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Barack Obama: Die Magie fehlt, die Liebe nicht

Wahlkampf als reines Vergnügen? Bei den Anhängern von Barack Obama ist dies der Fall, sie berauschen sich an dem Präsidentschaftskandidaten. Und das, obwohl er am "Super Tuesday" einige Ziele verfehlt hat. Obama will Amerika weiter vereinen - und verteilt Hiebe.

Von Giuseppe di Grazia, Chicago

Es ist eine verdammt romantische Beziehung zwischen den Menschen und Barack Obama. Die Menschen sind verliebt, sie sind verliebt in diesen Mann und verliebt in die Idee, in die Idee, dass Politik doch ganz anders sein kann. Er verkörpert diese Idee. Er hat ihnen immer wieder gesagt: Ein Wechsel in Amerika kann nicht von oben kommen. Ein Wechsel wird von unten eingeleitet. Von euch. Wenn wir es schaffen, die Stimmen der Amerikaner zusammenzuführen, die Stimmen aller, der Schwarzen, der Weißen, der Latinos, der Asiaten, der Indianer, der Schwulen, der Heteros, der aus dem Norden, der aus dem Süden, der aus dem Westen und der aus dem Osten, der Reichen, der Armen, der Alten, der Jungen. Dann gibt es kein Problem, das wir gemeinsam nicht lösen können.

Und so fühlen sich die Menschen, die zu ihm kommen, nicht schwarz, nicht weiß, nicht arm und nicht reich. Sie fühlen sich so wie er. Als Amerikaner. Als Obamas Mitarbeiter an diesem "Super Tuesday" für seinen Auftritt im Grand Ballroom des Hyatt Hotels in Chicago die Tribüne hinter seinem Rednerpult mit genau diesen Amerikanern vollstellen wollen, brauchen sie im Publikum nicht lange suchen. Es sind wirklich alle da. Auch die Latinos. Seit viereinhalb Stunden warten sie hier. Und Verliebten macht es nichts aus zu warten. Eric, ein weißer Börsenhändler aus Boston, schaut auf die Tribüne und sagt: "Guck dir das an, da oben steht Amerika, das wahre Amerika 2008. Und gleich kommt der Mann, der es zusammen gebracht hat - Obama."

Den Worten fehlt die Magie

Er kommt mit seiner Frau Michelle, der Song "Beautiful day" von U2 wird gespielt. Er schwingt sich auf die Bühne, er dirigiert seinen eigenen Beifall. Er klatscht mit. Er klatscht stärker, und die Menge klatscht stärker. Bevor er an das Rednerpult tritt, feuert er sich wie ein Sportler kurz an, lässt sich von Michelle noch küssen.

Es ist kurz nach halb elf in Chicago. Es ist der Zeitpunkt, als Obama acht Staaten gewonnen hat, Hillary Clinton nur sechs. Aber es ist auch der Zeitpunkt, wo Obama weiß, er wird in dieser Nacht Kalifornien verlieren. Den größten Staat mit den meisten Delegierten. Der Schlüsselstaat. Wochenlang hatte er dort weit abgeschlagen hinter Hillary Clinton gelegen, dann aber unglaublich aufgeholt und kurz vor der Wahl auf einmal in einer Umfrage sogar mit 13 Prozent geführt. Es ist ihm anzusehen, wie ihn der erneute Stimmungswechsel enttäuscht hat. Kalifornien war der Staat, mit dem er heute Abend den Durchbruch hätte verkünden können. Kalifornien war der Staat, mit dem er sich als Gewinner dieser Nacht hätte fühlen dürfen.

Nun ist er weiter im Rennen, das schon, aber es ist keine Siegesrede, die er da hält. Er beschwört seine Anhänger, nicht nachzulassen und noch mehr Wähler für ihn und ihre Idee zu gewinnen. "Es gibt eine Sache, für die wir an diesem Tag keine Endergebnisse brauchen: Wir wissen, dass unsere Zeit gekommen ist! Unsere Bewegung ist echt. Es gibt in diesem Land eine ganze Menge Menschen, die hungrig sind nach dem Wandel. Wir brauchen sie. Wir brauchen sie an unserer Seite."

Obama redet wie immer gut, wie immer besser als Hillary Clinton. Aber an diesem Abend fehlt seinen Worten die Magie, die sie nach dem Überraschungssieg von Iowa ausstrahlten oder nach dem großen Sieg in South Carolina. Die Menschen jubeln ihm trotzdem zu. Es reicht ihnen ja schon, während sie auf ihn warten, das Musikvideo "Yes, we can" zu hören, um auszuflippen. Es reicht ihnen, dass ein Mitarbeiter Obamas für den Soundcheck auf die Bühne steigt und die Worte spricht: "Yes, we can", um minutenlang zu skandieren: "Yes, we can.". Es reicht ihnen, einfach hier zu sein.

Angriff auf Hillary Clinton

Die Menge berauscht sich an Barack Obama. Und sie berauscht sich an sich selbst. Wahlkampf 2008 ist in Amerika für die Obama-Anhänger keine Pflicht, er ist das reinste Vergnügen. Es geht natürlich um dieses wie ein Mantra skandierte: "Yes, we can". Aber es geht auch um "Ja, ich war dabei". Ich war dabei, als dieser Mann Amerika verändern wollte. Ihre Eltern und Großeltern erzählen von John F. Kennedy oder Martin Luther King. Jetzt können auch sie so einen Menschenfänger erleben. So einen gibt es in der Politik alle 50 Jahre. Oder vielleicht gar nicht mehr.

Diese Menschen sind bereit, ein neues Amerika zu gestalten. Sie sind bereit, die Seite umzuschlagen und ein neues Kapitel in der Geschichte Amerikas zu schreiben, wie Obama das von ihnen immer so pathetisch verlangt. Aber diese Menschen sind noch nicht genug. Am Ende dieses "Super Tuesdays" lassen sie Obama 13 Staaten gewinnen, aber nicht das Rennen um die Nominierung.

Die Entscheidung, wen die Demokraten als ihren Kandidaten in den Wahlkampf schicken werden, ist also vertagt. Obama war in den letzten Tagen so selbstbewusst oder arrogant geworden, je nachdem, wie man ihn sehen möchte, dass er nicht mehr über die Unterschiede zwischen ihm und Hillary Clinton gesprochen hatte. Er war einen Schritt weiter gegangen, einen Schritt weiter in Richtung Weißes Haus und dem wahren Gegner für ihn auf diesem Weg: John McCain, den Mann der Republikaner. Er hatte die meiste Zeit darüber gesprochen, was ihn vom 71 Jahre alten Senator aus Arizona unterscheidet. Fast alles. McCain wäre für ihn ein absoluter Traumgegner. An ihm könnte er sich noch besser reiben, sich noch besser profilieren als der Mann, der für den Wandel und die Zukunft steht.

Aber da war er zu weit gegangen. Gestern Abend konzentrierte er sich wieder auf seinen eigentlichen Kampf und sprach über sich und Hillary Clinton. Sie sei eine Freundin und werde auch eine Freundin bleiben, sagte Obama. Doch nach den Streicheleinheiten gab es Hiebe. Obama griff Hillary Clinton zum ersten Mal direkt an: "Dieses Mal haben die Amerikaner eine echte Wahl. Sie haben die Wahl zwischen einer Kandidatin, die von den Lobbyisten in Washington mehr Geld als alle Bewerber der Republikaner zusammen bekommen hat und einer Kampagne, die von euch gesponsert wird. Und wenn ich der Nominierte unserer Partei sein werde, kann mir mein republikanischer Gegner nicht vorwerfen, ich hätte für den Irak-Krieg gestimmt."

Nach einer halben Stunde verabschiedet sich Obama von seinen Anhängern, er geht wieder durch die Reihen. Er schüttelt Hände, er lässt sich umarmen und küssen. Und immer wieder sagt er zu ihnen: "Dieses Mal wird es nicht wie immer sein. Dieses Mal ist es anders. Es ist nicht meinetwegen anders. Sondern euretwegen."