Bhuttos politische Rolle Comeback mit dem Tod im Nacken


Benazir Bhutto wusste, wie gefährlich ihre Strategie im Ringen um die Macht in Pakistan war: Sie musste die Massen mobilisieren, sich den Wählern nähern - und kam ihnen dabei tödlich nahe. Ihre Ermordung zeigt, wie tief das Land im Sumpf des Terrors versunken ist.
Von Nils Rosemann

"Ich werde Pakistan von Extremismus und Diktatur befreien", versprach Benazir Bhutto vor ihrer Rückkehr nach Pakistan. Das war im Oktober dieses Jahres. Seit ihrer Ankunft hat sie der Diktatur unter Ex-General und Präsident Pervez Musharraf das Versprechen freier Wahlen und die Aufhebung des Ausnahmezustandes abgerungen. Bedingungen für eine weitere Demokratisierung und den Rückzug der Armee aus der Politik folgten. Die Duldung der Taliban an der Grenze zu Afghanistan wollte sie aufheben, ein Ankündigung, die ihr die politische Unterstützung der USA zusicherte, die in Musharraf immer weniger den Garant für Pakistans verlässliche Partnerschaft im globalen Krieg gegen den Terror sehen.

Doch der Terror war ihr und ihren politischen Forderungen immer auf den Fersen. An diesem Donnerstag, beim dritten Versuch, hat er in Benazir Bhutto das prominenteste Opfer der vergangenen Jahre in Pakistan gefunden. Bereits bei ihrer Ankunft im Oktober in Karatschi waren zwei Bomben explodiert und hatten den Freudenzug in eine Trauerprozession verwandelt. Wie durch ein Wunder blieb sie damals unverletzt. Aber auch in der Folge ließ es ihre politische Strategie nicht zu, die Straßen zu meiden, die Gefahr auf Distanz zu halten. Ihr Widerstand gegen den von Musharraf ausgerufenen Notstand machte es unabdingbar, dass sie die Massen auf der Straße mobilisierte. Kein Politiker, keine Politikerin hatte so viel Charisma wie sie. Wie sehr Musharraf sie fürchtete, lässt sich auch daran ablesen, dass er sie zwei Mal unter Hausarrest stellte. Kommentatoren sprachen von der Angst des Diktators vor Bhuttos Mobilisierungskraft. Musharraf berichtete von Hinweisen auf weitere Anschläge gegen Bhutto.

Mit Nähe gegen die Zweifel

Der öffentliche Druck ließ Musharraf den Notstand aufheben und Wahlen für den 8. Januar 2008 ankündigen. Der von der Wahlkommission aufgelegte Verhaltenskodex zur Vermeidung von Massenkundgebungen wurde dabei vor allem von Bhutto und ihrer Volkspartei ignoriert. Denn sie musste weiter Überzeugungsarbeit leisten. Von Korruptionsvorwürfen einst ins Exil getrieben war sie auch nach ihrer Rückkehr nicht unumstritten. Ein angebliches Machtteilungsversprechen mit Musharraf machte sie politisch angreifbar. Kompensieren konnte sie diesen Makel nur mit stets wachsender Mobilisierung - mit genau jener Nähe zum Volk, die sie so verwundbar machte - und es ihrem Mörder nun auch erlaubte, ihr tödlich nahe zu kommen. "Sie ist den Märtyrertod gestorben", sagte ein Sprecher ihrer Partei.

Bhuttos Partei ist ein Erbhof ihrer Familie

Für die bevorstehenden Wahlen birgt Bhuttos Tod die Gefahr einer Marginalisierung der von ihrem Vater Zulfikar Ali Bhutto gegründeten Volkspartei. Parteien sind in Pakistan streng hierarchische Unternehmen. Benazir Bhutto war Präsidentin auf Lebenszeit, und die Partei ist mit ihrem Ableben kopflos geworden. Bhutto hatte sich ihren Alleinvertretungsanspruch in der Partei hart erkämpft. Nachdem ihr Vater als Premierminister durch einen Putsch entmachtet, in den Kerker geworfen und später hingerichtet wurde, trat sie dessen Erbe an. Ein Bruder - einziger innerfamiliärer Konkurrent - kam unter mysteriösen Umständen ums Leben. Ihre Mutter stand lange Zeit unter Hausarrest. Weggefährten und Gründungsmitglieder ihres Vaters verließen die Partei. Ihre zwei Amtszeiten als Premierministerin endeten jeweils vorzeitig wegen Amtsmissbrauch und Korruptionsvorwürfen gegen sie und ihren Mann.

Der Mord an der 54-Jährigen zeigt, wie tief Pakistan im Sumpf des Terrors versunken ist. Mehr als 500 Menschen sind dieses Jahr Bombenanschlägen zum Opfer gefallen. Religiöser Fanatismus, Stammesfehden und politisch motivierter Terror gehören zum traurigen Alltag in diesem Land - auch weil Terror zum politischen Kalkül gehört. Er rechtfertigt den Polizeistaat, die Einmischung der Armee in die Tagespolitik und die Allgegenwart der Geheimdienste. Diese werden auch immer wieder mit al-Kaida-nahen Terrorzellen in Verbindung gebracht. Benazir Bhutto hatte im Militär mehr Feinde als Freunde. Die Frage wird bleiben, ob man sie nicht schützen konnte - oder sie nicht schützen wollte.


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