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Truss versus Sunak Kampf um Downing Street: Die größte Herausforderung für den Johnson-Nachfolger heißt Boris

Sie wollen beide in die Downing Street: Rishi Sunak (l.) und Liz Truss
Sie wollen beide in die Downing Street: Rishi Sunak (l.) und Liz Truss
© Jeff Overs / BBC / AFP
Die Suche nach einem Nachfolger von Premier Johnson lähmt Großbritannien zu einem Zeitpunkt, an dem das Land dringend Führung benötigt. Doch die größte Herausforderung für die neue Nummer eins ist nicht die grassierende Inflation.

Das Finale steigt, wie es sich für einen großen Anlass gehört, in Wembley. Zwar werden Liz Truss und Rishi Sunak nicht im sagenumwobenen Fußballstadion gegeneinander antreten, mit Zehntausenden Parteimitgliedern auf den Tribünen. Aber auch in der Veranstaltungshalle Wembley Arena gleich nebenan dürfte die Stimmung hochkochen, wenn sich die beiden Bewerber um die Nachfolge des britischen Premierministers Boris Johnson am Mittwochabend zum letzten Mal den Mitgliedern der Konservativen Partei stellen.

Der letzte Eindruck zählt, die Stimmabgabe endet am Freitag. Am Montag soll dann bekanntgegeben werden, wer in die Downing Street einzieht. Endlich, sagen viele Menschen in Großbritannien.

Dauer-Wahlkampf lähmt Großbritannien

"Die britische Politik war im vergangenen Monat eine Lektion in Folter", kommentierte der Kolumnist Simon Jenkins in der Zeitung "Guardian". "Der Wahlkampf hat beide Kandidaten so beschädigt, dass Tory-Mitglieder – und die Bevölkerung im Allgemeinen – offenbar selbst einen diskreditierten Boris Johnson als Premier bevorzugen würden." Von einem Bürgerkrieg innerhalb der Konservativen Partei war vorübergehend die Rede. Zu Beginn des Duells herrschte eine solche Schärfe, dass einige Beobachter schon glaubten, die Tories könnten sich fürs Erste keinesfalls mehr zusammenraufen.

Das hat sich wieder geändert. Doch der Dauer-Wahlkampf, der mit Johnsons Rückzugsankündigung am 7. Juli begonnen hatte, lähmt das Land zu einem Zeitpunkt, an dem es dringend Führung benötigt. Die Inflation über 10 Prozent und steigend, die Energiepreise vermutlich bald vervierfacht, der Brexit noch längst nicht überwunden, dazu der russische Krieg gegen die Ukraine. Das sind nur die absoluten Top-Themen, mit denen sich die neue Premierministerin oder der neue Premierminister von Tag eins an beschäftigen muss.

Hinzu kommen interne Sorgen. Die größte Herausforderung für die Neue oder den Neuen in der Downing Street heiße Boris Johnson, meint der Politologe Matthew Flinders von der Universität Sheffield. Denn der scheidende Premierminister sieht sich zu Unrecht aus dem Amt gejagt. Johnson werde nicht schweigend von der Bühne verschwinden, sagt Flinders im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Liz Truss liegt in Umfragen vor Rishi Sunak

Dass die Neue Liz Truss heißen wird, glauben die meisten, die das Rennen verfolgen. Wiederholt lag die 47-Jährige in Umfragen so deutlich vor Sunak, dass dessen Sieg mittlerweile einer Sensation gleich käme. Woran sich der 42-Jährige noch klammern kann, ist, dass Meinungsforscher oft betonen, wie schwer es ist, die Stimmung in der Konservativen Partei zu ermitteln. Denn die Tories stellen der Öffentlichkeit keine Unterlagen zu ihren Mitgliedern zu Verfügung.

Es ist nicht einmal bekannt, wie viele Menschen genau an der Abstimmung teilnehmen dürfen. Schätzungen gehen von bis zu 200.000 Parteimitgliedern aus, die über den nächsten Premier entscheiden. Das sind rund 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung – vornehmlich weiß, männlich, über 60 und aus dem wohlhabenderen Südengland. Diese Gruppe scheint Truss überzeugt zu haben. Einen "Hochsprung" nennt Experte Flinders diesen Teil des Wettkampfs: "Sie muss über eine sehr hohe Latte springen, um die Wahl zur Parteichefin zu gewinnen."

Doch schwierig sei vor allem der folgende "Weitsprung", bei der die Außenministerin eine weit größere Gruppe von sich überzeugen müsse, sagt der Politologe. Das könnte deutlich schwieriger werden, denn der bisher von Truss gefahrene rechtskonservative Kurs dürfte in vielen Gebieten Englands und erst recht in den traditionell Tory-kritischen Landesteilen Schottland und Wales nicht ankommen.

Nötig ist auch frischer Wind beim Personal. "Sie wird von Johnson eines der leichtgewichtigsten, unerfahrensten Kabinette der jüngeren Geschichte erben", betont Kolumnist Jenkins. Johnson habe seine Minister stets wie einen zusammengeschusterten Fanclub behandelt.

Zudem gilt Truss bisher als eher ungelenk bei öffentlichen Auftritten. Der Unterschied zum Populisten Johnson, der mit seiner jovialen Art in Pubs und auf Kricketplätzen gut ankommt, ist immens. "Sie muss zeigen, dass sie tanzen kann", sagt Flinders. Also: Ob sie mit den Leuten auf der Straße klar komme. Etwas Zeit hat sie noch: Die nächste Parlamentswahl muss spätestens im Januar 2025 stattfinden. Nach der skandalerschütterten Ära Johnson liegen die Tories allerdings in Umfragen hinter der Labour-Partei.

les / Benedikt von Imhoff DPA

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