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Belgien: Massenflucht aus dem Knast

Beim größten Gefängnis-Ausbruch in der jüngeren Geschichte Belgiens sind in Flandern 28 Männer getürmt. Acht von ihnen gingen der Polizei später ins Netz, der Rest befindet sich weiter auf der Flucht.

Unter ihnen waren Diebe, aber keine Mörder, berichteten belgische Medien am Sonntag. Auch die Polizei in den benachbarten Niederlanden wurde in Alarmzustand versetzt. Der beispiellose Vorfall löste eine Debatte über die Sicherheit der belgischen Haftanstalten aus. Die im flämischen Dendermonde gilt als veraltet. Zwei Häftlinge, die zu einer osteuropäischen Diebesbande gehörten, brachen am frühen Samstagmorgen gegen 2.00 Uhr ihre Zellentür auf, berichtete die Nachrichtenagentur Belga. Dann nahmen sie kurzzeitig mehrere Aufseher als Geisel und drohten ihnen mit dem abgebrochenen Stück eines Spiegels.

Mit den Zellenschlüsseln der Wärter befreiten die Drahtzieher 26 Häftlinge, die größtenteils zu der Diebesbande gehörten. Verletzte gab es bei der gewaltsamen Aktion nicht, sagte der Sprecher der örtlichen Staatsanwaltschaft, Christian Du Four. Wie konnte der Ausbruch nur passieren? "Darauf habe ich keine Antwort", entgegnete der Jurist ratlos. Über den Innenhof der Anstalt gelangten die Häftlinge in die Freiheit. Da die erbeuteten Schlüssel nicht für die Außentüren passten, mussten die Männer eine Mauer und einen Stacheldrahtzaun überwinden. Ihre Hände schützten sie mit Bettlaken. Hilfe von außen erhielten die Männer offensichtlich nicht.

Erinnerungen an die Flucht von marc Dutroux

Ratlos war auch Gefängnisdirektor Roland Mertens: "Das Gefängnis ist kein neues Gebäude und hat sicherlich seine Schwächen", räumte er ein. "Es ist jedoch verfrüht zu sagen, dass es ungeeignet ist." In Dendermonde zwischen Gent und Brüssel verbüßen etwa 200 Männer ihre Strafen. Pech für Mertens: Im kommenden Monat sollten Schlösser in seiner Anstalt ausgetaucht werden. Ein Ausbruch wie am Wochenende wäre dann unmöglich gewesen. Der Massenausbruch wirft Belgien bei der Gefängnissicherheit um Jahre zurück. Während 1995 noch 105 Gefangene das Weite suchten, waren es im vergangenen Jahr noch 17 gewesen. Gefängnisausbruch ist in Belgien keine Straftat.

Ein Justiz-Skandal sitzt den Belgiern heute noch in den Knochen: Der später als Mörder verurteilte Kinderschänder Marc Dutroux flüchete am 23. April 1998 bei einem Gerichtstermin in Neuchâteau und versetzte das Land in Angst und Schrecken. Er wurde drei Stunden später in einem Wald gefasst. Der frühere Justizminister Tony Van Parys sparte nach dem Massenausbruch nicht mit Kritik an der Regierung. Diese habe den Bau von neuen Gefängnissen verschlafen. Die jetzige Amtsinhaberin Laurette Onkelinx versicherte dem Personal und dem Leiter des Gefängnisses ihre Unterstützung und kündigte eine Untersuchung an.

DPA