbar, dass es für ihn kein Happy End geben wird.

Von Jan Christoph Wiechmann

Aus Amerika kamen oft die besten Geschichten, und es gibt kaum eine inspirierende als jene, die sich in diesen Januartagen des neuen Jahres vor den Augen der Welt abspielt. 40 Jahre nach dem Tod Martin Luther Kings macht sich ein junger Schwarzer aus Hawaii, Indonesien, Chicago auf den schier unaufhaltsamen Weg ins Weiße Haus. Es gibt, selbst im Hollywood-geformten Land, keinen besseren Stoff, keinen größeren American Dream, kein gelungeneres Happy End nach acht schmerzhaften Jahren im Tiefgeschoss der Zeitgeschichte.

Amerikaner sind Meister darin, sich ständig neu zu erfinden. Rentner gehen wieder aufs College, Einwanderer erfinden Google, Bodybuilder werden Gouverneure. In diesen Tagen erfindet sich ein ganzes Land neu. In Rekordzahlen strömen die Bürger zur Wahl und entscheiden sich für den größtmöglichen Wandel, für einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Amerika wirft alle Prognosen, Weisheiten, Warnungen über Bord und marschiert leidenschaftlich der Zukunft entgegen. Es verabschiedet sich von den Regierungsjahren der evangelikalen Christen, setzt aber auf eine messiasgleiche Figur. Es verabschiedet sich von der 68er Generation, lässt aber die kühnsten Träume von Joan Baez, Bob Dylan und John Lennon wahr werden. Und ja - auch die der Clintons.

Die Erfolgsgeschichte des Barack Hussein Obama, dieses Sohns eines kenianischen Vaters und einer weißen Mutter aus Kansas, ist die Erfüllung genau jenen Traumes, die die Studentin Hillary Clinton in ihrer Abschlussrede 1969 zum Ausdruck brachte. Es ist der wahr gewordene Traum Bill Clintons, genannt "Amerikas erster schwarzer Präsident", der sich eigentlich nichts Schöneres vorstellen können muss als einen charismatischen, versöhnlichen Schwarzen im Weißen Haus. Obama ist nicht nur die finale Antwort auf die große "I have a dream"-Rede Martin Luther Kings. Er ist dieser Traum. Und gleichzeitig ein Albtraum für die Osama bin Ladens dieser Welt. Was sollen sie noch sagen, wenn ein schwarzer Community Organizer mit muslimischem Namen die Supermacht dieses Planeten anführen wird?

Unvergessliche Momente

Es gibt Momente im Reporter-Leben, die sind unvergesslich. Nach seinem Sieg in Iowa erklomm Barack Obama mit seiner Familie die Bühne in der übervollen Hy-Vee-Halle von Des Moines, und als er sie 20 Minuten später nach seiner "The time has come"-Rede wieder verließ, hatten Reporter Tränen in den Augen. Und weil ihnen die Vergleiche ausgingen, nannten sie den Abend "historisch", "monumental", "die Obama- Revolution". Sie suchten nach anderen epochalen Reden und landeten doch nur bei Kings "I have a dream". Sie suchten nach anderen politischen Führern und landeten bei John F. Kennedy.

Obama sprach, wie so oft, große versöhnliche Worte: "Ich will der Welt mitteilen: Amerika ist zurück. Wir sind eine Nation. Ein Volk. Und unsere Zeit für Wandel ist gekommen". Er sprach vom "amerikanischsten aller Träume: dass Menschen, die dieses Land lieben, es gegen alle nur denkbaren Widerstände verändern können". Es ist die uramerikanische Geschichte eines einzelnen Helden im Kampf gegen das System. Wenn die Politik auf den Klimawandel nicht reagiert, macht es einer allein wie Al Gore. Wenn die eigene Partei den Wandel nicht schafft, macht es einer wie Obama. Und für einen Moment hörte man Rufe im jungen Publikum, die es Jahre lang nicht mehr gegeben hatte: "U-S-A. U-S-A. U-S-A." Es war nicht jenes rachedurstige "U-S-A", das die Menschen den Feinden nach dem 11. September entgegenbrüllten. Es war ein noch zartes, aber hoffnungsgefülltes "U-S-A", das die Welt um Vergebung bittet.

Obama erfüllt die große Sehnsucht der Amerikaner nach Überwindung eines tiefen ideologischen Grabens, nach nationaler Einheit, nach dem Rückkehr der großen Träume, die unter Guantanamo und Abu Ghreib begraben wurden. Obama, gerade mal 46, ist prädestiniert, die Wunden, die Bush und Cheney, die aber auch die Clintons in den 90ern rissen, zu heilen. Er ist die Brücke ins 21. Jahrhundert nach einem kurzen Abstecher ins Mittelalter. Er ist Politiker, aber auch eine Bewegung. Er ist Spiritus Rector, aber auch eine neue Generation.

In der Welt ist Obama die beste Waffe gegen jene schon lustvolle Stereotypisierung seines Landes. Sollte man wieder auf den Rassismus in Amerika verweisen, wird er sagen: Ich gewann in einem zu 97 Prozent weißen Staat wie Iowa. Sollte man auf die religiösen Eiferer verweisen, kann er sagen: Vieler jener evangelikaler Christen und Republikaner haben für mich gestimmt. Wer die Apathie der US-Jugend geißelt, wird von ihm hören: Schaut auf die Massen junger Schüler, die in der Eiseskälte Iowas sich von ihren Seifenopern erhoben und in Scharen auszogen wie zu einem Popkonzert.

Mehr Neubeginn, mehr Wärme, mehr Glamour

Er erfüllt nicht nur die Sehnsucht nach einem Neubeginn, sondern auch nach mehr Wärme in der Politik, etwas Pathos, nach Superlativen und Glamour, er hat eine hübsche Frau, zwei süße kleine Kinder, eine heile Familie, er hat ein echtes, ein strahlendes Lachen. Er erfüllt die einfachste aller Sehnsüchte einer zerrissenen, gedemütigten Nation: Wieder gut zu sein.

Noch ist der Weg weit bis zum Wahlsieg im November, doch wer Amerika erlebt in diesen Tagen, wer die Tränen der Alten sieht, die glänzenden Augen der Jungen, wer die Begeisterung der Reporter hört, die Hymnen der Kolumnisten, kann sich nur schwer vorstellen, dass diese epochale, uramerikanische Geschichte sich einen anderen Ausgang suchen wird als ein furioses Happy End.