Bolivien "Dies könnte Bagdad sein, aber es ist La Paz"


Die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Einheiten der Armee um den Gasexport in Bolivien nehmen offenbar bürgerkriegsähnliche Ausmaße an. Die Regierung warnte vor einem drohenden Putsch.

"Dies könnte Bagdad sein, aber es ist La Paz." So drastisch kommentierte jetzt eine bolivianische Zeitung die Bilder der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in Bolivien um den Export von Erdgas der letzten Tage. Die Medien berichten von 26 Toten und fast 100 Verletzten allein am Sonntag durch den Einsatz des Militärs gegen Demonstranten in der Vorstadt El Alto oberhalb der Hauptstadt La Paz. Die Soldaten hatten sich den Weg freigeschossen, um Tanklastwagen trotz der Straßenblockaden nach La Paz durchzubringen.

Die Regierung des konservativen Präsidenten Gonzalo Sànchez de Lozada gab die Zahl der Toten mit nur fünf an und warnte vor einem drohenden Putsch durch den Anführer der Koka-Bauern, Evo Morales. Das am Montag plötzlich vorgelegte Angebot, vor einer Entscheidung über die umstrittene Ausfuhr von Erdgas unverbindliche "Konsultationen" und eine öffentliche Diskussion abzuwarten, könnte indes zu wenig und zu spät sein.

"Angespannte Lage"

"So angespannt war die Lage in den vergangenen vier Jahren nicht", sagt der Leiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Bolivien, Reinhard von Brunn. La Paz mit dem Regierungssitz sei durch die Straßensperren von der Außenwelt abgeschnitten und der Flugverkehr auf dem internationalen Flughafen in El Alto ausgesetzt. In der Stadt gebe es wegen Benzinmangels kaum noch Verkehr. Zudem bewegten sich von mehreren Richtungen Demonstrationszüge auf die Millionen-Stadt zu. Ein Streik lege das öffentliche Leben lahm.

"Das Angebot der Regierung für Konsultationen ist lächerlich und zeigt nur deren Unfähigkeit", fügt von Brunn hinzu. "Die Kräfte auf der Straße haben Morgenluft gewittert und werden sich durch so ein Angebot nicht mehr beruhigen lassen", meint der Kenner des Landes.

Widerstand gegen Ausbeutung

Dabei hatte die Regierung Zeit genug, den Sprengsatz zu entschärfen. Bereits vor einem Monat begannen die landesweiten Proteste der Koka-Bauern und linker Basisorganisationen gegen den geplanten Gasexport über einen Hafen des ungeliebten Nachbarn Chile in die nicht weniger unbeliebten USA. Vor einer Woche schloss sich auch der mächtige Gewerkschaftsdachverband COB an.

Der Widerstand schöpft seine Kraft vor allem aus der Armut und der täglichen Erfahrung mit haarsträubender Korruption, aber auch aus dem Trauma Jahrhunderte langer Ausplünderung durch die spanischen Eroberer. Vor allem Gold und Silber, später auch andere Bodenschätze mussten und müssen die Minenarbeiter noch heute unter unmenschlichen Bedingungen aus der Tiefe holen. Reich werden dabei nur Ausländer und eine dünne Oberschicht.

"Das Gas darf auf keinen Fall aus dem Land"

"Das Gas darf auf keinen Fall aus dem Land", sagt ein Student stellvertretend für viele Bolivianer. Wenn das Ausland daran so interessiert sei, dann weil es sich wieder auf Kosten Boliviens bereichern wolle, meint der junge Mann. Die Energie solle besser genutzt werden, um die heimische Produktion anzukurbeln. Die Verträge mit ausländischen Unternehmen räumen dem Staat nach Berechnungen der Kritiker nur 18 Prozent der Erträge ein.

Und schon gar nicht soll das Gas durch Chile ausgeführt werden. "Wir können das Gas doch nicht unserem Feind schenken, damit der noch reicher wird", empört sich Nemesio Choque, der an einer der Straßenblockaden vor La Paz teilgenommen hat. Die Feindschaft mit Chile reicht weit zurück. 1879/80 nahm Bolivien an der Seite Perus am Salpeterkrieg gegen Chile teil. Chile siegte und Bolivien musste seine einzige Küstenprovinz Antofagasta und damit den Zugang zum Meer abtreten.

Losada unter Druck

Für Staatschef Sànchez de Losada, der in den USA studiert hat und Spanisch nur mit nordamerikanischem Akzent spricht, wird es eng. Es ist unklar, wie lange das Militär noch zu ihm hält. «Wenn er Geld will, soll er doch seine Frau verkaufen», schimpft die Demonstrantin Elías Marka.

Jan-Uwe Ronneburger DPA

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