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Bill Clinton: Der Sonnenkönig muss niederknien

Für die Clintons kommt's derzeit faustdick. Auf dem Krönungsparteitag der US-Demokraten musste erst Hillary Barack Obama huldigen, in der Nacht zu Donnerstag ist Bill dran, lange der König der Demokraten. Aber der kann nicht mit Obama, und zweifelt an dessen Sieg. Dennoch muss er ihn preisen.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Denver

Was wird Bill machen? Keine Frage wird in Denver so oft gestellt wie diese. Wird er Obama feiern? Oder nur loben? Überschwänglich loben oder nur beiläufig? Oder nur John McCain kritisieren? Und wie authentisch wird das Lob klingen? Man wird zwischen den Zeilen lesen. Man wird die Farbe seines oft rot anlaufenden Gesichts analysieren. Man wird nach Zornesfalten suchen. Man kann eine Menge lesen im Gesicht des Bill Clinton. Das unterscheidet ihn von Obama.

Eigentlich geht es bei diesem Parteitag um Obama, aber was der macht, ist ziemlich klar. Er wird wie immer eine große Rede halten. Die Anhänger werden die große Rede eine großartige Rede nennen und selbst Hillary wird dies tun. Aber was macht der Mann, der den Demokraten den einzigen Doppelsieg seit Franklin D. Roosevelt bescherte?

Eines ist gewiss: Bill Clinton hat an diesem Mittwochabend sein Spotlight wieder. Er hat die Aufmerksamkeit, die er für sich in Anspruch nimmt. Dabei geht es schon lang nicht mehr um ihn.

Ein langer Weg zu einer Clinton-Obama Freundschaft

Bill Clinton schmollt. Eigentlich schmollt er schon seit Monaten. Er fühlt sich von den Medien schlecht behandelt und den Kennedys und John Kerry und den Obamas sowieso, aber schlimmer noch: er fühlt seine Frau schlecht behandelt. Also spricht er nicht mehr mit den Medien, und wenn er doch einmal spricht, schmollt er im Gespräch weiter oder sagt einen Satz wie diesen: Man kann argumentieren, dass keiner je bereit ist für die Präsidentschaft. So antwortet er auf die Frage, ob der junge Obama bereit ist für die Präsidentschaft.

Bill spricht nicht öffentlich, aber er lässt seine Freunde in Denver sprechen. Seine Freunde sagen, dass es noch ein langer Weg ist zu einer Obama-Clinton Freundschaft. Sie sagen, dass der ehemalige Präsident sich ungerecht behandelt fühle. Sie sagen, dass er kein Rassist sei, wie von Obamas Leuten angeblich im Vorwahlkampf insinuiert. Sie sagen, dass Obama das deutlicher hätte klarstellen können. Sie sagen, dass Obama überhaupt vieles deutlicher hätte sagen können. Vor allem, dass Bill ein großer Präsident war.

Im Prinzip sagen Bills Freunde: Geh auf die Knie, Obama. Bitte um Vergebung, Obama.

"Was Bill Clinton angeht, gibt es noch eine Menge zu tun", sagt der Clinton-Freund Howard Wolfson. "Er glaubt, dass das Obama Team ganz systematisch die Erfolge seiner Regierungszeit klein geredet hat. Er glaubt, dass er während der Vorwahlen als Rassist hingestellt wurde."

Die Wachablösung tut Clinton weh

Bill Clinton war 15 Jahre König der Demokraten. Es gab den großen Ted Kennedy, aber der packte es nie an die Spitze. Es gab Al Gore, aber der wurde erst nach seiner Niederlage zum Nationalhelden. Es gab John Kerry, doch der versagte vor vier Jahren kläglich. Es gab nur einen Sieger, Bill Clinton, dies war seine Partei, und nun soll er abgelöst werden von einem jungen respektlosen Prinzen. Das tut weh. Bill Clinton vergisst so schnell nichts. Er ist bekannt für sein gutes Gedächtnis.

Es ist schlimm genug für den Ex-Präsidenten, dass seine Frau die Vorwahlen der Demokraten nicht gewann. Schlimmer aber ist, dass Obama sie mit einem Clinton- Slogan besiegte: Change. Das Wort gehörte mal Bill Clinton. Genauso wie die Jugend. Die gehörte auch mal Bill Clinton. Und der Neuanfang. Alles Bill Clinton. Alan Wolf, Professor des Boston College, nennt Obama den eigentlichen Clinton. "Während der Vorwahlen sagte ich zu den Leuten, dass Obama, nicht Hillary der wahre Clinton ist."

Bill und Barack sollen in der vergangenen Woche per Telefon gesprochen haben, hört man. Aber vorher sollen sie Wochen nicht miteinander gesprochen haben. Bill möchte gern um Rat gefragt werden, aber Obama hat ihn nie um Rat gefragt. Jede Nicht-Ratsuche ist so etwas wie eine Majestätsbeleidigung im System Clinton. Es ist alles sehr kompliziert.

Und dann hat Obama ihm für die Rede auch noch den Mittwochabend gegeben. Das Motto am Mittwoch ist: Amerikas Zukunft sichern. Nicht gerade Bills Lieblingsthema. Er würde lieber über die gruselige Wirtschaftslage sprechen und die großartige Wirtschaftslage in den Neunzigern. Er würde lieber über die Erfolge der Demokraten sprechen, eigentlich über sich selbst. Den Segen des Clintonismus. Die Lehren des Clintonismus. Er glaubt zu wissen, wie man diese Wahlen im November gewinnt. Man sollte ihn mal fragen.

Auch Obama trägt Schuld am Zerwürfnis

Die Obama-Leute sagen, die Clintons benehmen sich wie die Japaner nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie kämpfen noch immer, obwohl der Krieg längst vorbei ist. Sie benehmen sich wie absolute Monarchen, die von der Macht nicht lassen können. Aber Obama hat sich einiges auch selber zuzuschreiben. Er hat die Clintons mehr oder weniger als Auslaufmodell beschrieben. Er beschrieb den Kampf zwischen ihm und Hillary als Kampf zwischen Alt und Neu. Zwischen New Hope und Old Style Politics. Er meinte damit das Geschachere der Clintons, die Strippenzieherei, die Ellbogenkämpfe. Obama geißelte die Old Style Politics, bevor er selber die Old Style Politics anwandte. Er sprach abfällig von den alten Kämpfern, bevor er sich mit Joe Biden selbst einen alten Kämpfer als Vize holte.

Für Bill Clinton klang das alles zu sehr nach Abrechnung mit der Vergangenheit, mit einer ganzen Generation, mit den Baby Boomern, mit 68. Das Problem ist: Die 68er fühlen sich noch sehr jung. Sie standen mal für die Jugend. Ihnen gehörte mal die Jugend. Davon kann man so schnell nicht lassen.

Das vielleicht größte Problem ist: Bill Clinton traut Obama zu, dass er den sicher geglaubten Sieg im November noch verspielt. Dass er nicht taff genug ist für den Wahlkampf gegen den alten Kämpfer McCain, nicht erfahren genug, ein Greenhorn in Zeiten des neu aufkeimenden Kalten Kriegs.

Es wäre ohne Frage die schlimmste Niederlage in der Geschichte der Demokratischen Partei.

Oder aber die Chance für eine neue Kandidatur 2012. Man müsste ein Clinton sein, um so zu denken.