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Bosnien-Herzegowina: Der Massenmord von Srebrenica

Im bosnischen Srebrenica haben serbische Truppen vor zehn Jahren tausende moslemische Jungen und Männer ermordet - das größte Kriegsverbrechen in Europa seit 1945. Ein holländisches UN-Bataillon schaute dabei zu.

Jede Nacht kommen die Leichenberge zurück zu Mevludin Oric. Der 35-Jährige sieht hunderte toter Körper, riecht sie, spürt die Hand seines erschossenen Cousins. Oric hat das Massaker von Srebrenica überlebt. Er lag in einer Turnhalle unter anderen moslemischen Männern, die von serbischen Truppen am 11. Juli 1995 getötet worden waren. Oric atmete, die anderen waren tot. "Als die Soldaten schossen, ließ ich mich fallen, obwohl ich nicht getroffen war", erzählt Oric.

Massaker an Zivilisten

Serbische Soldaten töteten schätzungsweise 8000 Männer und Jungen, nachdem Anführer Radovan Karadzic den Befehl zur Eroberung Srebrenicas gegeben hatte. Frauen und Kinder waren zuvor in Bussen aus der Stadt gebracht worden. Die ostbosnische Gemeinde war eine moslemische Enklave in von Serben erobertem Gebiet, die Vereinten Nationen (UN) hatten sie zur Schutzzone erklärt. Das Verbrechen gilt als schrecklichste Gräueltat an Zivilisten in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Etwa 15.000 bosnische Soldaten und Zivilisten flohen vor den serbischen Soldaten in die Berge, unter ihnen Oric, sein Vater und sein Cousin. Serbische Truppen fanden ihn zwei Tage später. Er wurde zusammen mit 2500 Moslems in eine Turnhalle gesperrt. Dort sah der Mann den gefürchteten Serben-General Ratko Mladic. "Die Menschen flüsterten: Dort, schaut, da ist Mladic. Er stand dort mit seinen Leibwächtern, schaute über uns hinweg und lachte." Als er weg war, wurden die 2500 Männer in Gruppen zu Abschießplätzen gefahren. "Nachdem Mladic gegangen war, begannen sie mit dem Töten."

"Ich sah hunderte aufgeschichteter Körper"

Oric lag neben seinem toten Cousin unter den hunderten anderen Leichen. Er habe die Serben sagen hören: ’Wir schießen allen in den Kopf, damit sie auch wirklich tot sind.’ "Als ich all die Toten sah, dachte ich, ich kann genauso gut sterben." Oric fiel in Ohnmacht. Als er zu sich kam, war es Nacht. Vorsichtig schob er die Leichen über ihm zur Seite und kletterte ins Freie. "Ich sah hunderte aufgeschichteter Körper. Ich begann zu weinen und zu schreien, ich konnte mich nicht mehr kontrollieren." Oric sah den Schatten eines weiteren fliehenden Mannes im Mondlicht. Zu zweit rannten sie in den Wald und erreichten am 21. Juli bosnische Regierungstruppen.

Die genaue Zahl der Opfer ist noch immer unklar. Nach UN-Angaben wurden zwischen 7000 und 8000 Menschen getötet, die bosnisch-serbische Regierung berichtete von mindestens 7779 Opfern, die bosnisch-moslemische Vermissten-Kommission geht von mehr als 8374 Getöteten aus. 42 Massengräber wurden bislang entdeckt. Experten schätzen, es könnten noch bis zu 22 Massengräber in der Gegend um Srebrenica liegen. Bislang wurden 2070 Opfer identifiziert. In mehr als 7000 Säcken liegen noch Leichenteile. Ihre Zuordnung ist schwierig: Die Leichen wurden von Baggern in Massengräber geschaufelt und dabei in Einzelteile gerissen. Zudem wurden Leichen später umgelagert und auf kleinere Gräber verteilt, um das Verbrechen zu verschleiern.

Die mutmaßlichen Hauptverantwortlichen dieser Massentötung, Mladic und Karadzic, sind zehn Jahre nach der Tat noch immer untergetaucht. Das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen (UN) in Den Haag hat Serbien mehrmals dazu aufgefordert, die zwei Männer auszuliefern. Oric kann nicht verstehen, dass Mladic noch nicht zur Rechenschaft gezogen wurde - der Mann, der auf ihn und die 2500 in der Turnhalle eingepferchten Gefangenen hinab sah und lachte. "Als ob Bosnien so groß wäre wie Amerika und sie ihn nicht finden können. Wie ist es möglich, dass sie ihn nicht festnehmen können?", fragt der 35-Jährige.

Oric wohnt mit seiner Mutter und vier Kindern in der Kleinstadt Ilijas nordwestlich von Sarajevo. Er ist arbeitslos, lebt von umgerechnet 62,50 Euro Sozialhilfe im Monat. "Ich erwarte von Mladic, dass er die Wahrheit sagt, wenn er in Den Haag vor Gericht steht. Ich will wissen, wo die Massengräber sind. Mein Vater gilt noch immer als vermisst."

50.000 Menschen bei Gedenkveranstaltung

Rund 50.000 Menschen sind heute zur zentralen Gedenkveranstaltung in der vor zwei Jahren errichteten Gedenkstätte von Potocari vor den Toren Srebrenicas gekommen. Um 12.00 Uhr stand der Verkehr in den meisten bosnischen Regionen still, da die Menschen der Opfer mit einer Schweigeminute gedachten. Die Regierung von Bosnien-Herzegowina hatte den Montag zum Staatstrauertag erklärt.

Das Wetter hat sich auf die traurige Stimmung eingestellt. Der Himmel grau, die umliegenden Berge von Wolken verhüllt. Trotz aller Trauer bricht manchmal die Unzufriedenheit mit dem Ergebnis des Bürgerkrieges durch. Der Friedensvertrag von Dayton, der die heutige Aufteilung des Landes zwischen Muslimen, Serben und Kroaten vorschreibt "wurde mit dem Blut der Srebrenica-Opfern geschrieben", ist auf T-Shirts zu lesen.

In allen offiziellen Ansprachen forderten die Redner die Verhaftung der untergetauchten Drahtzieher. Der Präsident des UN-Kriegsverbrechertribunals, Theodor Meron, forderte die serbischen Behörden auf, Karadzic und Mladic auszuliefern: "Nicht nächsten, sondern diesen Monat, nicht morgen sondern heute". Auch US-Präsident George W. Bush setzte sich in einer vorgelesenen Erklärung für die schnelle Verhaftung von Karadzic und Mladic ein. Erstmals nahm mit Boris Tadic auch ein serbischer Präsident an den Gedenkfeiern teil. Er versprach eine rasche Festnahme der als Kriegsverbrecher gesuchten Ex-Führer.

Beisetzung identifizierter Opfer

Im Anschluss an die Gedenkfeier wurden 610 identifizierte Opfer in der vor zwei Jahren errichteten Gedenkstätte Potocari vor den Toren Srebrenicas beigesetzt. Schon früher waren mehr als 1300 dieser Opfer auf diesem Friedhof bestattet worden. Über 2000 Gräber sind damit belegt. Die Gedenkstätte ist für 10.000 Opfer ausgelegt.

Das UN-Tribunal hat im Zusammenhang mit dem Massaker 19 Menschen angeklagt. Sechs wurden verurteilt, zehn stehen derzeit vor Gericht oder warten auf ihren Prozess. Drei sind noch auf freiem Fuß - darunter Karadzic und sein General Mladic.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters