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Belästigungsskandal im britischen Unterhaus: Die Abgeordneten von "Sexminster"

Eine Hand am Po hier, eine Anzüglichkeit vom Chef da und die Mitarbeiter werden aus sexuellem Interesse eingestellt: Ein Fernsehbericht offenbart Abgründe im britischen Abgeordnetenhaus.

Von Oliver Noffke

Eine Reportage des britischen Fernsehsenders Channel 4 unter dem Titel "The Palace of Sexminster" zeichnet ein erschütterndes Bild von Machtmissbrauch und Belästigung durch Abgeordnete des Unterhauses in Westminster. Von Saufgelagen im Parlamentspub wird berichtet, von eiskalten Kündigungsdrohungen oder von Aufforderungen zum schnellen Sex auf der Toilette. Eines haben alle Geschichten gemeinsam: Sie handeln von Menschen, die Macht und gute Beziehungen haben und über ihre Angestellten verfügen, als seien sie zur Jagd freigegeben.

Nach eigenen Angaben hat der Sender mit 70 Männern und Frauen gesprochen, die in unterschiedlichen Positionen für Spitzenpolitiker aus allen Parteien tätig sind. Aus Scham oder aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes sei jedoch niemand bereit gewesen, sich vor der Kamera zu zeigen. Stattdessen wurden die Interviews protokolliert und von Laiendarstellern nachgesprochen. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, schon von einem Abgeordneten belästigt oder schikaniert worden zu sein oder Zeuge eines entsprechenden Vorfalls gewesen zu sein. Ein Drittel hätte angegeben, mindestens einmal Opfer von Machtmissbrauch gewesen zu sein. Besonders betroffen sollen junge Männer sein.

Die "Westminster-Blase"

Prominente Aktivisten, die sich mit Gleichstellungsfragen befassen, sehen zwei Gründe für die Resultate dieser Interviews. Zum einen gäbe es geradezu eine Kultur des Machtmissbrauchs im Londoner Politikbetrieb, die von manchen der Interviewten Opfer als "Westminster-Blase" bezeichnet wird. "In den letzten zehn Jahren habe ich Dutzende solcher Fälle erlebt, bei Männern und Frauen", zitiert Channel 4 den Homosexuellenrechtler Ben Summerskill. "Diese Menschen sind einfache Opfer, weil Politik für sie eine Obsession ist und sie noch nie woanders gearbeitet haben." Die konservative Abgeordnete Margot James sagte in einem Interview: "Wir sprechen hier von Machtmissbrauch, von einer Kultur des Mobbens."

Dass diese Kultur sich überhaupt erst etablieren konnte, sei nur möglich, weil es gar keine Strukturen von Personalverantwortung gäbe. In ihren Büros sind die Abgeordneten die Chefs. Übergeordnete Beschwerdestellen seien zahnlos. Wo beschwert man sich also, wenn dieses Machtverhältnis ausgenutzt wird? Exemplarisch für dieses Problem stehe ein Fall, in dem das Opfer angekündigt hatte, sich zu beschweren. Der lapidare Kommentar des Abgeordneten: "Ich mache dich fertig."

Fall Nigel Evans

Angesichts von 650 Abgeordneten die allein im britischen Unterhaus sitzen, die jeweils mehrere Büroangestellte, Sekretäre, Referendaren und Praktikanten haben, kann man von 70 Interviews nur schwer auf die moralische Integrität eines ganzen Berufsstandes schließen. Dass es dem Sender aber gelungen ist, aus diesen wenigen, offenbar zufällig ausgesuchten Angestellten, mehr als 35 zu finden, die aus eigener Erfahrung von Übergriffen und Drohungen durch Volksvertreter berichten können, ist alarmierend.

Die Berichte kommen zu einem Zeitpunkt, an dem der Londoner Politikbetrieb gerade erst einen der saftigsten Skandale der letzten Jahrzehnte überstanden glaubte. Erst am Donnerstag wurde der frühere Vize-Unterhausvorsitzende Nigel Evans in einem Vergewaltigungsverfahren freigesprochen. Ein 22-jähriger Student hatte ihn angezeigt und behauptet, der 34 Jahre ältere Politiker hätte ihn nach einem gemeinsamen Abendessen im März 2013 sexuell missbraucht. Evans bestritt die Vorwürfe stets, legte allerdings seine Ämter nieder, nachdem die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hatte. Erst 2010 hatte er sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt, weil er es leid gewesen sei eine Lüge zu leben.

Die erste Fernsehreportage zu der Channel-4-Umfrage vom vergangenen Donnerstag rief sofortige Reaktionen hervor. Die konservative Regierungspartei von David Cameron verschickte an all ihre Abgeordneten einen ausgearbeiteten Verhaltenskodex zum respektvollen Umgang mit ihren Angestellten. Die Unterzeichnung sei allerdings freiwillig.