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Ein Kontinent im Exodus: Lateinamerika ist auf der Flucht - und Europa hat diese Krise längst erreicht

Ein ganzer Kontinent leidet unter der wohl größten Massenflucht, die er je erlebt hat: Südamerika. Vor allem in Nicaragua und Venezuela vertreiben die Verhältnisse die Menschen. Und die Krise ist bereits über den Atlantik geschwappt.

Von Jannik Wilk

Schlange stehen vor einem Lebensmittellladen in Venezuela

Stundenlang stehen die Venezolaner tagtäglich in den Schlangen der kleinen Lebensmittelläden. Nur, um anschließend leergefegte Regale zu finden. Die Stimmung beim Warten: angespannt. Jeder will sein Brot. 

DPA

Es knallt, Rauch liegt in der Luft. Jeder ist jetzt auf der Straße. Die wütende Meute steht vor den brennenden Haufen und johlt. Zuvor war sie durch die Stadt gezogen, bewarf Flüchtlinge mit Steinen, steckte ihre Zelte und Habseligkeiten in Brand. Alles aus Fremdenhass. Das Militär musste eingreifen. Der Mob jubelte, als die Fremden aus Angst um ihr Leben die Stadt verließen. Brasilianer, die Jagd auf Flüchtlinge aus Venezuela machen – diese Szenen sind erst vor kurzem von Reportern gefilmt worden und auf Youtube zu sehen.

Die Not treibt sie nach Brasilien

Die Venezolaner hatten sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben durch ihr Heimatland gekämpft, immer Richtung Ausland. Ihre Ziel: die brasilianische Grenzstadt Pacaraima. Endstation. Hier wurde ihnen schmerzhaft deutlich gemacht, dass sie unerwünscht sind. Aber sie sind so verzweifelt auf der Suche nach Essen und Medikamenten, dass sie weiter nach Brasilien kommen. Denn in ihrer Heimat können sie nicht bleiben. Doch in Pacaraima auch nicht. 

Brasilianischer Mob und brennende Eigentümer in Pacaraima

Der Mob in der Grenzstadt Pacaraima vor brennenden Eigentümern der Venezolaner. Ausdruck der neuen Fremdenfeindlichkeit, die besonders in Brasilien auf dem Vormarsch ist. 

dpa

Costa Rica, ungefähr zur selben Zeit: aufgebrachte Bürger skandieren auf fremdenfeindlichen Demonstrationen rechte Parolen. Sie tragen Hakenkreuze und Nationalflaggen. Ihr Hass gilt den nicaraguanischen Flüchtlingen, die zu Tausenden ihrer Heimat entkommen müssen, um nicht einem mörderischen Staat zum Opfer zu fallen. "Nicas raus!", brüllen die Demonstranten. Die Nicaraguaner schreckt das nicht ab, weiterhin einzureisen. Fremdenhass ist immer noch besser, als in der Heimat in Folterkellern zu sterben. 

Ungebändigter Hass auf Fremde nimmt überall beängstigend zu: Szenen wie aus Chemnitz, wo rechte Hooligans Jagd auf dunkelhäutige Menschen machten. Bilder wie aus Köthen, Pogromstimmung eines Mobs im Fackelschein. Brandangriffe auf Flüchtlingsheime. Zunehmend rechtsgerichtete Regierungen. Der Fremdenhass steigt an, oder wird zumindest sichtbarer, wie auch in Deutschland.

Die wohl größte Massenflucht in der Geschichte von Lateinamerika 

In Lateinamerika sind laut Vereinten Nationen mehr als zwei Millionen Venezolaner seit 2015 geflohen, und in den vergangenen anderthalb Jahren wanderten ungefähr eine Million von ihnen nach Kolumbien aus. Den wichtigsten Grenzübergang überquerten bereits Anfang des Jahres bis zu 40.000 Menschen täglich. Zehntausende schutzsuchende Nicaraguaner kommen hinzu. Und das sind die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffer dürfte höher liegen. 

