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Botschaftertreffen USA-Iran: Ein kleiner Sieg der Vernunft

Botschafter der USA und des Iran treffen sich in Bagdad. Es ist der hochrangigste offizielle Kontakt zwischen den beiden verfeindeten Staaten seit 27 Jahren. Doch auf beiden Seiten gibt es Kräfte, die ein Gelingen der Gespräche sabotieren wollen.

Von Steffen Gassel

Es ist in kleiner Sieg der Vernunft inmitten von Chaos und Gewalt: In Bagdad treffen sich heute die Botschafter des Iran und der USA zu Gesprächen. Es ist der hochrangigste offizielle Kontakt zwischen den beiden verfeindeten Staaten seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen vor 27 Jahren. Damals hatten iranische Studenten die US-Botschaft in Teheran gestürmt, 63 Amerikaner 444 Tage als Geiseln gehalten und das Klima zwischen beiden Staaten auf Jahrzehnte hinaus vergiftet.

Allein die Tatsache, dass sich US-Botschafter Ryan Crocker und sein iranischer Amtskollege Hassan Kazemi Qomi an einen Tisch setzen dürfen, ist bemerkenswert: Ohne den politischen Segen von ganz oben ginge das nicht. Präsident George W. Bush und Revolutionsführer Ali Khamenei, beide haben ihr Einverständnis zu dem Treffen von Bagdad gegeben - und dafür in den eigenen Reihen mehr Kritik als Beifall geerntet.

Abstruse Vorwürfe

Einflussreiche Kreise in Teheran und Washington sind gegen jegliche Annäherung der beiden Erzfeinde und versuchen seit Wochen, sie zu hintertreiben. So erklärt sich die Verhaftungswelle, der in den vergangenen Wochen mehrere iranische Wissenschaftler mit US-Staatsangehörigkeit zum Opfer gefallen sind: Haleh Esfendiari, 67, die Direktorin des Nahost-Programms am Washingtoner Woodrow-Wilson-Center, und Ali Shakeri vom Center for Citizen Peace Building der Universität von Kalifornien, die beide in den Iran gereist waren, um ihre kranken Eltern zu pflegen; und Kian Tajbakhsh, 45, ein Soziologe, der bis vor wenigen Jahren in New York gelehrt hatte und nach Teheran zurückgekehrt war, um dort Stadtplanung zu unterrichten. Der iranische Geheimdienst verdächtigt alle drei, Teil eines US-gesteuerten Umsturz-Komplotts zu sein. Die Vorwürfe sind offensichtlich abstrus, doch sie tun ihre Wirkung: Das Klima für konstruktive Gespräche wird schlechter.

Das indes dürfte auch vielen der neokonservativen Strategen Recht sein, die sich zwei Tage nach dem Rendez-vous von Bagdad auf den Bahamas einfinden wollen, darunter so einflussreiche Politiker wie der Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen, Zalmay Khalilzad, und Uri Lubrani, der Chef-Berater des israelischen Ministerpräsidenten. Der Titel ihrer Konferenz "Der iranischen Bedrohung begegnen: Der Weg nach vorn" lässt ahnen, dass diplomatische Initiativen auf der Tagesordnung wohl nicht weit oben stehen.

Eigentliches Thema rückt in den Hintergrund

Ob all dieses Störfeuers ist das eigentliche Thema der Bagdader Gespräche, die Lage im Irak, weit in den Hintergrund gerückt. Ohne eine Verständigung zwischen Washington und Teheran wird das Land zwischen Euphrat und Tigris nicht zur Ruhe kommen - das ist beiden Seiten klar. Doch wichtiger als das Schicksal des Irak ist Iraner wie Amerikanern etwas anderes: sich keine Blöße zu geben. Schwäche zu zeigen vor dem Erzfeind, wäre der ultimative Gesichtsverlust.

Die US-Flotte wird verstärkt

So ist es kein Zufall, dass die US-Flotte pünktlich zum Gesprächstermin in Bagdad so viele Kriegsschiffe in den Persischen Golf entsandt hat, wie seit Beginn der Irak-Kriegs nicht mehr; dass der amerikanische Präsident noch vier Tage zuvor eine Verschärfung der UN-Sanktionen gegen Teheran fordert; und gleichzeitig anonyme Quellen im Weißen Haus durchsickern lassen, Bush habe der CIA grünes Licht für Geheimaktionen zur Destabilisierung des Mullah-Regimes gegeben.

Der iranische Revolutionsführer revanchierte sich auf seine Weise: "Das iranische Außenministerium hat entschieden, die USA in direkten Gesprächen an ihre Verantwortung und Pflichten als Besatzungsmacht zu erinnern - und ihnen ein Ultimatum zu stellen", ätzte Ali Khamenei. Von Verhandlung zwischen gleichberechtigten Partnern könne keine Rede sein. "Die Amerikaner denken, dass die Islamische Republik ihre feste Position gegen Verhandlungen mit den USA aufgegeben hat. Da irren sie sich."

Solche Töne geben einen Eindruck davon, wie schwer er es die Befürworter von Dialog und Verständigung auf beiden Seiten immer noch haben. Die Bagdader Begegnung ist schon allein deshalb ein Erfolg, weil sie überhaupt stattfindet. Der Beginn eines politischen Tauwetters zwischen Washington oder Teheran ist sie noch lange nicht.