Die Grenze von Venezuela nach Kolumbien bei Cúcuta

An den Grenzen steht man bis zu 24 Stunden in der Schlange - sofern man einen Pass hat. Den Übergang bei Cúcuta, dem wichtigsten für die Reise nach Kolumbien, überqueren täglich 40.000 Menschen.

DPA

Sie gehen nach Brasilien oder Kolumbien, nach Costa Rica und Argentinien, über Ecuador nach Peru, ja sogar bis ins südliche Chile. In der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta werden inzwischen mehr venezolanische Babys geboren, als kolumbianische. Ecuador rief in mehreren Regionen den Ausnahmezustand aus und öffnete kürzlich gar einen humanitären Korridor für die Menschen, die das Andenland zu Fuß überqueren, um weiter nach Süden zu gelangen.

Die Regierungen erschweren die Einreise aufgrund der schieren Massen zunehmend, sind auf Abschottungskurs, fordern Hilfe. Und nun werden die Geflüchteten auch noch angefeindet, wo sie auch hingehen. Wie konnte es so weit kommen?

Nicaragua: Einst sicher, heute tödlich

Mittlerweile werden auch einstige Oasen der Stabilität erfasst, wie Nicaragua. Das Land war bis vor kurzem ruhig, man rühmte sich stolz als "das sicherste Land Zentralamerikas". Heute fliehen die Nicaraguaner vor dem größten Blutbad in der Region seit 30 Jahren.

Begonnen hat es mit Demonstrationen der Bevölkerung gegen eine Reform des Sozialsystems. Die Renten sollten, unter anderem, um fünf Prozent gekürzt werden. Denn die Kassen sind seit Jahren klamm. In wenigen Tagen entwickelten sich Proteste der Bevölkerung darüber zu einem Aufstand.

Denn dabei ging es gar nicht so sehr um die Rente, die Reform war nur der Tropfen zuviel. Es ging vor allem um die Unzufriedenheit über den eigenen Machthaber, also lief das Fass über. Der Frust der Nicaraguaner über ihren Präsidenten, dem ehemaligen linken Helden Daniel Ortega, entlud sich in Gewalt auf beiden Seiten.

Ortega selbst stand einst für eine gerechte Welt und befreite das Land Ende der 70er als Revolutionär von seinem einstigen Diktator. Heute scheint es fast, als sei das damalige Regime zurückgekehrt. Von seinen sozialistischen Idealen hat er sich weitestgehend verabschiedet. Ortega ließ die Aufstände blutig niederschlagen, zehn Menschen starben. Er und seine Frau, die Vizepräsidentin Rosa Murillo, unterdrücken das Land seitdem rücksichtslos. 

Nicaraguaner wird abgeführt

Ein Protestler wird von der Polizei in der Haupstadt Nicaraguas, Managua, verhaftet. Das geschah vor wenigen Tagen. Heute könnte er bereits tot sein.

AFP

Sie ließen eine schwarze Liste von Regierungsgegnern anlegen und schickten vermummte Schlägertrupps auf die Straße. Sogar die Armee setzten sie gegen die eigene Bevölkerung ein, Panzer rollten durch die Städte. Paramilitärs schossen mit Maschinengewehren auf Bürger, die nur mit Steinen warfen. Die Feindbilder: Studenten, Journalisten, Pfarrer. Ärzte im ganzen Land wurden entlassen, weil sie Demonstranten behandelten,  Medienhäuser brannten.

Seit dem Frühjahr wurden mehrere hundert Menschen getötet, gefoltert, vergewaltigt oder verschwanden spurlos. Die Zahl der Toten steigt ständig. Und es wird immer schwerer mitzuzählen, denn die Nichtregierungsorganisationen, die bisher aus Nicaragua für die Zahlen der Todesopfer verlässlich Informationen sammelten, müssen aufgeben, ihre Mitarbeiter werden verhaftet.

Mittlerweile hört man nicht mehr ganz so viel von den Gewaltausbrüchen im Land. Der Grund: die Repression findet zunehmend hinter geschlossenen Türen statt. Die Nicaraguaner trauen sich inzwischen kaum noch auf die Straße.

Der Fisch stinkt vom Kopf her: Venezuela

Dann ist da noch Venezuela. Ein Land, das seit Jahren dem Abgrund entgegenschlittert und das nun vor einer sozialen Tragödie steht. Das Volk sitzt auf einem Berg Naturressourcen - und sieht davon nichts. Und auf einem weiteren Berg, einem aus Geld - und kann sich nichts davon kaufen. Selbst Grundnahrungsmittel sind für die Venezolaner inzwischen unerschwinglich. Der "sozialistische" Staat leidet unter einer Hyperinflation, die bald eine Million Prozent betragen könnte, wie der IWF fürchtet. Die höchste Inflationsrate der Welt hat Venezuela bereits.

Reformen von Staatspräsident Nicolas Maduro, der kürzlich fünf Nullen aus der Währung streichen und verkünden ließ, er hätte "die magische Formel" gefunden, um den Absturz zu stoppen, verpuffen wirkungslos. Der Glaube, dass sich noch etwas zum Guten ändert, hat - außer den glühenden Verfechtern des Systems - kaum noch ein Venezolaner. Seit dem 20. Mai, dem Tag einer unsauberen Präsidentenwahl, ist klar, dass Maduro bleibt - und die Resignation hat ein Maximum erreicht. 

Leere Regale in Venezuela

Läden im ganzen Land sind leer gefegt. Es fehlt an Lebensmitteln und Medizin. Die Lage ist prekär, denn ein Großteil der Venezolaner ist unterernährt. Hier eine Apotheke in der Hauptstadt Caracas.

dpa

Gewaltsame Proteste und Aufstände der Bevölkerung gibt es seit vielen Monaten. Es wird geklaut und geplündert im ganzen Land. Denn jeder ist sich selbst der Nächste, wenn es ums Überleben geht. Diejenigen, die gehen, bezeichnet Präsident Maduro als Sklaven und Bettler, die von den Feinden der bolivarischen Revolution getäuscht worden seien. Teile des Volks sind unterernährt, es gibt kaum Arbeit. Der Staatsapparat verfolgt auch hier politische Gegner rigoros. Sie erkaufen sich die Bürger Stimmen der Bürger mit Essen, Krediten, ja sogar Häusern.

Also begann eine der größten Massenfluchten der Geschichte. Zynisch ist, dass die Exil-Venezolaner zu den wichtigsten Finanziers von Maduro gehören – die Überweisungen an zurückgelassene Familienmitglieder sind immens. Und die Regierung profitiert auch von den Wechselgeschäften von Dollar in Bolivar. Inzwischen gehen die Exil-Venezolaner zahlenmäßig in die Millionen - und Maduro macht ordentlich Kasse.

Warum die Krise in Europa längst erreicht hat 

Auch in Europa ist die Krise längst angekommen. Fast 40 Prozent der Asylanträge machten in Spanien dieses Jahr allein Venezolaner aus, gab das UN-Flüchtlingshilfswerk in Madrid bekannt. Zehntausende suchen inzwischen legal und illegal einen Weg, in Europa zu bleiben. Wer es sich leisten kann, geht auf die iberische Halbinsel. 

Screenshot Google Maps: Lateinamerika

Ein kleiner Überblick über die Lage Nicaraguas und Venezuelas und ihrer Nachbarländer, die der Massenexodus am härtesten trifft.

Die umliegenden Länder leiden unter der schieren Anzahl der Ankömmlinge und fordern internationale Unterstützung. Sogar die UN sieht die Staaten durch den venezolanisch-nicaraguanischen Exodus zunehmend gefährdet. Der kolumbianische Präsident Duque reist Ende dieses Monats nach Europa, trifft Emmanuel Macron, den Papst und Vertreter der EU, um mehr Hilfe einzufordern.

Es sind dieses Jahr weltweit die meisten Flüchtlinge aller Zeiten unterwegs, zum fünften Mal in Folge. Aber eigentlich wollen sie, Venezolaner und Nicaraguaner, gar nirgendwo hin. Nicht nach Spanien, Brasilien oder Costa Rica. Am liebsten würden sie einfach zuhause bleiben.